Mental Health Aufklärung: Was sind Psychosen?

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Mental Health Aufklärung: Was sind Psychosen?

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Vorweg: Ich schreibe diesen Beitrag auch für Autor*innen, die über dieses Phänomen schreiben wollen oder sich erst einmal grundsätzlich informieren möchten. Ich biete auch Sensitivity Readings zu diesem Thema an.

Die kurze Antwort auf die oben genannte Frage: Psychosen sind ein starker Realitätsverlust, bei dem Denken, Fühlen und Wahrnehmungen sehr beeinträchtig werden. Häufig werden sie von Halluzinationen begleitet.

Nun ausführlicher:

Wodurch werden sie ausgelöst?

Psychosen können innerhalb von psychischen Erkrankungen auftreten, z.B. bei Schizophrenie und bipolarer Störung. Sie können auch die Folge eines traumatischen Erlebnisses sein. Psychosen können außerdem durch psychoaktive Drogen ausgelöst oder verstärkt werden. (Das ist übrigens ein Grund, warum ich persönlich nie Drogen konsumiert habe.)

Wie lange dauern Psychosen?
Das ist extrem unterschiedlich, oftmals dauern sie mehrere Stunden oder Tage. Unbehandelt können sie unter ungünstigen Bedinungen wochenlang andauern oder länger und sich immer weiter verstärken. Oder auch, unter günstigen Umständen, wieder abklingen.

Welche Symptome gibt es?
Da gibt es eine große Bandbreite. Psychosen können mit Wahnvorstellungen und Paranoia einhergehen. Wahnvorstellungen können z.B. sein, dass man sich für eine andere Person hält oder an einer anderen wahnhaften Idee festhält, die nicht der Realität entspricht. Es kann auch zu Wahrnehmungen kommen, bei denen sich das eigene Selbst quasi auflöst und man sich grenzenlos fühlt, oder auch ganz stark verbunden mit allem, ohne die sonst übliche Distanz zu anderen Personen, Objekten, Tieren, Pflanzen und so weiter.
Manche Personen mit Psychosen erleben auch eine Art Zersplitterung des eigenen Selbst,
was sehr beängstigend sein kann.

Ein weiteres häufiges Symptom sind Halluzinationen visueller oder auditiver Art. Bekannt ist aus dem Bereich der Schizophrenie das „Hören von Stimmen“.

Aus meiner Sicht hilft eine Analogie aus dem Bereich des Drogenkonsums weiter, um Psychosen zu verstehen: Je nach Droge und Situation können „Trips“ als sehr beängstigend oder erschütternd erlebt werden, oder aber eher als etwas Angenehmes. Auch Psychosen können von den Betroffenen sehr unterschiedlich wahrgenommen werden, je nach den Themen und Symbolen, die darin auftreten.

Manche Psychologen und Psychiater raten dazu, sich diese Themen oder Symbole nach dem Abklingen der Psychose genauer anzuschauen und zu interpretieren. Zum Beispiel in diesem Sinne: „Was möchte diese Wahnvorstellung dir über dein Leben sagen?“ Ein religiöser Mensch wird unter Umständen im Rahmen einer Psychose mit religiösen Inhalten konfrontiert, bei einem atheistischen Menschen sind es wohl eher andere Inhalte.

Übrigens: Sicherlich habt ihr schon mal historische Geschichten über katholische Heilige und andere bekannte Menschen gehört, die der Überlieferung nach göttliche Visionen hatten. Beispiele hierfür sind die katholische Heilige Teresa von Ávila (1) und die Benediktinerin Hildegard von Bingen.

Ich wage zu behaupten, dass einige Menschen wie Theresa und Hildegard in der heutigen Zeit und in den westlichen Gesellschaften eher in einer Psychiatrie landeten, wenn sie ihrem Umfeld von göttlichen Visionen erzählen würden.

