Interview mit dem amerikanischen Künstler und Fotografen Tyson Vick

Vor wenigen Tagen hatte ich die Ehre, Tyson Vick zu interviewen*. Wir sprachen über seine künstlerischen und photographischen Arbeiten, über seine multikulturelle Vision vom Steampunk-Genre und noch einiges mehr…

Amalia: Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst für dieses Interview. Ich finde deine Arbeiten außergewöhnlich. Dein jüngsten Fotobuch re-imaginiert Mozart und seine berühmten Werke. Als ich mir einige der Fotos ansah, war mein erster Gedanke, selbst wenn man Mozarts Opern oder andere Musik von ihm nicht kennt, kann man diese farbenfrohen und hoch ästhetischen Fotos sehr genießen. Und sie mögen manch einen neugierig auf Mozart machen.

Tyson Vick: Danke!

Amalia: Bitte erzähle uns ein wenig über deinen Arbeitsprozess. Wie gehst du dabei vor – findet die Planung in deinem Kopf statt, oder machst du Skizzen, Moodboards oder andere Dinge vorab? Und mit wem hast du für dieses Fotobuch zusammengearbeitet?

Tyson Vick: Es sind viele Dinge in “Mozart Reimagined” eingeflossen. Ursprünglich habe ich eine Ausbildung fürs Filmemachen, daher gehe ich an diese Fotoprojekte so heran, als ob ich einen Film machen würde. Zuerst habe ich die Opern gelesen und gehört, dann über die historischen Aufführungen recherchiert, und, was noch wichtiger ist, die Epoche, in der die Stücke spielen. Danach habe ich Ideen skizziert oder auch Filme gesehen, um Inspirationen zu erhalten. Das hat dann auch die Kostüme und Requisiten beeinflusst, die ich kreiert habe. Nachdem alle Kostüme und Requisiten fertig waren, fing die nächste Phase an: Die Planung des Foto-Shootings. Dazu gehörte es auch, Modelle, Schauspieler und Musiker zu casten, Terminabsprachen und die Produktion.

Bei “Mozart Reimagined” habe ich vor allem mit den Modellen gearbeitet, die die Charaktere darstellten, aber es gab auch zwei Make-Up-Ladies, Jadi Stuart in Kalifornien und Lizzie Web in Montana, wo die meisten der Fotos aufgenommen wurden.

Amalia: Die Beleuchtung und die Kompositionen deiner Fotos erinnern tatsächlich an Standbilder aus Filmen und deine ganzheitliche Vorgehensweise hat wirklich viel Ähnlichkeit mit der Arbeitsweise von Filmregisseuren und -Fotografen.

Schauen wir uns einmal Steampunk an – ein Großteil der Szene lebt ja von der Ästhetik. Die Community an Fotografen und Steampunk ist ja teilweise entstanden, weil sie alle ein starkes Interesse an den Outfits, den Accessoires, den gemoddeten oder speziell gebauten Geräten, Erfindungen etc. haben. Die Szene ist auch recht vielseitig – da gibt es die edle “High Society”, den eher düsteren Dreadpunk, oder auch Ansätze, die Horror und Komik kombinieren, wie dein “A Steampunk Guide to Hunting Monsters”. Dann gibt es dystopische Konzepte, einen “Arbeiter-Look” und natürlich auch Folklore und andere Einflüsse aus aller Welt, von denen sich ebenfalls vieles in dem Steampunk Guide finden lässt. Wie siehst du Steampunk und was gefällt dir am besten daran?

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Tyson Vick: Mir gefällt die Vision eines multikulturellen Steampunks. Es gefällt mir, diese Ästhetik aus verschiedenen kulturellen Perspektiven zu imaginieren. Beispielsweise trägt Philomena [Anmerkung: ein Hauptcharakter aus “A Steampunk Guide to Hunting Monsters”] in dem japanischen Kapitel ein traditionelles koreanisches Hochzeitskleid, ein Hanbok, aber sie trägt es auf eine Weise, die es in einen Britischen Imperialistischen Stil überführt, in Kombination mit einem Korsett, was natürlich sehr steampunkmäßig ist.

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Das Beste am Steampunk ist für mich, dass es so vielseitig anwendbar ist, von der Arbeiterklasse bis zur Oberschicht, von Kultur zu Kultur und von eher realistisch bis hin zu Sci-Fi.

Amalia: Ich finde, dass ist eine wunderbare Vision vom Steampunk, der ja tatsächlich ein weltweites Phänomen ist.

2012, nach einer Kollaboration mit Alisa Kester, hattet ihr beide die Idee zu „A Steampunk Guide to Hunting Monsters“. Seid ihr beide Teil der Steampunk Community? Oder seid ihr einfach – du als Künstler und Fotograf, Alisa als Kostümdesignerin – interessiert an der retrofuturistischen Steampunk-Ästhetik?

Tyson Vick - A steampunk Guide to Hunting Monsters 1 © Tyson Vick – A Steampunk Guide to Hunting Monsters – Model: Brin Merkley

Tyson Vick: Alisa Kester und ich haben einen Fotoshoot für Dark Beauty Magazine in Seattle gemacht. Sie stellte ihre Kostüme zur Verfügung und ich machte die Fotos. Anschließend fragte ich sie, ob sie Interesse hätte an einem Projekt über Monster. Um genau zu sein, hat ihr Interesse an Steampunk meine Entscheidung vorangetrieben, ein auf Steampunk basierendes Fotoprojekt zu gestalten.

Amalia: Es gab sieben Leute in deiner Crew für dieses Projekt – Fotografie, Schreiben, Design, Kostüme, Garderobe, Requisiten, Locations etc. Wo kamen die anderen aus der Crew her und wie habt ihr euch getroffen –  wie habt ihr an diesem Projekt zusammengearbeitet?

Tyson Vick: Durch meinen Hintergrund aus dem Filmbereich tendiere ich dazu, wie ein Filmregisseur an die Dinge heranzugehen. Also suche ich nach Menschen, die passend sind für bestimmte Rollen und die diese auch ernst nehmen. Lizzie Web, die fast die Hälfte der Makeup-Arbeit bei Mozart Reimagined gemacht, hat auch an diesem Buch mitgearbeitet. Ich hatte zwischendurch eine Auszubildende aus dem Bereich Kostüm als Unterstützung, Catey Lockhart, die mir half, meinen Teil der Kostüme für das Buch herzustellen. Ich weiß die genauen Zahlen nicht mehr, aber ich denke Alisa Kester stellte 34 Kostüme bereit und Catey und ich kreiierten ca. 80. Unter den Modellen gab es einige Profis, z.B. Brin Merkley, die ich auch ganz traditionell gecastet habe, aber alle kleineren Rollen wurden durch Freunde und Freunde von Freunden dargestellt.

Amalia: Das ist wirklich beeindruckend. Im Grunde ist das etwas, was viele Steampunks machen. Sie nähen ihre eigenen Kostüme (manche nennen sich Stitchpunks, vom englischen “to stitch something together” = „etwas zusammennähen“). Und da draußen gibt es viele Steampunk Projekte in denen Freunde – oder Freunde von Freunden – involviert werden. Zum Beispiel begann so das Amt für Ætherangelegenheiten mehr oder weniger, eine Erfindung der deutschen Steampunk-Autorin Anja Bagus.

A Steampunk Guide to Hunting Monsters“ soll mithilfe einer Crowdfunding Kampagne des Lysandra Books Verlag ins Deutsche übersetzt werden. Wie begann diese Kooperation? Und sind auch Übersetzungen in andere Sprachen geplant?

Tyson Vick: Der Lysandra Books Verlag sprach mich nach dem Lesen des Buches an. Sie haben den Eindruck, dass es auch einen deutschen Markt finden wird. Ich hoffe, dass das Buch den deutschen LeserInnen gefallen wird, denn wir haben viel Arbeit investiert und ich finde es sehr aufregend, es einem neuen Publikum zu präsentieren. Aktuell bestehen keine Pläne, das Projekt in andere Sprachen zu übersetzen.

Amalia: Wenn du es uns verraten darfst, an welchem Projekt oder welchen Projekten arbeitest du zur Zeit?

Tyson Vick: Ich bin dabei, ein Mode-Projekt rund um Märchen zu entwickeln, mit Kostümen und Fotos von mir. Es geht ein bisschen langsamer als die letzten Projekte, und ich versuche eine passende Größenordnung dafür gestalten. A Steampunk Guide to Hunting Monsters ist ein sehr großes Projekt und war schwer als Print zu realisieren ohne einen Verlag. Deshalb versuche ich nun, das Ganze etwas kleiner zu gestalten und eine gute Möglichkeit zu finden, es unabhängig selbst zu veröffentlichen. Das Projekt ist stark beeinflusst vom Rokoko und von dem Videospiel “Dark Souls”. Es ist ein bisschen, als würde man Süßigkeiten mit einem Eimer rostiger Messer mischen. Es spricht mich aber sehr an auf kreativer Ebene, dieses Flair einzufangen – schöne Prinzessin und dunkle Monster.

