Interview mit Saskia Dreßler

Im Interview zeige ich auch Bücher von Saskia, die they veröffentlicht bzw. mit herausgegeben hat.
Lesezeit: ca. 10 Minuten

Hallo Saskia, danke, dass du dir die Zeit nimmst für ein Interview.

Du bist als Autor*in und Herausgeber*in tätig und bietest auch Workshops an. Außerdem machst du die wöchentliche Mitmachaktion #Queergelesen (auf Instagram und im Fediverse) zu verschiedenen Themen rund um Queerness in der Literatur. Was gefällt dir an diesen Tätigkeiten besonders?

Ich glaube, das sind zwei Aspekte, die mir bei allen Tätigkeiten besonders gefallen:
Der erste Aspekt ist der Kontakt mit Menschen – sei es live oder online. Ich mag es mich mit anderen über Themen auszutauschen, die mir wichtig sind. Sei es, dass ich bei Workshops mein Wissen weitergeben kann und auch etwas dazu lerne. Oder sei es, dass ich neue Texte durch das Herausgeben von Anthologien kennenlerne und Erfahrungen bei #Queergelesen teilen kann. Auch im Schreiben haben wir Kontakt mit Menschen auf verschiedenen Ebenen, den ich nicht missen möchte.
Der zweite Aspekt ist für mich eher ein ideeller. Ich finde es wichtig Geschichten zu schreiben oder aufzuklären über Marginalisierungen, die mich betreffen. Natürlich finde ich es auch wichtig, dass wir Figuren in Geschichten haben, die nicht alle unsere Marginalisierungen teilen – aber der Umgang mit einem Sensitivity Reading ist etwas anderes. Beim Schreiben meiner Marginalisierung geht es mir vor allem darum auch unterhaltend Aspekte meiner Marginalisierung der lesenden Person näher zu bringen. Hier können sich betroffene Personen wiederfinden, während alle anderen eine neue Sichtweise kennenlernen können – und damit sind wir wieder beim Kontakt und der Kreis zwischen den Aspekten, die mir bei allen verschiedenen Tätigkeiten gefallen.

Erzähl uns bitte etwas über dein neues Buch. Wann und wo erscheint es, und wie bist du auf die Idee dazu gekommen?

Mein neuestes Buch »Geisterfall« ist Band 1 einer vierbänden Yokai-Punkreihe (Fußnote 1). Das Buch erscheint Mitte/Ende Mai beim Weltenruder Verlag und die Geschichte spielt in den 1920ern in Tokyo. Es ist eine Geschichte, die sich zu großen Teilen an der realen Geschichte und realen Gegebenheiten der Zeit orientiert – aber eben nur zum Teil. Es gibt eine enge Verflechtung mit der japanischen Mythologie und einen etwas veränderten Technikstand.
Die Idee der Geschichte begleitet mich seit 2021. Witzigerweise kam mir zuerst die Idee für das Prequel, was 1870 spielen sollte – aber an die Geschichte habe ich mich nicht getraut. Stattdessen habe ich gedacht, dass es leichter wäre 4 Bände zu schreiben. Kleiner Spoiler: Ist es natürlich nicht.
Am Anfang der Idee standen für mich drei Dinge: Erstens meine Faszination für die japanische Geisterwelt und den spannenden Hintergründen dazu und zweitens ein Gesellschaftskonzept, was ich gerne erzählen wollte. Und drittens hatte ich die letzte Szene zuerst bildlich im Kopf – bevor ich meine Figuren oder irgendwas wirklich kannte. Von dieser Szene und meinen theoretischen Ausgangsgedanken zum Gesellschaftskonzept, bin ich dann weitergegangen und alles hat sich entwickelt.

Klappentext:
Vor Jahren hat ein Pakt das Verhältnis der japanischen mythologischen Wesen Yōkai und Yūrei zu den Menschen neu geregelt – aber nicht alle halten sich daran.
Der berühmte Schriftsteller Nakahara-san wird von der jungen Sai tot aufgefunden. Noch bevor sie den Fund melden kann, wird sie von einer Gruppe Yōkai und Yūrei entführt.
Deren Detektivbüro Himitsu glaubt an eine übernatürliche Einmischung und möchte den Fall aufklären – kann dabei aber keine menschliche Einmischung gebrauchen. Doch ein mächtiger Kami hat andere Pläne. Er trägt Sai auf, als Vermittlerin zwischen Himitsu und den Menschen zu dienen. Das ist auch notwendig, denn der totgeglaubte Schriftsteller ist wieder sehr lebendig.
Spannende Urban Fantasy in einem technisch alternativen Tōkyo der 1920er – mit einem sprechenden Kater.
Das Buch erscheint am 28. Mai 2026 im Weltenruder Verlag.


Welche Figur im Roman, abgesehen von deinen Hauptfiguren, magst du besonders, und warum?