Der Übergang von spirituellen Visionen und Erlebnissen zu einer Psychose mit starkem Leidensdruck kann jedenfalls fließend sein. Aber das ist ein Thema für sich und würde diesen Blogbeitrag sprengen. Unter „Weiteres“ habe ich unteneinen interessanten Blogbeitrag von Ellen Olivia Hawthorn aka That HelPolWitch zu diesem Thema verlinkt, in dem they auch von eigenen Psychoseerfahrungen berichtet.

Bei diesem Thema finde ich ein Zitat von Joseph Campbell passend: „The psychotic drowns in the same waters in which the mystic swims with delight.” (Übersetzt: „Der psychotische Mensch ertrinkt in denselben Gewässern, in denen ein Mystiker mit Freude schwimmt.“)

Sind psychotische Menschen gefährlich?

Fangen wir mit einem Extremthema an: Man kennt es aus blutrünstigen Thrillern, Horrorfilmen und Krimis: Ein psychotischer Mörder macht eine Stadt unsicher, oder Ähnliches.

Es ist richtig, dass psychotische Menschen unter negativen Umständen eine Gefahr für sich selbst oder andere Personen darstellen können. Aber das ist längst nicht bei allen der Fall. Viele psychotische Menschen haben vor allem Probleme, ihren Alltag zu meistern und benötigen Unterstützung: aus ihrem Umfeld, therapeutisch, mit Medikamenten.

Wer mitten in einer schweren Psychose steckt, kann außerdem oft kaum noch klar denken und auch nichts Langfristiges planen. Entsprechend ist das Stereotyp aus Thriller/Horror/Krimi falsch, dass ein psychotischer Mörder (meistens als „wahnsinnig“ bezeichnet) seine Morde kaltblütig und durchdacht plant. Ein wirklich psychotischer Mensch wäre dazu kaum in der Lage.

Ich selbst hatte mehrfach in meinem Leben Psychosen, die letzte zum Glück im Jahr 2008.
Nicht zuletzt dank Therapien und guten Medikamenten (auch Anti-Psychotika) hatte ich seitdem diese Form von Realitätsverlust nicht mehr.

Last but not least: Verwendet bitte im Alltag den Begriff „psychotisch“ nicht umgangssprachlich für etwas oder eine Person, die ihr „verrückt“ findet. Ihr habt das sicherlich schon mal gehört, Phrasen wie: „Der ist ja voll der Psycho!“ oder „Das ist so psychotisch!“ (Oder auch „Das ist so schizophren!“)
Damit würdet ihr nämlich zu einer Stigmatisierung beitragen, mit der sich viele Betroffene sowieso schon ständig herumschlagen müssen. Bitte macht das nicht.

Und noch etwas: In einem Video von Marie Joan habe ich mit Schrecken erfahren, dass manche Leute Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Neurodivergenz fetischisieren. (3) Bitte macht das nicht. Und wenn ihr Leute kennt, die das tun, weist sie auf Folgendes hin: Das ist nie ein Kompliment an die betroffene Person, sondern eine Form von ekliger Objektifizierung (in lack of a better word).

Fußnoten:
(1) Teresa von Ávila https://de.wikipedia.org/wiki/Teresa_von_%C3%81vila
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Hildegard_von_Bingen
(3) Marie Joans Video auf YouTube: „crazy, hot, gestört: die LÜGE des „CRAZY GIRLS“ – von Hexen zu Borderline…“

Weiteres
„I am Blessed, I am Damned: On Having Psychosis With Religious Themes When You’re a Witch“ von Ellen Olivia Hawthorn | That HelPolWitch
https://thathelpolwitch.com/psychosis-witchcraft/

Ein empfehlenswertes Sachbuch zum Thema, in dem auch viele Betroffene zu Wort kommen: „Stimmenreich – Mitteilungen über den Wahnsinn“ von Th. Bock, J.E. Deranders und I. Esterer, Psychiatrie Verlag, Bonn, 2001
Zitat daraus: „Versuche der Verständigung von Psychose*-Erfahrenen, Angehörigen und Psychiatrie-MitarbeiterInnen im Hamburger Psychose*-Seminar“

In diesem Zusammenhang auch sehr interessant:
„We’re all mad here? Darstellung von Schizophrenie in den Medien“ von der Autorin und Psychologin Elea Brandt
https://eleabrandt.de/2020/01/30/schizophrenie-in-den-medien/

Ein aus meiner Sicht empfehlenswertes englischsprachiges Buch über „Spiritual Emergencies“, mit vielen Erfahrungsberichten betroffener Leute: „Breaking Open: Finding a Way Through Spiritual Emergency“, herausgegeben von Jules Evans und Tim Read

Mental Health: Was sind manische Phasen?