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© Tyson Vick – A Steampunk Guide to Hunting Monsters

Amalia: Das klingt sehr spannend. Viel Erfolg mit diesem neuen Projekt. Was machst du außerdem?

Tyson Vick: Davon einmal abgesehen, fotografiere ich weiter Männermode und Fitness-Motive für Magazine und Blogs, außerdem arbeite ich an einigen Romanen (ohne Illustrationen) und hoffe, dass ich diese in den kommenden Jahren veröffentlichen kann. Ich bewege mich immer weiter und probiere neue Dinge aus. Künstler müssen immer am Ball bleiben und ich hoffe meine Arbeit findet ein Publikum, welches es wertschätzen kann, auch die Arbeit, die meine Kollegen und ich hinein investiert haben.

Das hoffe ich auch. Man sieht wirklich, wieviel Zeit und Mühe ihr in diese künstlerischen Arbeiten gesteckt habt. Viel Erfolg für deine Projekte und vielen Dank für dieses Interview!

Die englischsprachige Version von „A Steampunk Guide to Hunting Monsters“ kann als PDF oder in vier Print-Bänden erworben werden:

https://steampunkmonsters.com/2016/10/03/featured-content-2/

http://www.blurb.com/user/tyson_vick

http://tysonvick.com/

Die Seite zum Crowdfunding-Projekt des Lysandra Books Verlag für die deutschsprachige Übersetzung:
http://www.lysandrabooks.de/a-steampunk-guide-to-hunting-monsters/

Die
Facebookseite zu diesem Projekt

*Das Interview habe ich aus dem Amerikanischen selbst ins Deutsche übersetzt.

 

Über Steampunk, Definitionen und Nörgler

Seit 6 Jahren bewege ich mich in der Steampunk-Szene. Ich verbinde damit inzwischen viele schöne Erinnerungen – Treffen in Hamburg, das Hamburger Steampunk-Picknick, Tee-Duelle und so manche Veranstaltung, wie z.B. den Aethercircus.

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Foto vom einem Steampunk-Treffen in Hamburg, 2012

Ich habe im Laufe dieser Zeit eine Menge sehr kreativer Menschen kennengelernt, die mit viel Energie und Freude Erfindungen basteln, sich ihre Outfits schneidern, Accessoires basteln, Steampunk Musik machen, Steampunk Bücher schreiben, Kunsthandwerk gestalten, malen und zeichnen, spielen oder noch andere Dinge tun.

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Abbildung: Pixabay

Was mir diese Szene und das Genre dagegen vermiest, sind die ewigen Nörgler – die es vermutlich in jeder Subkultur und jedem Hobby gibt.

Nörgler, das sind z.B. die Leute die von einem Outfit sagen, es sei nicht authentisch.

Oder die, welche sich über Zahnräder als Deko-Element beschweren oder über Goggles auf Zylinderhüten, weil das ja nur oberflächliche Deko ohne Funktion sei.

Nörgler, das sind auch die, die sagen, dieses oder jenes Buch sei kein Steampunk, weil darin zwar Luftschiffe/Roboter/sonstige Erfindungen auftauchen, aber nicht genauestens erklärt wird, wie die denn funktionieren.

Oder die, die sich beschweren, dass die Szene oberflächlich sei. Die aber oft selbst nicht erkennen lassen, was an ihrer Art, Steampunk zu leben, tiefgründiger ist.

Oder diejenigen, die durchdefinieren wollen, welche Musik denn Steampunk sei und welche nicht.

Überhaupt, diese ständige Suche nach Definitionen. Als müsse immer alles schön in eine einzige Schublade passen und nach wie nach einer Din-Norm definiert sein.

Ich mag meinen Steampunk undefiniert. Ich lasse mich immer wieder gern überraschen von schrägen, kreativen Ideen, z.B. von wunderbaren Genre-Mischungen, also wenn Fantasy zum Steampunk kommt oder Cyberpunk-Elemente, dystopisches oder Science-Fiction, oder noch ganz andere Dinge. Oder wenn andere Epochen oder Kulturkreise als Vorbild dienen, denn auch wenn 90% des Steampunk vom späten 19. Jahrhundert oder frühen 20. Jahrhundert inspiriert ist – wer sagt denn, dass nicht auch andere Epochen möglich sind?

Und da draußen gibt es noch viele wunderbare andere kreative, orginelle Ideen, was man alles mit Steampunk machen kann.

Und was Authentizität betrifft, kann ich nur sagen: Steampunk kann nicht historisch authentisch sein, weil er eine Vergangenheit darstellt, die es so nie gab. Ich habe das schon vor zwei oder drei Jahren einmal geschrieben, aber ich wiederhole es gern noch mal: Steampunk ist kein Gründerzeit- oder viktorianisches Reenactment, sondern historisch inspirierte Phantastik.

Was ist Steampunk letztendlich? Für manche ein Lifestyle, eine Art zu leben, für andere ein schönes Hobby, für einige ein Broterwerb und für andere ein Interesse unter anderen. Oder auch, wie es Clara Lina Wirz in einem Vortrag ausdrückte:
Steampunk ist das, was man draus macht.

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von mir gemoddetes, funktionsfähiges Radio (2013)

Lassen wir doch bitte jedem die Freiheit und das Vergnügen, Steampunk so zu leben, wie er es möchte. Mit einer ganz persönlichen Definition. Oder auch ganz undefiniert.

Und wenn euch etwas nicht gefällt – fangt nicht an zu nörgeln. Macht es selbst besser – bzw. macht es so, wie es euch gefällt.

Über die Inspiration

historische Abbildung eines Mannes mit Kleid

Inspirationen kommen ja ganz unterschiedlich zu Autor*innen. Das kann alles mögliche sein – Musik, eine Filmszene, ein Zitat, ein Bild, ein Zeitungsbericht, Recherchen oder etwas ganz anderes. Mich haben auch schon Schauspieler*innen in ihren Rollen inspiriert, und ich weiß von einigen Kolleg*innen, dass es ihnen ähnlich geht.

Eine Inspiration für mich ist momentan diese historische Abbildung aus dem 19. Jh. eines unbekannten Herrn in einem Kleid, die ich im Internet gefunden habe. Ich weiß nichts über ihn und ich weiß auch nicht, wer diese Abbildung gemacht hat. Aber dieses Bild lässt mich nicht los. Es stand auf meinem Schreibtisch, während ich die Novelle „Ein Mann namens Flora“ geschrieben habe, welche im Frühling 2018 erscheint.
Und es wird mich noch weiterbegleiten, wie dieser Teaser-Trailer zeigt…

Für mehr Heldinnen in der Phantastik

Abbildung: Pixabay

Ausgehend von diesem Artikel bei Tor Online „Ein Plädoyer für mehr Heldinnen in der Fantasy“ gab es kürzlich bei Facebook die eine oder andere Diskussion. Ich zitiere mal Anja Bagus:

„Ist ja ne nette Forderung, aber … ja ich hab was zu meckern. Mehr weibliche Helden. Gerne. Und dann? Wollen die denn dann auch weibliche Themen oder sollen einfach nette „starke“ knackige Frauen Männerabenteuer meistern? Oder wer gibt der Sache einen wirklich weiblichen Ansatz? Also weibliches Körpergefühl (mit allem drum und dran: wann menstruieren Frauen mal in Fantasy-Romanen?), hormonellen Begehrlichkeiten, und Schwangerschaften? Ich glaub ehrlich, das wollen die meisten Fantasy-Leser nicht.“

Ich kommentierte daraufhin wie folgt: „Doch, ich will so was lesen. Hier mal ein paar Beispiele. Wo sind die Bücher über Heldinnen, die schwanger sind, und sich trotzdem ins Abenteuer stürzen? Das so etwas funktioniert (schwangere Heldin) habe ich eindrucksvoll in der BBC Miniserie „The Night Manager“ gesehen. Ich will Bücher lesen über Heldinnen, die gerade ganz fürchterlichen Liebeskummer haben, und trotzdem mit ihren Verbündeten aufbrechen, um die Welt zu retten.

Oder über die alleinerziehende Mutter, die ihre Kinder vor einer drohenden Gefahr retten will und sich mit Leuten zusammentut, die dann ausziehen, um die Gefahr abzuwenden. Gibt schließlich auch männliche Helden, die etwas tun, um ihre Kinder zu beschützen.

Ich will Fantasy lesen über Frauen, die es sich eigentlich daheim mit ihrem Partner gemütlich machen wollten, weil die Kinder nun außer Haus sind, und dann in ein ganz mysteriöses Abenteuer verwickelt werden.

Das sind mal so ein paar Beispiele für Alternativen mit Protagonistinnen zur xten Heldenreise, wo der junge unerfahrene Mann auszieht, Abenteuer und Gefahren erlebt, ganz viel lernt und am Ende die Welt rettet (mit mehr oder weniger Verbündeten).