Ich möchte vier Nebenfiguren euch mitgeben, die ich besonders gerne mag und ich zähle sie mal in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Buch auf: Da haben wir die Vermieterin von Sais Schlafplatz (Sai ist dabei unsere menschliche Hauptfigur) Frau Yamada. Diese ist für mich so nahbar. Sie lästert gerne und hat ein bisschen eine konservative Lebensauffassung, aber genau das macht sie als Figur mich so lebendig.
Und dann möchte ich noch meinen zweiköpfigen Tanuki Makoto hervorheben. Dey wäre gerne ein Tanuki, der große Erfindungen machen würde – doch leider schlägt das immer … ein bisschen fehl.
Außerdem habe ich Keiko als Figur (hier bleibe ich mit Absicht ein bisschen vage) so ins Herz geschlossen, dass sie in anderen Teilen definitiv wieder vorkommen wird. Keiko ist als Figur einfach wunderbar direkt und kämpft für ihren eigenen Platz im Leben und in der Gesellschaft. Außerdem ist sie eine der Figuren, die Sai in Tokyo relativ offen aufnimmt – wo es sonst eher Probleme gibt.

Was steht als nächstes für dich an? Auf Instagram und auf deiner Webseite hast du eine ganze Reihe an Buchprojekten vorgestellt, an denen du arbeitest – schreibst du an mehreren parallel, oder eines nach dem anderen, wenn du das verraten magst?

Das ist eine gute Frage! Ich habe ja bei Schreibprojekten immer das Problem mit der Motivation. Das hängt sehr eng mit meiner Neurodivergenz bzw. den Neurodivergenzen zusammen. Bei Kurzgeschichten ist das nicht so ein großes Problem, aber je länger ein Projekt dauert, desto mehr muss ich mir Strategien überlegen, um am Projekt zu bleiben. Parallel arbeiten funktioniert bei mir nur bedingt. Eine Kurzgeschichte dazwischen zu schieben, ist immer möglich – bei längeren Projekten müssen die in unterschiedlichen Zuständen sein. Beispielsweise schreibe ich an einem die Rohfassung und versuche beim anderen einen Teil zu überarbeiten.
Im Moment gerade warte ich noch auf eine Verlagsrückmeldung für ein Projekt. Für dieses gebe ich einfach das Stichwort »Pirat*innen«. Sonst habe ich am Anfang des Jahres eine Abstimmung auf Patreon gemacht. Diese war für alle zugänglich und es konnte entschieden werden, welches meiner Projekte gerade am interessantesten ist. Hier hat – mit weitem Abstand – mein Arcanepunk-Gerichtsdrama gewonnen. Hier muss ich noch ein bisschen etwas am Weltenbau arbeiten, aber es freut mich schon sehr ein Gerichtsdrama zu schreiben. So was habe ich in der Phantastik noch nicht so oft gelesen.

Du gibst auch manchmal Workshops für Autor*innen. Was für Erfahrungen hast du damit gemacht? Schreibe auch gern, wo man deine Workshops finden kann.

Mit den Schreibworkshops habe ich im letzten Jahr begonnen. Meine kleine Premiere hatte ich auf der Leipziger Autor*innenrunde, bei der ich über die Darstellung von neurodivergenten Figuren und Mental Health in Geschichten gesprochen habe. Daraus hat sich mein erster Workshop »Neurodivergenz & Schreiben« entwickelt.
Mir hat die Erfahrung super viel Spaß gemacht. Ich kenne Lehre bisher vor allem im Studiumsumfeld und es ist schon ein kleiner Unterschied, ob ich vor Studierenden einen Lehrinhalt halte oder vor Autor*innen. Ich war echt überrascht, dass es doch einige Personen gab, die sich für meinen Themenbereich interessieren.

In diesem Jahr gibt es bei mir drei neue Workshops zu den Themen »Mental Health Repräsentation«, »Let’s get Punk – Ein Überblick über Punkgenre« und »Anime und Manga: Was können wir von ihnen vom Schreiben lernen?«, und dazu kommt die Wiederholung des Workshops »Neurodivergenz & Schreiben«. Die Workshops sind alle etwas unterschiedlich aufgebaut und für mehr Informationen würde ich meine Webseite (siehe unten) empfehlen. Die Terminabstimmung für die Workshops beginnt im April, und wer sich davor bei mir per E-Mail auf die Interessent*innenliste gesetzt hat, kann beim Termin mitbestimmen. Der offizielle Anmeldungsstart ist im Mai – und ich freue mich natürlich über alle, die sich für die Themen interessieren!

Sprechen wir kurz über progressive Phantastik und Diversität. Was hat sich aus deiner Sicht in den vergangenen paar Jahren diesbezüglich auf dem Buchmarkt verändert? Ist die Phantastik zumindest teilweise progressiver geworden oder war mehr Diversität in der Literatur nur eine Art kurzer Trend?