Die bipolare Störung war früher bekannt als manisch-depressive Erkrankung, da Betroffene häufig entweder depressive oder manische Phasen erleben, sich also zwischen diesen zwei Polen bewegen.

Depressionen und ihre Symptome sind dank vielfacher Aufklärung mittlerweile recht bekannt, Manien allerdings weniger (oder sie werden in Geschichten teilweise verfälscht dargestellt, z.B. in reißerischen Thrillern).

Hier einige Symptome von Manien. (Disclaimer: Manien können sich je nach Individuum unterschiedlich äußern, jede Person ist einzigartig.)

In manischen Phasen neigen viele Betroffenen häufig zu einem völlig sorglosen Umgang mit Geld, z.B. tätigen sie größere Ausgaben, obwohl sie sich diese nicht leisten können.
Viele neigen zur Selbstüberschätzung.
Häufig fühlen sich Betroffene sehr energiegeladen, schlafen aber kaum, weil sie abends/nachts nicht zur Ruhe kommen.
Manche werden sehr gereizt, fahrig oder nervös und/oder aggressiv.
Die Libido verändert sich bei einigen.
Manche nehmen alles intensiver wahr: Farben, Gerüche, Musik, Berührungen … Und ja, das kann sich anfühlen wie auf einem Drogentrip. Ich habe nie Drogen konsumiert, aber aus Erzählungen, Geschichten und Berichten weiß ich, wie sich ein Drogentrip anfühlen kann. Einige Betroffenen reden plötzlich wie ein Wasserfall, um all die vielen Gedanken und Ideen auszudrücken, die in solchen Phasen auf sie einströmen.
Die Konzentrationsfähigkeit leidet.

Manches kann sogar positiv sein: Für kreativ tätige Menschen können manische oder hypomanische (1) Phasen starke kreative Schübe bringen. Ich selbst habe über die Jahre gelernt, hypomanische Phasen für meine Tätigkeiten zu nutzen und sie damit teilweise zu verarbeiten. Vielleicht ist es nicht verwunderlich, dass es im Laufe der Geschichte mehrere Kunstschaffende gegeben hat bzw. auch heute gibt, die die bipolare Störung haben/hatten, z.B. der Künstler Vincent van Gogh, die Musikerinnen Emilie Autumn und Mary Lambert.

Eine Liste mit entsprechenden Leuten gibt es auf Wikipedia, schaut dort bei Interesse mal nach „List of people with bipolar disorder“

(1) Hypomanie: Eine Art Vorstufe zur Manie, die sich nicht unbedingt in eine Manie entwickelt.

Ein persönlicher Beitrag zum Tag der mentalen Gesundheit



Inhaltswarnungen: psychische Erkrankung, bipolare Störung, suizidale Gedanken, Suizid, Depression, Manie, Psychose

Lesezeit: ca. 12 Minuten

Teile dieses Textes habe ich bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht, anlässlich der Aktion „Seelenoktober“ auf Facebook.

Am 10. Oktober ist jedes Jahr Tag der mentalen Gesundheit (Mental Health Day). Dieses Thema geht mir schon seit rund zwei Jahrzehnten nah, denn ich habe die bipolare Störung. Was das ist und was für Erfahrungen ich damit gemacht habe, davon handelt dieser Beitrag.

