Einige Erfahrungen mit Armut, bzw. Existenzminimum

(This post in English)

Lesezeit: 5 Minuten

Die Menschen lieben Erfolgsgeschichten, nicht wahr? Vom Tellerwäscher zum Millionär. Menschen, die sich aus Armut herausgekämpft haben. Dies basiert lose auf der sehr neoliberalen Erzählung, dass „jeder seines Glücks Schmied ist“. Grüße auch vom Kapitalismus.

Aber was, wenn das Glück einfach nicht kommt oder verschwindet? Du verlierst deinen Job. Oder du erkrankst an Long Covid und bist nun dauerhaft arbeitsunfähig. Dein Partner verlässt dich und du bist plötzlich alleinerziehend. Du hast einen schweren Unfall oder eine schwere Krankheit und bleibst mit einer schweren Behinderung zurück, die nie wieder ganz heilen wird. Du leidest seit Langem an einer chronischen Krankheit oder hast seit deiner Geburt eine Behinderung. Du wirst obdachlos, weil du durch alle sozialen Sicherheitsnetze fällst.

Ich bin privilegiert aufgewachsen. Meiner Familie hat es materiell an nichts gefehlt. Ich konnte studieren und dann eine Ausbildung machen, auch dank der finanziellen Unterstützung meiner Eltern. Aber: Ich habe eine Behinderung und eine chronische psychische Erkrankung. Nachdem ich etwa 15 Jahre lang versucht hatte, irgendwo langfristig Fuß zu fassen, musste ich erkennen, dass ich einfach nicht belastbar genug für eine Vollzeitstelle oder sogar für bestimmte Formen von Teilzeitarbeit bin.

Ein weiteres Problem war, dass ich aufgrund meiner Neurodiversität Schwierigkeiten habe, mich über viele Stunden hinweg intensiv zu konzentrieren, aber in meinem früheren Arbeitsbereich (Grafikdesign) muss man sehr präzise arbeiten und selbst kleinste Details in Layouts erkennen und jederzeit korrekt gestalten können. 8 Stunden am Tag oder länger. Das war mir einfach nicht möglich. Das wurde mir während des Studiums nicht bewusst, sondern erst später, während einiger Praktika.

Während einer Gesprächstherapie wegen meiner psychischen Erkrankung empfahl mir die Therapeutin, einen sicheren, aber unspektakulären Job zu suchen. Sie war der Meinung, dass es in einem solchen Job einfacher wäre, mit der psychischen Erkrankung umzugehen. Einige Zeit später schlug mir ein Jobcoach eine Ausbildung zur Bibliothekarin vor, da ich Bücher liebe. Als ich mich jedoch in zwei verschiedenen Städten für eine entsprechende Ausbildung bewarb, wurde ich abgelehnt.

Und hier bin ich nun. Trotz aller Privilegien, die ich als Kind, Teenager und junge erwachsene Person hatte, lebe ich jetzt mit Existenzminimum, und selbst meine selbstständigen Tätigkeiten, denen ich ein paar Stunden pro Woche nachgehen kann, ändern daran nichts.

Warum schreibe ich das alles? Ich möchte zeigen, dass Armut aufgrund einer Kette unglücklicher Umstände jeden treffen kann – selbst wenn man irgendwann in seinem Leben Privilegien hatte.

Im Moment komme ich über die Runden, aber ich habe Angst vor meiner Zukunft. Vor allem angesichts möglicher politischer Veränderungen in Deutschland. Wenn die rechtsextreme Partei an die Macht kommt, könnte sie mir die staatlichen Leistungen wegnehmen, auf die ich teilweise angewiesen bin, um meine Miete, Lebensmittel und andere Lebenshaltungskosten zu bezahlen. Oder sie könnte die Leistungen so stark kürzen, dass ich in ernsthafte Schwierigkeiten geraten würde.

Oh, und übrigens: Eine Behinderung ist teuer. Ich brauche spezielle Schuhe, die schwer zu finden und nicht billig sind. Irgendwann in meinem Leben werde ich sicherlich einen Rollator oder einen Rollstuhl brauchen. Ich brauche eine Brille wegen meiner Kurzsichtigkeit. Außerdem muss ich täglich Medikamente einnehmen und einen Teil dieser Kosten selbst tragen (im Falle der Brille sogar die gesamten Kosten). Ich war seit sechs Jahren nicht mehr beim Augenarzt, weil ich Angst habe, dass er mir gesagt wird, ich bräuchte eine neue Brille, oder dass mir zusätzliche Untersuchungen nahegelegt werden, die für Menschen meines Alters empfohlen, aber nicht von meiner Krankenkasse bezahlt werden.

Ich habe nur sehr wenig Ersparnisse, die ich für Notfälle aufhebe – zum Beispiel, wenn mein Computer, mein Handy, mein Backofen, mein Drucker, meine Waschmaschine oder mein Kühlschrank ersetzt werden müssen. Ich musste meinen Computer sowie den Bildschirm und mein Handy ersetzen, was ein ziemliches Loch in meine Ersparnisse gerissen hat.
Seit 2019 habe ich keinen Urlaub mehr gemacht – nicht einmal einen kurzen, und ich habe solche Angst, dass ich das Geld von meinem Sparkonto für einen weiteren Notfall brauchen könnte, dass ich es nicht wage, es für etwas zu verwenden, das mir Spaß macht, wie ihr euch vorstellen könnt.