Es gibt viele Abenteuergeschichten und viele Ansätze, Abenteuer/Aufgaben/Rätsel zu meistern. In den meisten Fantasy-Romanen wird einfach viel gekämpft, ob nun mit Magie oder anderen Waffen. Meistens gibt es am Ende auch eine große Schlacht.

Ergo sind hier Helden und Heldinnen gefragt, die kämpfen können.

Aber es gibt ja noch andere Ansätze für Geschichten, z.B. Rätsel, tückisch-verworrene Intrigen, die durchschaut, technische Hindernisse, die überwunden werden wollen oder noch ganz andere Dinge.“

Als ich den Artikel auf meiner Facebookseite teilte, gab es ebenfalls Diskussionen. Eine Leserin kommentierte:

„Eine gute Regel, die ich irgendwo mal in einem Schreibforum gelesen habe war:

Wenn du einen weiblichen Prota schreibst und änderst nachträglich den Namen in einen Männernamen – dann sollte der Charakter trotzdem noch für die Grundstory funktionieren.“

Dem kann ich mich überhaupt nicht anschließen. Ich habe kein interesse an Heldinnen, die so angelegt sind, dass man durch Änderung des Namens daraus einfach einen männlichen Charakter machen kann.

Ich bin für Vielfalt. Das bedeutet für mich auch, dass ich in Geschichten auch mal andere, nicht typisch männliche Lösungsansätze lesen möchte. Also vielleicht erst mal verhandeln und dann schießen – um es überspitzt zu formulieren. Nehmen wir mal Doctor Who als Beispiel – der tötet so gut wie nie irgendwelche Gegner. Er schießt auch nicht gleich auf Aliens, sondern versucht erst mal herauszufinden, wer die sind und was die wollen.

Gynohomoromantikphobie

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass im Gay Romance Genre* viele Autorinnen vertreten sind. Einige dieser Autorinnen kommen ursprünglich aus der Fanfiction-Szene, andere sind mit Mangas großgeworden, in denen gleichgeschlechtliche Liebe thematisiert wird, und wieder andere haben auf anderen Wegen Zugang zu diesem Genre gefunden.
Es ist auch so, dass es mehr Gay Romance Autorinnen als schwule Autoren gibt, welches dieses Genre schreiben.

Was bei manchen Schwulen zu völligem Unverständnis oder starkem Unmut führt – anstatt solche Autorinnen einfach als Allys zu verstehen (also als Sympathisantinnen oder Unterstützerinnen der LSBTI+ /queere Community).

Im August 2017 las ich im Online-Magazin QUEER eine ganze Reihe an ziemlich demütigenden und abwertenden Kommentaren, die sich gezielt gegen Gay Romance Autorinnen richteten. Ich habe lange überlegt, wie ich darauf reagieren sollte. Schließlich habe ich das für folgende unfreiwillige Spendenaktion genutzt – nach dem Vorbild der Aktion „Hass hilft“ habe ich für jeden abwertenden Kommentar (zeitlich begrenzt) 1 € an einen Verein gegen Cybermobbing gespendet. Und am Ende den Kommentatoren für ihre unfreiwillige Unterstützung gedankt. Ob danach ein Shitstorm losgegangen ist, weiß ich nicht, denn ich habe bewusst nicht mehr nachgesehen.

Die oftmals sehr abwertenden Reaktionen aus der Gay Community auf Gay Romane von Autorinnen haben nun  übrigens den folgenden Begriff  geprägt:

Gynohomoromantikphobie

Nicht, dass wir uns falsch verstehen:
Ich kann absolut nachvollziehen, dass  sich Schwule mehr schwule Autoren wünschen – ob die nun Gay Romance oder andere Bücher mit Gay-Themen schreiben.

Wenn man sich allerdings vor Augen führt, dass ca. 5 – 10 %** der Bevölkerung schwul ist, und es in Deutschland ca. 75000 Schriftsteller gibt (genaue Zahlen konnte ich bei letzteren leider nicht finden), kann man sich ausrechnen, wieviele davon statistisch gesehen schwul sein könnten.

Was dann noch nicht die Frage beantwortet, wieviele dieser schwulen Autoren überhaupt Bücher mit schwulen Themen schreiben, zumal dies insgesamt ein Nischengenre im Buchmarkt ist, welches auch weniger gelesen wird als andere.

Auf der anderen Seite gibt es viele Frauen, die Gay Romance, Gay Fantasy und andere queere Bücher schreiben. Zumindest einen Aspekt haben viele (wenn auch nicht alle) dieser Frauen mit schwulen Männern gemeinsam: Sie stehen auf Männer. Sie wissen auch, wie es ist, mit Männern Sex zu haben, wenn auch mit anderen persönlichen anatomischen Voraussetzungen.

Und entsprechend gibt es auch LeserINNEN, die gern Gay Romance lesen. Es gibt ohnehin insgesamt deutlich mehr Frauen als Männer, die überhaupt lesen, das belegen zahlreiche Statistiken.
Im Gay Romance Genre können LeserInnen nicht nur einen Mann „anhimmeln“, sondern zwei (oder auch mehr, je nach Konstellation der Beziehung). In diesem Zusammenhang ist auch der Artikel „Was zum Gayer“ von Jona Dreyer interessant.

Was ich nun schreibe, ist bewusst sarkastisch.

Sarkasmus an:

Wenn ich solche abwertenden Kommentare lese wie bei jenem Magazinartikel, würde ich am liebsten mal ganz polemisch fragen, ob denn nun Thriller und Krimis ausschließlich von echten Ermittlern oder Polizeibeamten im Ruhestand geschrieben werden müssen, weil alles andere ja nicht authentisch sein kann. Oder ob ich, wenn ich über Verbrecher schreibe, erstmal selbst eine kriminelle Karriere hinlegen muss.

Ach, und wo wir gerade dabei sind, dann darf ich ja gar keine Fantasy mehr schreiben, weil ich mich ja niemals in einen Ork, Elf, Zwerg, Gestaltwandler oder ähnliches hineinversetzen könnte. Und auch keine Sci-Fi, denn woher soll ich wissen, wie sich ein Alien fühlt? Ganz zu schweigen von Menschen, die im Mittelalter oder der Antike gelebt haben, weil das ja schon sooo lange her ist und die ja noch ganz anders gelebt haben als wir…

Und ich darf dann ja auch nicht über Menschen schreiben, die eine andere Hautfarbe oder einen anderen Glauben als ich haben oder die in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen sind oder eine andere sexuelle Orientierung oder Identität als ich haben. Oder eine Krankheit oder Behinderung, die ich selbst nicht habe.

Apropos, wie machen das eigentlich Schauspieler, wenn sie in eine andere Rolle schlüpfen?! Das ist ja auch höchst unauthentisch, was die da machen…

Sarkasmus aus.

Mal ganz im Ernst, der Schlüssel zum Schreiben sind in erster Linie die folgenden Dinge: Gutes schriftstellerisches Handwerk.
Fantasie und Vorstellungskraft.
Recherchen.
Empathie bzw. Einfühlungsvermögen für alle Charaktere, über die man schreibt.

Ein Autor (egal welcher geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung ) muss sich in seine Figuren soweit hineinfühlen können, dass er deren Gefühlswelt, Wahrnehmungen, Gedanken und Motivationen realistisch und glaubwürdig darstellen kann. Er sollte sich am besten auch mit Psychologie auskennen. Gleiches gilt auch für Schauspieler*innen und für Regisseur*innen, die ja ebenfalls fremde Rollen inszenieren.
Fantasie ist notwendig für das Vorstellungsvermögen, etwas aus dem Nichts zu erschaffen und zum „Leben zu erwecken“, wenn auch nur mit Worten.

Und Recherchen sind überall da notwendig, wo uns selbst das Wissen fehlt. Und das gilt dann natürlich auch für das Gay Genre. Ja, es ist richtig: Eine Frau weiß nicht, wie es ist, ein Mann zu sein, geschweige denn, wie es ist, ein schwuler Mann zu sein. Aber sie kann sich ja z.B. mit schwulen Männern darüber austauschen, sie mit Fragen löchern, sie ihre Texte testlesen lassen etc. Genau so, wie AutorInnen auch über andere Themen recherchieren müssen, die sie nicht aus eigener Erfahrung oder eigenem Wissen kennen.

Liebe Gay Community – wenn ihr keine Gay Romane von Autorinnen lesen möchtet, dann lasst es einfach. Überlasst sie anderen Leser*innen, die so etwas gern lesen. Nach dem bekannten Motto: Leben und leben lassen. Oder auch: Unsere Welt ist vielfältig und bunt, und es ist genug Literatur für alle da.

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* In diesem Blogbeitrag gehe ich bewusst nur auf Gay-Bücher ein, also Geschichten, die von schwulen Männern erzählen. Diese bilden den Großteil des Genres, aber es verfügt über noch viel mehr Seiten und noch vielfältigere Charaktere und deren Beziehungen – lesbisch, bisexuell, transgender, intersexuell, asexuell, demisexuell, Polyamorie, nonbinary und noch einiges mehr.