Ich glaube, dass gleichzeitig viel Gutes und viel Negatives passiert. Ich sehe positive Trends in Bezug auf Awareness und das Aufkommen von diversen Figuren und Plots in der Kleinverlagsebene und bei Selfpublishenden. Auf der anderen Seite sind Großverlage, meiner Meinung nach, noch sehr hinterher. Da ist der englische Buchmarkt uns meilenweit voraus. Unsere Wirtschaftslage und unser Konsumverhalten zieht das Problem mit sich nach, dass die Gruppen, die progressiver sind (eben die Kleinverlage und Selfpublishenden) sehr große Probleme haben zu überleben. Viele müssen irgendwann aufgeben, weil die Kapazität (sowohl finanziell wie auch mental) nicht mehr reicht. Diese Entwicklung sehe ich sehr kritisch – und hier habe ich noch gar nicht begonnen über die Verwendung von KI in der Buchbranche zu reden.

Was die verschiedenen Facetten von Diversität betrifft, habe ich das Gefühl, dass es bestimmte Facetten gibt, die akzeptierter sind als andere. Allein im queeren Spektrum sehen wir dieses Phänomen: So sind Geschichten mit schwulen Protagonisten (jetzt mal die Darstellung davon herausgenommen) relativ weitverbreitet. Schwieriger wird es da schon mit Geschichten mit lesbischen Figuren und von weiteren Aspekten des queeren Spektrums will ich da gar nicht anfangen. Ähnliches lässt sich auch auf andere Arten von Diversität übertragen. Ich glaube, dass wir auf einen guten Weg sind, aber insgesamt gibt es doch noch einiges zu tun.

Wenn du zwei Wünsche frei hättest, was würdest du dir von Leser*innen und dem deutschsprachigen Buchmarkt wünschen?

Ich glaube, mein erster Wunsch ist »Offenheit« und das auf verschiedenen Ebenen. Ich wünsche mir die Offenheit von Lesenden sich auf Geschichten einzulassen, die vielleicht diverser oder jenseits von Erzählkonventionen sind, die wir kennen. Außerdem wünsche ich mir die Offenheit von Verlagen, dass sie Autor*innen und Literatur, die divers sind, fördern. Wagt doch etwas, denn nur so kann sich langfristig die Literaturlandschaft ändern.

Und mein zweiter Wunsch ist speziell an Lesende gerichtet: »Euer Konsumverhalten bestimmt den Markt mit«. Ich glaube nämlich, dass das ein Punkt ist, der sehr vergessen wird. Wir sind nicht einfach den Verlagen ausgeliefert. Mit unserem Kaufverhalten, den Trends, auf die wir aufspringen, oder die Bücher und Verlage, die wir supporten, werden gesehen, und Verlage passen sich daran an. Feiert doch einfach mal diverse Geschichten und zeigt, dass wir so etwas lesen wollen!

Gibt es noch etwas, was du gern ansprechen möchtest?

Tatsächlich möchte ich allgemein erwähnen: Wenn ihr diverse Literatur sucht, dann schaut euch die Kleinverlagslandschaft und Selfpublishende an. Gebt den Büchern eine Chance und unterstützt diesen Personenkreis. Da reicht es schon, wenn ihr einen Social Media-Beitrag teilt oder kommentiert. Ich glaube, wer sich da ein bisschen rein wagt, kann da ziemlich gute Bücher entdecken!

Wo kann man dich online finden?

Hier meine kleine Auflistung:
Webseite: https://saskiadressler.com/
Mastodon: @seitenweiser.literatur.social
Bluesky: @ seitenweiser.bsky.social
Instagram: @dresslersaskia
Twitch: https://www.twitch.tv/saskiadressler

Kann man dich in diesem Jahr irgendwo auf Lesungen, Messen, Conventions treffen?

Es ist zwar noch ein bisschen in der Bewegung, aber auf folgenden Veranstaltungen könnt ihr mich treffen:

16.05. & 17.05.: FaRK
29.05. – 31.05.: DoKomi (hier aber wahrscheinlich nur Samstag und Sonntag)
31.10. & 01.11.: Buch Berlin

Sonst ist noch in der Planung:
01.08. & 02.08.: Krähenfee
22.08 & 23.08.: Contaku Magdeburg

Alles weitere – auch was Lesungen betrifft – wird sich wohl noch ergeben. Da findet ihr in meinem Newsletter oder auf Social Media dann die aktuellen Informationen.

Fußnote:
(1) Yokai: Yōkai (japanisch 妖怪) sind Figuren des japanischen Volksglaubens, die mit unerklärlichen Geschehnissen und Phänomenen assoziiert werden. Sie sind mit Dämonen, Kobolden, Gestaltwandlern, Gespenstern und Geistern im deutschen Volksglauben vergleichbar. Heutzutage ist Yōkai ein Oberbegriff für übernatürliche Wesen.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Y%C5%8Dkai)