Über den Mangel an Inklusion und Diversität in der deutschsprachigen Phantastikszene …

… am Beispiel der geplanten Phantastik Convention MetropolCon. Eine Anmerkung vorab: In diesem Beitrag verlinke ich einige Twitter-Threads, zwei Statements und einen Blogbeitrag, die alle öffentlich sichtbar sind.

Kürzlich habe ich den Blogbeitrag Einige Probleme in der deutschsprachigen Literaturszene verfasst. Das Jahr 2022 ist nur wenige Tage alt, und schon gehen die Probleme weiter. In dem genannten Beitrag schrieb ich am Beginn: „Die Literaturszene in Deutschland hat einige Probleme und hier und da zeigen sich dieselben Muster, z.B. dass so einige buchige Events keinen Safe Space für marginalisierte Menschen darstellen.“

Die MetropolCon, eine multimediale Phantastikconvention, soll 2023 zum ersten Mal in Berlin stattfinden. Ihre Vision: „MetropolCon versteht sich als inklusive, barrierefreie, diverse und nachhaltige Veranstaltung. Sie ist ein safe space für alle Teilnehmenden.“ (1) Soweit, so gut. Es gab mittlerweile einiges an Kritik in Social Media, mehr dazu im oben verlinkten Beitrag.

Kürzlich haben zwei queere BPoC (2) angekündigt, das (ausschließlich weiße) Orga Team unterstützen zu wollen. Eine der Personen, Aşkın-Hayat Doğan, arbeitet u.a. als Diversity Trainer und hätte von daher eine Menge an Fachwissen für eine diskriminierungssensible Veranstaltungsplanung einbringen können. Die andere Person, Jade S. Kye, ist als Blogger*in, Sensitivity Reader und Autor*in aktiv.
Die Reaktion der MetropolCon Orga auf dieses Angebot hat Jade S. Kye, öffentlich gemacht und ich bitte sehr darum, diese zu lesen (Lesezeit ca. 4 Minuten):
https://buecherinselblog.com/oeffentliche-antwort-an-die-metropolcon/

Warum jemand mit einer Expertise wie Aşkın von vornherein vom Orga-Team ausgeschlossen worden ist? Er hatte bestimmte Aspekte der Veranstaltung im Vorwege kritisiert, und war damit übrigens bei weitem nicht allein (siehe auch den oben verlinkten Beitrag von mir). Auf mich wirkt die Reaktion der MetropolCon so, als ob dieses Orga-Team Probleme hat, mit Kritik von marginalisierten Menschen umzugehen, wenn diese nicht in einem ausgesucht höflichen Tonfall vorgetragen wird. Das nennt sich Tone Policing (3) und es kommt mir leider nur allzu bekannt vor aus anderen Diskussionen in der Phantastikszene, zum Beispiel rund um Kritik am Phantastik Autoren Netzwerk e.V. (PAN).

Und ich möchte gern noch einige andere Stimmen zu Wort kommen lassen.
Alex hat sich in diesem längeren Twitter-Thread Gedanken über die mangelnde Inklusion und Diversität in der deutschsprachigen Phantastikszene gemacht und gibt am Ende einige Followempfehlungen, denen ich mich anschließen möchte:
https://twitter.com/KaenKazui/status/1479512950662696961

Heute hat die Metropol Con Orga folgendes Statement als Reaktion veröffentlicht:
https://www.metropolcon.eu/2022/01/07/zur-aktuellen-diskussion/

Ein Zitat daraus: „Die Entscheidung, Aşkın nicht ins Orga-Team aufzunehmen, beruht auf persönlichen Erfahrungen und hat nichts damit zu tun, dass er Kritik äußert oder auf Desiderata hinweist.
Ich kenne Aşkın seit einiger Zeit und ich finde diese Aussage der Orga mit den „persönlichen Erfahrungen“, sagen wir mal, nebulös. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass es einer Veranstaltungsorga freisteht, zu wählen, mit wem sie zusammenarbeiten möchte und mit wem nicht. Und natürlich könnte sich auch während einer Zusammenarbeit herausstellen, dass es zu unterschiedliche Positionen gibt und dass man schließlich getrennte Wege geht. Aber in diesem Fall ist diese Entscheidung, Aşkın von vornherein auszuschließen, mehr als unglücklich.