** je nach Statistik und Studie schwanken hier die Zahlen, und wenn man nach Bisexualität fragt, kann das Ergebnis deutlich höher als 10% ausfallen, jedoch stellt sich hier die Frage, wie die jeweilige Studie Bisexualität definiert.

Interview mit Fantasy-Autorin Nadja Losbohm

Auf der Buchmesse Buch Berlin habe ich die Fantasyautorin Nadja Losbohm kennengelernt. In meinem Buchblog verlose ich am Jahresende ihren Roman „Die Tagebücher des Michael Iain Ryan“. Im Interview erzählt Nadja unter anderem, wie es zu diesem Spinoff  zu ihrer Buchreihe „Die Jägerin“ kam.

Nadja Losbohm

© Nadja Losbohm

Hallo Nadja, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Seit wann schreibst du und wie bist du zum Schreiben gekommen?

Meine erste Fantasy-Geschichte habe ich mit neunzehn Jahren angefangen zu schreiben. Ich habe schon von Kindesbeinen an sehr gern gemalt und gezeichnet. Allerdings habe ich das alles nur mit halbem Herzen gemacht. Eines Tages habe ich dann die Arbeiten eines Künstlers/ Schauspielers kennengelernt, der sich so wahnsinnig vielen verschiedenen Dingen widmete, u.a. auch dem Schreiben. Das hat mich dazu inspiriert, etwas Neues auszuprobieren, sprich das Schreiben anzufangen. Das Malen und Zeichnen, und auch alles andere wie die Fotografie und das Musizieren, was ich zwischenzeitlich auch angefangen hatte, habe ich an den Nagel gehängt. Geblieben ist das Schreiben, doch genau das ist es, was ich bin.

Schreibst du denn mittlerweile haupt- oder nebenberuflich?

Ich habe einen ganz normalen Brot-Job, wie viele andere Autoren vermutlich auch. Es wäre schön, wenn ich es hauptberuflich machen könnte. Leider ist dem (noch) nicht so. Ich träume also weiterhin davon.

Buch 2

© Nadja Losbohm, Coverdesign: Tom Jay

Bitte erzähl einmal ein wenig über deine fünfteilige Reihe „Die Jägerin“, für diejenigen, die sie noch nicht kennen. Kann man sich deine Heldin Ada Pearce als eine Art Monsterjägerin vorstellen? Mir fiel da spontan die Serie „Buffy the Vampire Slayer“ („Buffy im Bann der Dämonen“) ein, aber ich nehme an, bei dir gibt es keine Vampire? Wenn du soviel verraten magst?

Es ist interessant, dass du „Buffy“ erwähnst. Lustigerweise hatte ich diese Serie beim Schreiben so gar nicht im Kopf. Manch einer mag sich vielleicht an sie erinnert fühlen, aber beim Lesen wird man merken, dass „Die Jägerin“ anders ist. Ada ist eine ganz normale, durchschnittliche, unsportliche Frau, die eines Tages erfährt, dass sie auserwählt ist, die Menschen vor den Kreaturen der Nacht zu beschützen. Diese sind übelriechende, langarmige Monster und auch Vampire, die nicht im Tageslicht glitzern und auch nicht in Liebesgeschichten zur Jägerin verwickelt sind. Ihr zur Seite gestellt ist Pater Michael, ihr Lehrer und Ausbilder. „Die Jägerin“ ist keine reine Fantasy-Geschichte. Es geht vielmehr um die zwischenmenschlichen Beziehungen. Es gibt jede Menge Herzschmerz, aber auch Lacher, denn Ada ist nicht auf den Mund gefallen und bringt ihren Mentor nicht selten zum Erröten mit ihren kessen Aussagen.

Buch 1

© Nadja Losbohm, Coverdesign: Tom Jay

Ich persönlich bin ja immer froh, wenn Vampire nicht glitzern. Und wie kam es zu dem Spinoff, “Die Tagebücher des Michael Iain Ryan“?

Auf diese Idee brachte mich eine Leserin von „Die Jägerin“. Michael Iain Ryan ist niemand Geringeres als Pater Michael aus „Die Jägerin“. Meine weibliche Leserschaft hat einen kleinen Narren an ihm gefressen, und die besagte Leserin meinte, es wäre schön, wenn es eine eigenständige Reihe mit ihm geben würde, da er in „Die Jägerin“ zu kurz kommt. Damit war der Grundstein für sein erstes Tagebuch gelegt. Wer nun überlegt, er müsse zuerst die fünf Bände von „Die Jägerin“ gelesen haben, um Michaels Geschichte zu verstehen – von verschiedenen Leserinnen habe ich gehört, dass dem nicht so ist. Es ist eher so, dass man durch „Die Tagebücher des Michael Iain Ryan“ Lust bekommt, auch „Die Jägerin“ zu lesen.

Ah, also hat dich ein Fan darauf gebracht, wie schön! Das ist natürlich klasse, wenn ein Charakter solche Begeisterung hervorruft, dass LeserInnen ein Spinoff haben möchten. Magst du verraten, woran du aktuell arbeitest? Wird es noch mehr über Pater Michael geben?

Ich arbeite an verschiedenen Projekten. Zum einen arbeite ich am zweiten Tagebuch von Michael, zum anderen auch am sechsten Band von „Die Jägerin“. Ein Abenteuer für sie gibt es noch zu bestreiten. Außerdem trage ich noch ein paar Kurzgeschichten zusammen für meine Anthologie „Die Magie der Bücher“, die ich gern erweitern möchte. Sie ist derzeit nur als Ebook erhältlich, aber einige Leser haben den Wunsch nach einem Taschenbuch geäußert. Dafür braucht die Anthologie allerdings noch ein paar mehr Seiten. ?

Bist du 2018 auf Veranstaltungen oder eigenen Lesungen anzutreffen? Falls ja, wo?

Ich hoffe, es klappt, dass ich bei der Leipziger Buchmesse im März und der BuchBerlin dabei sein kann. Lesungen sind bisher (noch) nicht geplant.

Dann drücke ich dir die Daumen, dass du auf den beiden Buchmessen sein kannst. Wie schreibst du – brauchst du etwas bestimmtes zum Schreiben (z.B. Musik, Kaffee, fest eingeplante Schreibzeiten…)?

Feste Schreibzeiten habe ich nicht. Immer wenn ich Zeit und Ideen habe, greife ich zum Stift. Am liebsten trinke ich dabei eine Tasse Stracciatella-Cappuccino. Das Radio oder der Fernseher sind dabei meistens aus bzw. leise gestellt. Ich habe auch eher eine sehr unkonventionelle Arbeitsweise, die ein bisschen an Chaos erinnert, bei der manch ein anderer die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Aber so bin ich eben: ein bisschen spontan – wenigstens beim Schreiben. ?

Was war bisher dein schönstes Erlebnis im Zusammenhang mit deiner Autorinnentätigkeit?

Ein einziges kann ich gar nicht nennen. Ich hatte besonders in den letzten Wochen des Jahres einige schöne Erlebnisse, Nachrichten, die mich von Lesern erreicht haben. Eine Leserin schrieb mir zum Beispiel: „Du hast mehr Leser verdient.“ Das fand ich wirklich süß. Ich habe auch wunderbare Komplimente von meinem offiziell ersten männlichen Leser erhalten zu „Die Jägerin“, die eher im analogen oder digitalen Buchregal der Frauen zu finden ist. Und ich habe mich riesig gefreut über die Nominierung für den Deutschen Phantastik Preis 2017 in der Kategorie „Beste deutschsprachige Anthologie“ für „Die Magie der Bücher“. Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet dieses Buch die Menschen so begeistert. Es war eine echte Überraschung für mich.

Das freut mich sehr für dich. Vielen Dank für das Interview und weiterhin ganz viel Erfolg und gutes Gelingen für deine Projekte!

Nadja Losbohms Autorinnenseite auf Facebook:
https://www.facebook.com/AdaMonsterschreck/

Die Rechtschreibpolizei

Abbildung: Alexas_Fotos, Pixabay

Neulich las ich einen Beitrag in einer Facebook-Gruppe für AutorInnen. Die Verfasserin regte sich darüber auf, wieviele Leute Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler in ihren Gruppenbeiträgen hätten. Man hätte doch eine Verantwortung als Autor, fehlerfrei zu schreiben. Immer und überall.

Ich habe schon öfter Beiträge dieser Art (auch in anderen Gruppen) gelesen und muss ganz ehrlich sagen, so etwas verleidet mir die Zugehörigkeit zu eben solchen Gruppen. Heute bin ich deshalb aus einer ausgetreten, nachdem ich schon längere Zeit mit dem Gedanken gespielt habe. Weil dort für meinen Geschmack zu viele Trolle unterwegs sind.

Mein erster Gedanke war es, die folgenden Zeilen als Kommentar zum Beitrag zu posten. Allerdings hatte ich keine Lust auf einen Shitstorm.