Zuerst einmal zum Begriff: Früher wurde dies als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet. Manche Betroffene sprechen heute gern von bipolarer Neurodivergenz oder Neurodiversität (ähnliches gilt auch z.B. für AD(H)S, Asperger Syndrom, Autismus). Mir ist dieser Begriff übrigens auch lieber als „Störung”, weil letzteres zu sehr an das Schimpfwort „gestört” erinnert. Der Begriff „Neurodivergenz” soll das Phänomen zum einen aus einem ausschließlich medizinischen Blickwinkel lösen, zum anderen zeigen, dass das Gehirn der entsprechenden Personen gewissermaßen dauerhaft anders funktioniert als bei neurotypischen Menschen. Von einer Neurodivergenz zu sprechen, macht auch insofern Sinn, da die Erkrankung als unheilbar gilt. Mit Therapien und passenden Medikamenten kann man im günstigsten Fall lernen, damit langfristig zu leben.

Die Erkrankung äußert sich sehr unterschiedlich, es gibt verschiedene Formen, darunter das sogenannte „Rapid Cycling”, bei dem sich depressive und manische Phasen sehr schnell ablösen. Bei anderen Menschen sind eher die manischen Phasen ausgeprägt, bei einigen stehen die depressiven im Vordergrund. Übergänge zu anderen psychischen Erkrankungen sind hier oft fließend, bzw. manche Menschen mit der bipolaren Störung haben auch noch zusätzliche psychiatrische Diagnosen. Einige mit dieser Erkrankung neigen zu Suizidalität, andere eher nicht. Ich gehöre zu letzteren, auch wenn mir suizidale Gedanken ebenfalls nicht fremd sind.

Es gibt übrigens mehrere Kunstschaffende, die diese Erkrankung haben/hatten und offen darüber sprechen/sprachen. Dazu zählen die Musikerinnen und Singer-Songwriterinnen Emilie Autumn, Macy Gray, Mary Lambert (die darüber auch in ihrem Song „Secrets” offen singt), Maria Carey, die Schauspielerinnen Carrie Fisher und Linda Hamilton, der Schauspieler Richard Dreyfuss, Demi Lovato (Schauspieler*in, Sänger*in, Autor*in), die Musiker*innen und Singer-Songwriter*innen Lou Reed und Amy Winehouse, der Künstler und Fotograf David LaChapelle und noch viele andere.

Mary Lambert: „Secrets“

Auch einige bekannte historische Persönlichkeiten litten höchstwahrscheinlich unter dieser Erkrankung, darunter Ernest Hemingway, Vincent van Gogh, Zelda Fitzgerald, Ada Lovelace, Gustav Mahler, Virginia Woolf, möglicherweise auch Sylvia Plath und Edgar Allan Poe.

Ich war jahrelang in Psychotherapie, früher auch mit Klinikaufenthalten, und ich nehme Medikamente. Aber auch das alles ist kein Heilmittel. Wenn es in meinem Leben zu einer größeren Krise kommt, kippe ich höchstwahrscheinlich aus einer stabilen Phase in eine instabile, ich werde dann entweder manisch oder depressiv. Mittlerweile meistens letzteres, aber nicht nur.

Ich habe einmal von einem Künstler gelesen, der schrieb, dass er seine manischen Phasen nicht missen möchte, da sie ihm zu kreativen Schüben verhelfen würden. Diese Erfahrung habe ich selbst ebenfalls gemacht, z.B. über einen längeren Zeitraum sehr wenig Schlaf zu haben und dennoch ein Gefühl, als ob ich Bäume ausreißen könnte. Oder mich stundenlang ohne Pause mit kreativen Tätigkeiten beschäftigen zu können und dabei alles um mich herum zu vergessen.
Von daher würde ich persönlich aufgrund dieser Erfahrungen sagen, diese Neurodivergenz bringt nicht ausschließlich Negatives mit sich, zumindest nicht bei mir. Aber auch das ist ganz individuell unterschiedlich. Die Kehrseiten von Manien können die folgenden sein: ein völlig sorgloser Umgang mit Geld, wortwörtlich ver-rückte Ideen, ständige Gedankensprünge, Verlust der Konzentrationsfähigkeit, zunehmende Gereiztheit, die bei manchen Betroffenen auch zu Aggressionen führen kann und noch andere Probleme.