Denn nach dem, was Jade in their öffentlichen Antwort geschrieben hat, sehe ich eine fatale Signalwirkung, die von der Entscheidung der Metropol Con Orga gegen eine Zusammenarbeit mit Aşkın ausgeht – nehmen wir einmal an, andere BI_PoC hätten ein Interesse daran gehabt, das Orga Team zu verstärken, um die Themen Inklusion und Diversity aktiv in die Planung mit einzubeziehen. Nach dieser Entscheidung des Orga Teams nehme ich stark an, dass sich BI_PoC eine entsprechende Unterstützung wohl zweimal überlegen, denn wie Jade schreibt:

Natürlich würde die Orga dennoch von meiner Vorarbeit profitieren. Und könnte mich dann als bösen PoC framen, mit der man nicht “produktiv” zusammenarbeiten könne, weil “persönliche Kommunikation und Framing” … (…) Ich sehe hier das Potential mich in Gefahr zu bringen was meine Mental Health betrifft und gleichzeitig als “Quoten-PoC” herhalten zu müssen. (…)
Unter diesen Bedingungen muss ich für mich leider festhalten, dass die MetropolCon kein Safer Space sein wird und die Orga definitiv auch nicht.


Ich schließe mich dieser Sichtweise an: Auch ich betrachte dieses Event nicht länger als einen Safe Space. Ich bin zwar keine Person of Color, aber mehrfach marginalisiert. Ich möchte darüber hinaus schon allein aus Solidarität keine Veranstaltung unterstützen, deren Orga-Team so mit BPoC umgeht.

Resa hat das Statement der Orga und das Thema Kritik in einem kurzen Twitter-Thread analysiert:
https://twitter.com/resatastic/status/1479518781026320388

Ich stelle jetzt mal ein, zwei Vermutung an, wie sich das weiterentwickeln könnte. Möglicherweise heißt es später von Seiten des Orga Teams: „Tut uns leid, aber wir konnten keine BIPoC (oder Menschen aus anderen marginalisierten Gruppen) finden, die unser Team verstärken wollten.“ Nach dem, was da bisher gelaufen ist, wäre das kein Wunder. So läuft es zu oft im deutschsprachigen Raum, auf buchigen Events, und ich bin es so leid. Wenn man sich schon Inklusion und Diversity auf die eigene Fahnen schreibt, dann sollte man marginalisierten Menschen auch eine Stimme geben und sie in die Planung mit einbeziehen.

Und ein Blick in die Zukunft – dieser Con wird 2023 vermutlich dominiert werden von weißen cis hetero Männern, den Urgesteinen der deutschen Phantastik, die sich dann gegenseitig auf die Schultern klopfen. Was nicht geschehen wird, ist das, was Alex in dem von mir oben verlinkten Thread geschrieben hat: „Und natürlich benutzen diese paar großen weißen, männlichen Autoren nicht ihre Plattform, um diesen diversen Autor*innen unter die Arme zu greifen.“
Und ganz ehrlich, ich persönlich habe keine Lust auf eine weitere solche Veranstaltung.

Ich schließe diesen Beitrag mit zwei Folgeempfehlungen:
Falls ihr in Social Media seid, folgt Jade und Aşkın.
Jade ist online hier zu finden:
https://linktr.ee/Jade_S_Kye

Aşkıns Webseite, u.a. für Diversity Training und Sensitivity Reading: https://ask-dogan.de/
Twitter: @AskDoan1
Instagram: @ask-h-dogan

Fußnoten:
(1) https://www.metropolcon.eu/vision/

(2) BPoC ist eine Abkürzung für Black, People of Color. Eine weitere Abkürzung, die u.a. in USA gebräuchlich ist: BI_PoC, das steht für Black, Indigenous, People of Color.

(3) Ein Beitrag zum Thema Tone Policing: https://feminismus-oder-schlaegerei.de/2019/02/09/tone-policing-lasst-mich-verdammt-noch-mal-wuetend-sein/