Hier ein paar Argumente meinerseits:

1. Manche Leute posten Beiträge oder Kommentare über ihr Smartphone, Tablet oder ähnliche Geräte, die eine Autokorrektur verwenden. Und wir alle wissen, was für skurrile Fehler mitunter bei der Autokorrektur geschehen oder mit Apps, die einem Worte vorschlagen (ich habe keine Ahnung, wie das entsprechende Fachwort dafür heißt).

2. Manche Menschen, darunter auch AutorInnen, leiden an einer Rechtschreibschwäche. Ihre Fehler sind also keineswegs auf Schludrigkeit oder Faulheit zurückzuführen.

3. Beiträge und -Kommentare in sozialen Netzwerken sind keine druckfertigen Bücher oder wissenschaftliche Arbeiten. Sie werden oftmals in Umgangssprache verfasst und weder vor noch nach dem Posten lektoriert. Außerdem werden keine Noten, Bewertungen oder Rezensionen dafür vergeben. Soziale Netzwerke sind übrigens auch kein Deutschunterricht.

Nebenbei bemerkt: Auch in mündlichen Gesprächen unterlaufen den meisten Menschen kleine „Fehler“, da sie nicht druckreif sprechen und anders als Schauspieler keine Texte auswendiglernen, ehe sie diese wiedergeben.

4. Kommentare werden häufig mit hoher Geschwindigkeit geschrieben, vor allem, wenn man sich in einer Diskussion befindet, an der sich mehrere Leute beteiligen. Und je schneller man schreibt, desto höher natürlich die Fehlerrate.

Insofern finde ich es ein bisschen anmaßend, von den Beiträgen anderer zu erwarten, dass sie fehlerfrei sind. Nicht, dass wir uns falsch verstehen – natürlich ist es wünschenswert, möglichst fehlerfrei zu schreiben, auch in sozialen Netzwerken. Fehlerfreie Texte lesen sich nun mal angenehmer. Aber aus meiner Sicht ist das kein Grund, sich über Fehler aufzuregen. Denn: Nobody is perfect.

Das ist so etwas typisch Deutsches: Andere ungefragt auf deren Fehler hinzuweisen und darüber zu meckern. Anstatt erst mal bei sich selbst anzufangen.

Last but not least: Wer Rechtschreibfehler in diesem Text findet, darf sie behalten.

Das große A

Abbildung: Pixabay

Buchhandlungen regen sich ja gern über Amazon auf. Aus Sicht einer traditionellen, stationären Buchhandlung kann ich das gut nachvollziehen. Und ja, ich kaufe auch gern lokal und vor Ort ein, das gilt dann natürlich auch für die freundliche Buchhandlung um die Ecke.

Seit ich Selfpublisher bin, sehe ich das Thema allerdings auch aus einer anderen Perspektive. Meine Bücher liegen nicht in stationären Buchhandlungen aus. Und da ich ein Nischengenre bediene, habe ich dort auch wenig Chancen. Übrigens finde ich auch die Bücher meiner AutorenkollegInnen bis auf wenige Ausnahmen nicht in Buchhandlungen, denn die meisten von ihnen sind entweder auch Selfpublisher oder aber in kleinen, unabhängigen Verlagen. Oder aber sie schreiben Genres, die man auch kaum in traditionellen Buchhandlungen findet, z.B. Gay Romance.

Aber auch stationäre Buchhandlungen sind letztendlich kommerziell ausgerichete Unternehmen, daher werden dort vor allem die Publikationen der großen Publikumsverlage angeboten (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel).

Der Publishing on Demand Anbieter BoD liefert eines meiner Bücher zwar auch an Buchhandlungen, aber das dauert länger.

Amazon ist weltweit die größte Onlinebuchhandlung mit dem größten Angebot. Das geht soweit, dass ich Bücher nicht mehr mühselig googele, sondern direkt bei Amazon suche. Selbst wenn sie nicht mehr aufgelegt werden, findet man meistens noch Hinweise dazu. Oder Restpostenexemplare.

Mir ist durchaus bewusst, dass Amazon als Konzern immer wieder in der Kritik steht. Auf der anderen Seite ist es für Selfpublisher eine der besten Veröffentlichungs – und Vertriebsplattformen, die man sich denken kann.
Das sind die zwei Seiten einer Medaille…

Sollte es irgendwann einmal eine bessere Alternative als Amazon geben mit einer ähnlichen Reichweite, würde ich dorthin wechseln. Aber bis dahin bin ich weiter beim großen „A“. Mein Roman „Der Stern des Seth“ wird Ende des Jahres dort ebenfalls hinwechseln und dann auch in der E-Book Flatrate „Kindle Unlimited“ erhältlich sein.

Und zum Thema „Einkaufen und Gutes Tun“:
Übrigens kann man bei Amazon zahlreiche gemeinnützige, Organisationen einfach durch seinen Einkauf unterstützen, ohne Mehrkosten (darunter z.B. Die UNO-Flüchtlingshilfe, Mein Grundeinkommen e.V. und den WWF). Die gewünschte Organisation kann ausgewählt werden. Für die Unterstützung ist es notwendig, einfach immer über diese Website auf Amazon zu gehen:
https://smile.amazon.de/

Kuriose Kritiken zu meinen Büchern

Vorweg möchte ich sagen: Ich freue mich, wie gewiss alle AutorInnen, über Feedback und Rezensionen zu meinen Büchern, und natürlich auch über konstruktive Kritik. Ich bin jedem Leser dankbar, der sich die Mühe macht und die Zeit nimmt, eine ehrliche Rezension über meine Bücher zu schreiben, denn das ist keinesfalls selbstverständlich. Ebenso bin ich jedem Testleser dankbar, der sich sogar noch mehr Mühe macht und mir einzelne Anmerkungen in die Rohfassung meiner Manuskripte schreibt.

Interessant wird es, wenn es um Kritik in Rezensionen geht, denn gelegentlich wundere ich mich ein wenig über einzelne Kritikpunkte. Oder darüber, wie diese formuliert werden. Mittlerweile ist mir klar, dass AutorInnen es nie, wirklich nie allen LeserInnen recht machen können. Das ist und kann gar nicht mein Ziel sein. Denn oft ist es so – frage zehn verschiedene Leser, und du erhältst zehn verschiedene Meinungen, zu ein und demselben Buch. Das gilt übrigens sogar für internationale Bestseller.

Kunst aller Art, auch Literatur, ist letztendlich eine sehr, sehr subjektive Angelegenheit, und das gilt auch für die Wahrnehmung derselben, also im Literaturbereich eben durch die LeserInnen.

Umgekehrt nehme ich aber auch Kritik ebenfalls zu einem gewissen Teil subjektiv wahr. Mitunter wirken einige Kritikpunkte auf mich etwas kurios. Und deshalb möchte ich an dieser Stelle einige Kuriositäten dieser Art vorstellen.

Disclaimer: Dieser Blogbeitrag soll keineswegs einer generellen Kritik an Rezensionen dienen und ist auch nicht als Verunglimpfung gedacht, denn wie ich schon oben sagte, freue ich mich, wenn LeserInnen Zeit und Mühe in eine ehrliche Rezension investieren.

Kurioses zu „Berlingtons Geisterjäger 1 – Anderswelt“

Detailfragen

(Zu einer Leseprobe) – Eine Leserin sagte, sie hätte schon während der Leseprobe die Lust am Lesen verloren, denn der Ausdruck „Zimmerpflanze“ sei nicht historisch genug für einen Roman, der um 1887 spielt. Außerdem hätte ich die genaue Pflanzensorte nennen sollen.

In der entsprechenden Szene ging es allerdings weder um einen Pflanzenliebhaber, noch um einen Gärtner, Botaniker oder ähnliches. Die „Zimmerpflanzen“ dienten lediglich der Beschreibung des Raumes und waren für die eigentliche Handlung absolut irrelevant.

Die Länge des Romans

Zwei Rezensentinnen, die auch Autorinnen sind, sagten – übrigens unabhängig voneinander – dass der Roman 100 Seiten länger hätte sein können, wenn ich ausführlichere Beschreibungen von Orten und mehr über die Gefühle und Sichtweisen der Personen geschrieben hätte. Übrigens haben auch weitere Leserinnen angemerkt, dass der Roman länger hätte sein können. Dass ich insgesamt ausführlicher hätte schreiben können, sehe ich inzwischen auch so und arbeite entsprechend an meinem aktuellen Projekt daran, dies zu berücksichtigen.

Aber dass sie mir eine so konkrete Seitenzahl nennen, die angeblich gefehlt hat, kann ich mir eigentlich nur so erklären, dass diese Rezensentinnen sich vermutlich im Stillen gedacht haben, „wenn ich selbst dieses Buch mit diesem Plot geschrieben hätte, dann wäre es bestimmt 100 Seiten länger gewesen“ (zugegeben, das ist nun Spekulation von meiner Seite aus).

Ich kann die Kritik an sich verstehen, nur diese sehr konkrete Seitenzahl fand ich ein bisschen seltsam, denn ich finde, letztendlich sollte jeder Autor selbst entscheiden dürfen, wie lang genau sein Buch wird, wo er kürzen möchte und wo er mehr in die Tiefe geht (es sei denn, er hat eine ganz konkrete Vorgabe von einem Verlag).