Die Frage ist, wie bei allen psychischen Erkrankungen und Beschwerden, wie hoch ist der persönliche Leidensdruck? Den manischen Phasen gegenüber stehen die depressiven, und die kommen bei mir mit allem daher, was Depressionen ausmachen: Antriebslosigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen, Existenz- und Versagensängste, bis hin zu suizidalen Gedanken, krampfhaftes Weinen schon aus dem geringsten Anlass heraus. Auch alltägliche Dinge nicht mehr oder kaum noch bewältigen können: Hausarbeit, Körperpflege, einkaufen gehen, das Haus verlassen.

Bei mir kamen außerdem noch Psychose-Erfahrungen hinzu, die letzte hatte ich vor dreizehn Jahren. Psychosen sind durch einen Realitätsverlust gekennzeichnet, mitunter gibt es auch das Gefühl, mit allem verbunden zu sein, die eigenen Grenzen scheinen sich aufzulösen, außerdem kann es auch Halluzinationen aller Art geben, die als real empfunden werden. Psychosen können sehr verstörend wirken, manchmal sind sie auch mit starker Paranoia verbunden. Und wem das im Zusammenhang mit Schizophrenie bekannt vorkommt: Ja, auch bei dieser Erkrankung sind Psychosen häufig. Aber nicht jeder Mensch mit der bipolaren Neurodivergenz erlebt Psychosen.

Ich habe einen Großteil meines Lebens über all das geschwiegen. Ich habe mich selbst lange Zeit stigmatisiert, mich bei jeder kleinsten Gefühlsregung gefragt: Ist das nun ein „normales” Gefühl, oder ist es depressiv oder manisch?
Irgendwann habe ich damit aufgehört. Ich akzeptiere mich nun mehr so wie ich bin, mit dieser Erkrankung. Mit allem, was dazu gehört. Ich bin nachsichtiger mit mir selbst geworden. Wenn ich mal eine Nacht schlecht schlafe, mache ich mir weniger Sorgen als früher, dass nun wieder eine instabile Phase anbricht. Ich mache mir auch selbst weniger Druck. Einfach ist es dennoch nicht, das zeigt auch mein beruflicher Patchwork-Lebenslauf.

Ich habe mir vorgenommen, weniger über meine Erkrankung zu schweigen. Ich bin auch als Sensitivity Reader aktiv geworden und helfe Autor*innen aus Sicht einer Betroffenen, über diese Erkrankung zu schreiben. Im vergangenen Jahr habe ich eine intersektionale Kurzgeschichte über eine Frau geschrieben, die an der bipolaren Störung leidet. Diese Geschichte, „Kein Allheilmittel“, findet ihr in der Anthologie „Urban Fantasy: going intersectional“.

Ich habe gelernt, mit meiner Erkrankung zu leben. Sie ist ein Teil von mir und wird mich wohl mein gesamtes Leben lang begleiten. Und ich hoffe, etwas gegen Stigmatisierung tun zu können, u.a. indem ich in jener Kurzgeschichte und den unten genannten Romanen aufzeige, dass es möglich ist, trotz einer psychischen Erkrankung und all der Schwierigkeiten, die sie mit sich bringt, ein erfülltes Leben zu führen.

Und wie sieht es mit der Repräsentation aus?

In Medien aller Art, auch in der Literatur, kommen Figuren mit psychischen Erkrankungen meistens nicht gut weg: Sie leiden viel, werden oft einzig und allein auf ihre Erkrankung reduziert, alles dreht sich nur darum. Oft wird die betreffende Erkrankung auch für sehr viel „Drama“ oder Schockeffekte verwendet, z.B. einen dramatisch inszenierten Suizid oder entsprechende Versuche.