Heteronormative Erwartungen

Eine Buchbloggerin schrieb, sie hätte erwartet, dass im Buch auch mindestens eine Hetero-Liebesgeschichte vorkommt. Sie war verwundert, dass hier ausschließlich zwei gleichgeschlechtliche Romanzen behandelt werden. In sämtlichen Beschreibungen zum Buch und im Klappentext steht, dass es ein Genremix ist mit Gay/Lesbian Romance. Eine Mann-Frau-Romanze habe ich nirgendswo angedeutet.

Wie darf eigentlich ein Amerikaner in England schimpfen?

Zu dem Amerikaner Eliott schrieb eine Bloggerin:

„Leider konnte ich einen Charakter gar nicht ernst nehmen – ein Amerikaner, der „Bloody Hell“ sagt, ist für mich nicht realistisch. Auch dann nicht, wenn er anecken will. Aber das war nur einer von ein paar Rechercheschwächen.“

Anscheinend hat sie das so sehr beschäftigt, dass sie extra nachgefragt hat, warum ein Amerikaner denn eine britische Beschimpfung verwendet und diese sogar denkt.

Das ist ganz einfach: Er lebt seit mehreren Jahren in London, noch dazu im East End und hat diesen Begriff mittlerweile so oft gehört, dass er ihn verinnerlicht hat. Menschen, die längere Zeit im Ausland leben (ich habe fünf Jahre meines Lebens im Ausland verbracht) werden das vielleicht nachvollziehen können. Irgendwann übernimmt man automatisch Begriffe oder Ausdrücke aus der Gegend, wenn man sie immer wieder hört. Man denkt irgendwann auch gar nicht mehr darüber nach. Noch dazu ist der Ausdruck „Bloody hell“ zu dieser Zeit ganz schön provokativ und ich dachte mir, dass er dem Charakter deshalb gut gefällt. Natürlich muss das niemandem gefallen und niemand muss den Charakter ernst nehmen.

Aber von meiner Seite war es pure Absicht, dass Eliott ständig „Bloody hell“ sagt.

Das habe ich der Bloggerin auch erklärt. Zugegeben, im Roman selbst wird es nicht erklärt, warum er als Amerikaner ein britisches Schimpfwort verwendet. Aber ich finde, man muss nicht immer alles erklären.

Im Übrigen habe ich bei „Berlingtons Geisterjäger“ fleißig historisch Fakten mit frei Erfundenem vermischt. Es ist kein historischer Roman, sondern historische Urban Fantasy mit ein bisschen Steampunk.

Vermeintliche Anachronismen

Last but not least zu „Der Stern des Seth“:

In einer Zwei-Sterne-Rezension wurde bemängelt, ein Kugelschreiber passe nicht in ein historisches Setting (im Jahr 1885). Allerdings schreibe ich wie oben schon erwähnt nun mal keine historischen Romane, sondern Steampunk. In meinem Setting ist es so, dass es Erfindungen gibt, die in der Realität erst später auf den Markt kamen, z.B. Automobile.

Bei Wikipedia kann man folgendes über die Geschichte des Kugelschreibers lesen:

„Bereits Galileo Galilei fertigte eine Skizze an, die eine Art Vorläufer des Kugelschreibers zeigt. Erste Patente zu Schreibgeräten, die ihre eigene Tinte mitführen, gab es im 19. Jahrhundert.

1888 erhielt der Amerikaner John J. Loud ein Patent auf ein kugelschreiberähnliches Gerät, mit dem man Leder markieren können sollte. Slavoljub Eduard Penkala, ein kroatischer Erfinder, patentierte 1906 ebenfalls einen Kugelschreiber-Vorläufer.“

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelschreiber#Geschichte)

Wenn man das so liest, kann man sich eigentlich gut vorstellen, dass es in einem Steampunk-Setting in den 1880er Jahren durchaus bereits Kugelschreiber oder ähnliche Geräte geben könnte.

Die Rezensentin hat interessanterweise nur den Kugelschreiber kritisiert und nicht die Automobile. Das könnte nun wiederum daran liegen, dass ich im Nachwort erwähnt habe, dass die Geburtsstunde des Automobils eigentlich erst 1886 war, mit dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 vom deutschen Erfinder Carl Benz, ich diese Erfindung aber für meine Geschichte abgewandelt habe. Auf die Erfindung des Kugelschreibers bin ich im Nachwort allerdings nicht eingegangen. Denn wie ich oben schon anmerkte, ich finde, man muss nicht alles erklären.

Queer und auf Zeitreise – das etwas andere Protagonisteninterview

Anlässlich des heutigen 48. Jahrestages der Stonewall Riots, an die bis heute auf den jährlichen Gay Pride Paraden und Veranstaltungen erinnert wird, gibt es heute ein etwas anderes Protagonisten-Interview.

Zum Verständnis vorab:
In der Buchreihe „Berlingtons Geisterjäger“ geht es nicht, wie sonst oft in Gay Romance Romanen üblich, um eine queere Hauptfigur und deren Partner. Berlingtons Geisterjäger bilden ein Team aus 5 bis 6 Personen mit vier unterschiedlichen sexuellen Orientierungen: lesbisch, schwul, hetero- und bisexuell. Das Ganze ist angesiedelt in einem historischen Urban Fantasy/Steampunk-Setting, im Jahr 1887 in England.

Eine Zeitreise von 1887 bis ins Jahr 2017
Die 5 Hauptcharaktere aus Berlingtons Geisterjäger machen für dieses Interview eine Zeitreise ins Jahr 2017: Lord Victor Berlington, der amerikanische Privatdetektiv Eliott, die irische Hexe Fiona, die französische Spiritistin Giselle und die englische Künstlerin Nica.  Dort haben sie sich einen Abend lang im Schnelldurchgang weitergebildet, was gesellschaftliche Veränderungen angeht in Sachen sexueller Orientierung und Identität. Sie haben auch erfahren, dass es im Jahr 2017 für all die unterschiedlichen Orientierungen jeweils spezielle Begriffe gibt.

Bei einem Sekt-Frühstück in einem Londoner Café spreche ich mit ihnen anschließend über die LGBTQ-Menschen im Jahr 1887 und warum sie sich nicht outen konnten, über staatliche Verfolgung Homosexueller damals und heute und einiges mehr.

Das folgende Interview enthält leichte Spoiler zur Buchreihe „Berlingtons Geisterjäger“ (nicht zur Handlung an sich, sondern zu den Charakteren und ihren Beziehungen zueinander). Es wird ergänzt durch Links über LGBTQ+-Geschichte und der heutigen Situation (teilweise englischsprachig).

Interview

Lord Berlington, darf ich offen fragen – wie haben Sie eigentlich herausgefunden, dass Sie schwul sind?

Lord Berlington: Nennen Sie mich einfach Victor. Also… ich bin jetzt sechsundzwanzig, und ich muss gestehen, ich wusste es nicht. Ehrlich nicht. Eigentlich hat es sich schon in meiner Kindheit bemerkbar gemacht, aber in unserer Zeit gibt es dafür keine Begrifflichkeiten. Bzw. es gibt sie schon, aber es sind allesamt Schimpfworte.
Ich meine, natürlich gibt es – wie sagt man heute? – queere Menschen auch in unserer Zeit, also im 19. Jahrhundert, aber es war gesellschaftlich nicht existent. Oder nein, das ist falsch ausgedrückt. Es wurde in der breiten Öffentlichkeit totgeschwiegen. Und Menschen, die nicht heterosexuell waren, haben meistens – wie würden Sie heute sagen? Im Schrank gelebt? Und sie sind nie herausgekommen. Ein Coming Out, das wäre einfach zu gefährlich gewesen, verstehen Sie?

Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang bitte einmal über das Labouchere Amendment sprechen. Was genau war das und wie hat es das Leben für Schwule damals beeinflusst?

Victor: Das war eine schlimme Geschichte. 1885 wurde es beschlossen und ein Jahr später in England eingeführt, in erster Linie, um männliche Prostitution zu unterbinden. Also, im Grunde wurde damit schwuler Sex unter Strafe gestellt. Aber im Grunde auch Liebesbeziehungen zwischen Männern. Das Problem war allerdings, dass dieses Gesetz mehr oder weniger zu Hexenjagden geführt hat. Die Situation für Schwule war aber auch vorher schon ziemlich gefährlich.

Victor Berlington sieht die Hexe Fiona entschuldigend an.

Und das mit der Hexenjagd soll nun kein Wortspiel sein. Zu Zeiten der Inquisition war es ja so, dass irgendwelche Leute einfach den Verdacht aussprechen konnten, jemand sei eine Hexe, und schon war deren Leben in Gefahr. Weil solche Denunzianten oftmals keine Beweise anbringen mussten.

Und ähnlich war das auch mit dem Labouchere Amendment und den Schwulen. Das hat unter anderem massiv zu Erpressungen geführt. Im Grund konnte jeder zur Polizei gehen und behaupten, dieser oder jener Kerl begehe „Buggery“ bzw „Gross Indecency“ * mit einem anderen, und diejenigen damit ins Gefängnis bringen. Und damit Sie das genau verstehen: Das Verbot galt sogar für erwachsene Männer, die im Konsens miteinander waren.

Durch dieses Gesetz sind manche Schwule sogar im Zuchthaus gelandet und mussten Zwangsarbeit leisten. Das war ja nach unserer Zeit, aber das ist sogar dem Dichter Oscar Wilde 1895 passiert, habe ich gestern abend gelesen. Aber ich schweife ab, verzeihen Sie.

Jedenfalls habe ich 1887 einen Mann kennengelernt, der mich gefühlsmäßig völlig verwirrte. Was da genau passiert ist, das steht in unseren Memoiren**. Ich dachte damals zuerst, er sei daran schuld – ich dachte, er habe mich so stark beeinflusst oder manipuliert, dass ich mich plötzlich dem eigenen Geschlecht zuwandte.

Im Radio des Cafés hinter uns singt Lady Gaga gerade „Born this way.

Victor fährt fort: Aber dann hatte ich eine längere Unterhaltung mit Alec – einem Künstlerkollegen von Nica – und er hat mit mir Klartext geredet. Er selbst hat sich sein Leben lang nur in Männer verliebt und hat mir gesagt, dass es für ihn normal ist und keine Krankheit.

Er lauscht einen Moment auf den Text des Songs und schmunzelt schließlich.

Es scheint, dass sich die Dame, die dort singt, auch einige Gedanken dazu gemacht hat. Wir werden so geboren.

Jedenfalls, nach dem Gespräch zwischen Alec und mir hat es noch lange gedauert, bis bei mir der Groschen gefallen ist. Und heute, an diesem Tag hier im 21. Jahrhundert kann ich endlich offen sagen: Ich liebe diesen Mann. Einen Mann. Und ich stehe dazu. Ich darf ihn hier auf unserer Zeitreise sogar in der Öffentlichkeit küssen, ohne dass wir angezeigt werden. Das wäre bei uns im Jahr 1887 undenkbar gewesen.

Heute vor 48 Jahren (1969) gab es in New York übrigens Aufstände, der als die „Stonewall Riots“ in die Geschichte einging. Damals haben sich Schwule, Lesben und Transgender Menschen gegen eine Polizei-Razzia zur Wehr gesetzt und darauf hat sich dann ein Aufstand entwickelt. Daran erinnern noch heute die Gay Pride Paraden jedes Jahr auf der ganzen Welt. Allerdings muss ich dazu sagen, es gibt es noch immer Länder, in denen dies aus politischen Gründen nicht möglich ist.

Eliott: Erstaunlich. Bevor ich Privatdetektiv wurde, war ich Polizist in New York. Aber das war eine ganz andere Zeit mit ganz anderen Verhältnissen...

In sieben Ländern steht selbst heute noch immer die Todesstrafe auf Homosexualität, in einigen anderen weiterhin Gefängnisstrafen.
Ein weiteres Beispiel: In  Tschetschenien werden Schwule seit Monaten massiv verfolgt und sogar ermordet.

Victor (verzieht das Gesicht): Das ist furchtbar. Und sogar schlimmer als in unserer Zeit, zumindest was England betrifft. Das klingt eher nach 1840*** oder früher.

Veronica „Nica“ Chester und Fiona O‘Reilly sitzen nebeneinander, Nica hat einen Arm um ihre Freundin gelegt.

Nica: Das macht mich wütend und traurig zugleich. Das Labouchere Amendment galt damals übrigens nur für schwule Männer, nicht für Frauen, die Frauen lieben. Ich rätsele noch bis heute, warum das so war. Ich denke, unsere Zeitgenossen konnten sich einfach nicht vorstellen, dass zwei Frauen sich sehr gut miteinander vergnügen können. Ohne… na, Sie wissen schon. Ohne einen Mann und seinen…

Nica wird rot und verstummt. Eliott Breeches errötet ebenfalls und unterbricht sie.

Eliott: Schon klar. In unserer Zeit, da spricht man nicht offen über so etwas. Nicht in Anwesenheit von Damen, meine ich. Sogar Unterwäsche wird nur als „die Unaussprechlichen“ bezeichnet.

Fiona: Da ist so eine Sache, die ich nicht verstehe: Was hat es mit diesem Begriff „queer“ auf sich? In meiner Zeit heißt das soviel wie „sonderbar“, „verschroben“ oder sogar „verrückt“. Warum nennen sich denn Leute im 21. Jahrhundert selbst so?

Sie haben Recht, ursprünglich wurde „queer“ als Schimpfwort verwendet. Aber irgendwann haben Menschen aus der LGBT-Community begonnen, den Begriff für sich positiv umzudeuten, und heute wird er sogar mit Stolz verwendet. Er ist heute ein Überbegriff für alle Menschen, die von der Heteronormativität abweichen. Damit schließt er übrigens nicht nur Schwulen, Lesben und Bisexuelle ein, sondern auch Transgender, Intersexuelle, Asexuelle, Genderqueer, Bigender und noch andere. Das erklärt übrigens auch die Abkürzung LGBTQ+. Das Plus nach dem Q steht dabei für alle, die sich nicht oder nur teilweise in den ersten vier Buchstaben wiederfinden.

Fiona: Was, es gibt sogar noch mehr?

Ja, aber viele davon sind noch nicht so allgemein in der Öffentlichkeit bekannt wie Schwule, Lesben und Transgender. Bisexuelle begegnen selbst innerhalb der LGBTQ+Community gelegentlich Vorurteilen, und ähnliches gilt auch für Asexuelle. Ich muss gestehen, Begriffe wie Genderqueer und Bigender sind mir selbst erst vor kurzem zum ersten Mal begegnet.

Ich wende mich an den Amerikaner.

Und wie ist es mit Ihnen, Eliott?

Eliott: Ich bin… heute würde man sagen, straight. Durch und durch. Ich verstehe auch nicht, wie sich zwei Männer oder zwei Frauen ineinander verlieben können. Also ich meine, ich weiß schon, wie sie … naja, Sie wissen schon. Also so von der Anatomie her, meine ich. Ich war auch gelegentlich mal in Freudenhäusern, gebe ich zu. Ich weiß, wie sich zwei Frauen miteinander…

Er räuspert sich und runzelt die Stirn.

Also, wie gesagt, wir sprechen nicht öffentlich darüber. Sehen Sie es mir also nach, wenn ich nicht ins Detail gehe. Ich denke, es ist klar, was ich meine.
Sagen wir mal so, ich kann es nicht persönlich nachvollziehen. Mir ist das fremd. Aber durch Victor, seinen Freund und die beiden Damen hier hab ich einiges erfahren, was an meinem Weltbild gerüttelt hat. Also zum Beispiel, dass eine Frau sich dazu entschließen kann, eher mit einer anderen Frau zusammen zu sein, als eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen.

Heute können sogar lesbische oder schwule Paare zusammen Kinder groß ziehen – das wird dann Regenbogenfamilie genannt.

Der Amerikaner sieht mich mit großen Augen an.

Eliott: Was Sie nicht sagen… da wird mein Weltbild ja noch mehr durcheinander geschüttelt. (Er zuckt mit den Achseln). Naja, aber ich muss ja nicht alles in dieser großen, weiten Welt verstehen… Manche unserer Zeitgenossen im 19. Jahrhundert halten das ja für krank. Also dass Menschen, die sich in ihr eigenes Geschlecht verlieben, krank seien.

Ich muss leider sagen es gibt auch heute noch Länder und Gruppen von Menschen, die das auch heute, im 21. Jahrhundert, noch als krank betrachten. Es werden sogar immer noch angebliche Therapien dagegen angeboten. Aber die Mehrheit sieht es heute anders, einfach als eine weitere Form menschlicher Sexualität.

Eliott: Das ist interessant. Ich denke ja, es gibt noch so vieles in der Medizin, was unerforscht ist. Zumindest in unserer Zeit.

Das ist heute nicht anders, auch wenn es große Fortschritte gegeben hat seit dem 19. Jahrhundert. Aber es sind auch neue Krankheiten aufgetaucht. Aber das würde nun zu weit führen… (Ich verzichte darauf, von AIDS und dem HIV Virus oder weiteren Viren wie Ebola zu berichten, weil es den Rahmen des Interviews sprengen würde.)

Eliott: Der Punkt ist doch: Wenn noch nicht alles erforscht und bewiesen ist, wer kann sich dann anmaßen, Schwulsein oder auch andere sexuelle Orientierungen zu einer Krankheit zu erklären? Unsere Zeitgenossen tun das leider. Weil sie es ihnen fremd ist und weil sie Angst davor haben, vermute ich.

Giselle Butler meldet sich zu Wort. Sie ist die älteste in der Runde, fast fünfzig, und spricht mit einem französischen Akzent.