In Krimis und Thrillern sind oft Menschen mit psychischen Erkrankungen die Täter*innen und die Darstellung von psychiatrischen Einrichtungen sorgen mitunter für Grusel. Dabei sieht die Realität anders aus, nur ein geringer Anteil an psychisch erkrankten Menschen wird gewalttätig. In vielen Fällen ist eine psychische Erkrankung so belastend für Körper und Geist, dass die Betroffenen eine Gewalttat gar nicht planen und durchführen könnten.***

Immer wieder habe ich außerdem Bücher gelesen, in denen psychisch erkrankte Nebenfiguren den Protagonist*innen das Leben schwer machen oder ihnen im Weg stehen, z.B. Elternteile oder Menschen im Bekanntenkreis. Sie dienen damit im Grunde als Plotdevice ohne eigene Agenda, um die Entwicklung der Protagonist*innen voranzutreiben.

Ich habe bisher kaum Beispiele für eine positive Repräsentation von Menschen mit psychischen Erkrankungen gefunden. Ein gelungenes Beispiel ist aus meiner Sicht die männliche Hauptfigur aus „Wasteland“ von Judith und Christian Vogt. Zeeto hat die bipolare Störung/Neurodivergenz und hat gelernt, damit zu leben. Er hat ganz praktische Bewältigungsstrategien gefunden, um mit dem Auf und Ab von Depressionen und manischen Phasen gut umgehen zu können. Er hat auch Unterstützung in seinem Umfeld. Und trotz seiner gesundheitlichen Schwierigkeiten unternimmt er allerhand Dinge, die ich nun wegen Spoilergefahr nicht verraten möchte. Und all das sendet eine gute Message: Betroffene sind mehr als ihre Erkrankung. Und man kann lernen, mit einer psychischen Erkrankung zu leben.

Ich wollte ebenfalls eine positive Repräsentation kreieren. Deshalb habe ich die Romane „Die Rolle seines Lebens“ und „An seiner Seite“ geschrieben.

Der Protagonist Esteban hat Depressionen, aber das führt in seiner Geschichte nicht zu einem Riesendrama. Stattdessen lernt er in Oliver jemanden kennen, der ihn unterstützt, der wortwörtlich an seiner Seite ist und zu ihm hält. Für beide ist das ein Lernprozess. Und nein, Liebe oder eine Liebesbeziehung ist kein Heilmittel gegen Depressionen, wie es in manchen Geschichten gern heraufbeschworen wird. Das mag eine schöne Fantasie sein, aber es geht an der Realität vorbei.
Eine stabile Beziehung oder andere unterstützende Beziehungen können einem Menschen mit Depressionen allerdings sehr helfen, mit der Erkrankung besser zurechtzukommen, zumindest habe ich diese Erfahrung in meinem eigenen Leben machen dürfen, denn ich bin seit 2010 in einer stabilen Beziehung. Mein Protagonist Esteban holt sich Hilfe, er macht eine Therapie. Und erkennt am Ende, dass die Depression immer ein Teil seines Lebens sein wird. Und dass man damit leben kann.

Fußnote und mehr

*** Zu diesem Thema kann ich einen Blogbeitrag von Elea Brandt sehr empfehlen, am Beispiel der Schizophrenie:
https://eleabrandt.de/2020/01/30/schizophrenie-in-den-medien/

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) erzählt gemeinsam mit dem Schriftsteller und Zeichner Matthew Johnstone die Geschichte „I had a black dog, his name was depression“.
Hier das kurze Video in deutscher Übersetzung: „Ich hatte einen schwarzen Hund, sein Name war Depression“

Weiterführende Literatur
„Achterbahn der Gefühle – Mit Manie und Depression leben lernen“
von Thomas Bock, 2007

„Meine ruhelose Seele: Die Geschichte einer bipolaren Störung“
von Kay Redfield Jamison, 2014

„Die bipolare Störung: Ein Ratgeber aus Angehörigensicht“
von Rolf Wenzel, 2015

„Ratgeber Bipolare Störungen: Hilfe für den Alltag“
von Daniel Illy, 2021