Giselle: Ja, das ist wirklich traurig. Denn Liebe ist schließlich Liebe, n’est-ce pas ?
Also, ich meine, ich persönlich kann mir das nicht vorstellen, mit einer Frau zusammen zu leben. Aber ich war nie in eine verliebt.
Ich war über 25 Jahre lang glücklich verheiratet und habe eine Tochter, die ebenfalls geheiratet hat. Die meisten meiner Freundinnen waren oder sind auch verheiratet. Aber ich habe einiges gelesen über… sagen wir mal… alternative Lebensstile. Manche Leute heute, in Ihrem Jahrhundert, scheinen sich zu fragen, hat es das denn immer schon gegeben?Also, ich kann natürlich nicht für alle Zeiten sprechen, aber denken Sie doch mal an Georgiana Cavendish, eine Duchess von Devonshire im ausgehenden 18. Jahrhundert, die hat zeitweilig mit einer Frau und ihrem Mann zusammengelebt. Oder kennen Sie das französische Buch „Mademoiselle de Maupin” von Théophile Gautier? Darin verlieben sich ein Mann und dessen Geliebte beide in einen androgynen abenteuerlustigen Mann verlieben, der sich dann als Frau entpuppt. Angeblich eine wahre Geschichte. Und es gab wohl auch einige Gerüchte über den Dichter Lord Byron, und wir sprachen ja auch gerade über Oscar Wilde.

Nica:
Ich war ja auch mal in einen Mann verliebt, und wir sind bis heute Freunde. Aber jetzt bin ich mit Fiona zusammen.

Fiona: Ja, was das angeht, sind wir wohl ein wandelndes Klischee – ich hatte gleich diese Schmetterlinge im Bauch, als ich sie das erste Mal gesehen habe. Das war Liebe auf den ersten Blick.

Nica (lächelt ihrer Freundin zu): Das ging mir ähnlich, muss ich sagen.

Gestern abend habe ich erfahren, dass man Menschen wie mich im 21. Jahrhundert als bisexuell bezeichnet. Für mich ist das einerlei, ob jemand weiblich oder männlich ist, es kommt einfach auf die Person an. Und als Künstlerin finde ich ebenfalls beide Geschlechter ästhetisch schön.

In dem Damenclub, in dem ich bin, haben sich übrigens alle Frauen der sapphischen Liebe verschrieben. Aber die Gründerin, Lady Thelma, war früher auch verheiratet. Heute… ich meine, 1887, war sie Witwe und lebte mit einer Frau zusammen. Also ist sie wohl auch bisexuell.

Fiona, was sagen Sie denn dazu, dass Nica mal in einen Mann verliebt war?

Fiona: Oh, das hat zu einigen Problemen geführt, muss ich gestehen. Das will ich hier nicht erzählen, aber das können Sie auch in unseren Memoiren (2) nachlesen.

Nica: Dazu möchte ich jetzt auch nichts sagen. Aber mir fällt gerade noch etwas anderes ein. In unserem Damenclub ist auch eine Frau Mitglied, die im Körper eines Mannes geboren wurde. Sie ist gewissermaßen ein Ehrenmitglied. Transgender, nennt man heute wohl? Oder Transfrau. Und vielleicht ist es schwer vorstellbar, aber solche Menschen hat es auch in unserer Zeit schon öfter gegeben, z.B. James Barry, ein englischer Arzt, der ebenfalls erwiesenermaßen als Frau geboren wurde und bis zu seinem Tod unerkannt als Mann gelebt hat.

Früher wurde Transsexualität als krankhaft angesehen. Mittlerweile wurde dies u.a. in Dänemark geändert. Dort gilt Transsexualität nicht mehr als Krankheit und es gibt in vielen Ländern die Möglichkeit zur Transition, d.h. geschlechtsan-passende Operationen. Und es gibt immer mehr Transgender Rights Aktivist*innen*.

Die fünf Zeitreisenden starren mich an.

Eliott: So etwas ist möglich im 21. Jahrhundert? Das ist erstaunlich. Da hat die Medizin ja wirklich gewaltige Forschritte gemacht, was diese Operationen angeht, meine ich.

Aber ich möchte gern noch etwas anderes ansprechen. Ich mag vielleicht straight sein, aber ich habe nicht dieses… diese… Homophobie. Ja, das war‘s. So heißt das heute. Mir persönlich ist das völlig egal, welcher Erwachsene mit welchem anderen Erwachsenen ins Bett geht und was sie da tun. Ich meine, solange sie beide übereinstimmen in dem was sie da machen. (Er grinst schief.) Und solange ich nicht dabei zu sehen muss oder gezwungen werde, mitzumachen. Das ist eine Privatsache, finde ich. Wenn Leute übereinstimmen, etwas zu tun und sich dabei glücklich fühlen, warum denn nicht?

Ich bin eigentlich sehr für Gesetz und Ordnung, das hab ich noch aus meiner Zeit als Polizist in New York so drin, darauf wurde ich gedrillt. Aber dieses Labouchere Amendment sehe ich sehr, sehr kritisch. Das richtet gewiss viel mehr Schaden als Nutzen an.

Eliott, damit sind Sie Ihrer eigenen Zeit weit voraus. Und aus Sicht heutiger LGBTQ-Menschen ein „Ally“ der Community – ein Heterosexueller, der die LGBTQ-Menschen nicht nur toleriert, sondern auch deren Gleichberechtigung fordert. Ein Verbündeter oder Freund also.

 

Eliott: Wenn Sie es so nennen wollen, von mir aus. Und wie meinen Sie das mit der Gleichberechtigung genau?

In den Ländern, aus denen Sie stammen: USA, England, Irland und Frankreich ist es seit wenigen Jahren LGBTQ-Paaren erlaubt, zu heiraten, bei gleichen Rechten wie heterosexuellen Paaren.

Die anwesenden Zeitreisen sehen mich überrascht an.

Victor: Das finde ich fast nicht vorstellbar, wenn man es mit unserer Zeit vergleicht. Aber es freut mich, das zu hören.

In Deutschland, wo ich lebe, war dies bisher nicht möglich. Es gab zwar seit 25  Jahren die Möglichkeit einer eingetragenen Lebensgemeinschaft, aber nicht mit den gleichen Rechten wie bei Ehen. Das war vor allem auf konservative politische Kreise zurückzuführen, die in dieser Sache auf dem Status Quo verharren, denn nach einer aktuellen Studie sind rund 83 % der Deutschen für eine Öffnung der Ehe für alle und rund 95% befürworten ein gesetzliches Antidiskriminierungsverbot für LGBTQ-Menschen. Aber in diesen Tagen wird in Deutschland Geschichte geschrieben, denn gerade gestern wurde bekannt, dass die Ehe für alle noch diese Woche im Bundestag beschlossen werden soll.  Und die Chancen stehen gut, dass sie tatsächlich beschlossen wird und damit ein Grundrecht für alle zugänglich wird.

Eliott: Hmm, jetzt verstehe ich, was Sie mit Gleichberechtigung meinen. Das ist ein bisschen wie die Frauenrechtsbewegung, nur halt für Menschen anderer sexueller Orientierung. Gleiche Rechte für alle Menschen.

Übrigens, falls Sie sich fragen, ich hab keine Angst, dass mich Victor irgendwie zu seinem Lebensstil bekehren wollen oder mir eine „Gehirnwäsche“ verpassen. Dazu sind sein Freund und er beide viel zu englisch, finde ich. (Er lacht.) Immer höflich und diskret. Außerdem hab ich mir in meinem ganzen Leben noch nichts aufschwatzen lassen und ich lasse mich auch nicht zu Dingen überreden, mit denen ich nichts anfangen kann. Man kann nicht dazu gemacht werden, etwas zu sein, was man nicht ist, das ist meine feste Überzeugung. Victor sagte ja auch schon, man wird so geboren. Außerdem, seit dem was wir zusammen schon erlebt und durchgemacht haben, sind wir alle Freunde geworden. Obwohl wir so unterschiedlich sind. Ist nicht immer einfach, das gebe ich zu. Aber ich finde, Freunde sollten zusammenhalten.

Victor hebt sein Sektglas.

Victor: Lassen Sie uns darauf anstoßen. Auf die Freundschaft, über alle Grenzen und Unterschiede hinweg!

Wir prosten ihm mit eben diesen Worten zu.

Ein gutes Schlusswort, finde ich. Vielen Dank für dieses Interview und eine gute Heimreise zurück in Ihre eigene Zeit.

Anmerkungen:
* historische englische, negativ behaftete Begriffe für schwulen Sex, z.B. Analverkehr
** Mit Memoiren ist natürlich die Buchreihe „Berlingtons Geisterjäger“ gemeint. 😉
*** 1840: Letzte bekannte Hinrichtung wegen männlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen in Großbritannien, die Todesstrafe bleibt aber bis zur Gesetzesreform 1861 theoretisch möglich und wird erst 1861 durch Gefängnisstrafen ersetzt.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_LGBT#Neuzeit)

Ein Kommentar vom 27.6. zur Öffnung der Ehe für alle:
http://www.queer.de/detail.php?article_id=29148