Ich habe Freund*innen und Familie. Manche Menschen haben es natürlich noch schwerer als ich, sie sind ganz allein.

Früher dachte ich, ich sei eine Last für alle um mich herum. Grüße vom verinnerlichten Ableismus.

Jahrelang hatte ich Schuldgefühle wegen des Geldes, das ich von meinen Eltern bekam – für mein Studium, für meine weitere Ausbildung. Ich machte Pläne, es ihnen eines Tages zurückzuzahlen. Eines Tages, so stellte ich mir vor, wenn ich endlich erfolgreich im Beruf wäre und Karriere gemacht hätte. Denn „jeder ist Schmied seines eigenen Glücks“, oder?

Ich komme immer wieder auf ein Zitat zurück, das ich einmal in den sozialen Medien gelesen habe, von Melanie Lau:
„In westlichen Kulturen glauben wir, dass wir aus einem bestimmten Grund leben müssen. Um zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Einige indigene Kulturen glauben, dass wir genauso leben wie die Natur: Um hier zu sein, um schön und seltsam zu sein. Wir müssen nichts erreichen, um als Menschen valide zu sein.“

Der Kapitalismus und der Neoliberalismus lassen uns alle glauben, dass es unsere moralische Pflicht ist, erfolgreich zu sein und Karriere zu machen. Viele Menschen richten ihr ganzes Leben danach aus. Es gibt seit Jahrhunderten religiöse Traditionen, zum Beispiel den Calvinismus, die diese Idee ebenfalls stark unterstützen.

Wenn ich mich selbst mit den Augen des Patriarchats, des Kapitalismus und des Neoliberalismus betrachte, habe ich völlig versagt. Ich habe keine Karriere gemacht. Ich arbeite ein paar Stunden pro Woche als Autor*in und Lektor*in, weil das die einzige Arbeit ist, die ich langfristig ausüben kann, ohne wieder ernsthaft krank zu werden. Aber davon kann ich nicht leben. Ich habe mich bewusst gegen Kinder entschieden, also habe ich keinen weiteren Menschen in die Welt gesetzt, der im Patriarchat und Kapitalismus leben muss (wenn diese Systeme nicht irgendwann in den kommenden Jahrzehnten abgeschafft werden).

Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass ich trotz alledem nicht versagt habe. Ich bin hier. Ich bin schön und seltsam. Und ich muss nichts erreichen, um als Mensch valide zu sein. Trotzdem arbeite ich gerne. Ich mag es, Dinge zu erreichen. Aber ich leite meinen Wert als Mensch nicht mehr aus meinen Leistungen ab.

Privilegierte Zerbrechlichkeit

Kira Hoffmann, Pixabay

Update im Februar 2025. Lesezeit ca. 3 Minuten
Ich habe mich lange gefragt, warum sich manche Menschen so gegen Diversität in der Literatur (oder anderen Medien) sperren. Warum sie das entweder nicht interessiert oder sie es sogar offen ablehnen. Oder warum sie sofort genervt reagieren, wenn jemand darauf hinweist, Teil einer marginalisierten Gruppe zu sein. Eigentlich sollte es doch mehr als willkommen sein, die ganze bunte Vielfalt des Lebens in Medien abzubilden. Sollte man eigentlich meinen …

Lasst uns in diesem Zusammenhang über Privilegien reden. Und das wird jetzt einigen Leuten möglicherweise wehtun. Und damit wir das Thema nicht zu weit aufmachen, beschränke ich mich auf den deutschsprachigen Raum.

Der rundum privilegierte Mensch im deutschsprachigen Raum ist weiß, cisgender, heterosexuell und männlich, er hat keine Behinderung. Er ist neurotypisch, dyageschlechtlich (das Gegenstück zu intergeschlechtlich) und allosexuell (auf dem Spektrum der Sexualität ganz am anderen Ende von Asexualität). Außerdem ist er nicht arm und hat auch sonst wenig Probleme.

Das gilt für eine Mehrheit an Menschen. Und diese Menschen bestimmen den Diskurs, auch in der Literatur. Sie sitzen in Feuilleton-Redaktionen und in den Jurys von Literaturpreisen. Sie sind im Journalismus tätig und pflegen die deutschsprachige Wikipedia. Viele von ihnen sind sehr gebildet, haben Karriere gemacht. Manche von ihnen sind in Vereinen, die sich um die deutsche Sprache sorgen, aber das ist ein Thema für sich und dieses Fass möchte ich nun nicht aufmachen.

Wenn sie keinen engeren Kontakt mit marginalisierten und/oder intersektionalen Menschen haben, besteht ihre Bubble, ihr Umfeld ebenfalls aus privilegierten Menschen. Und das ist ziemlich bequem. Viele dieser Männer (denn meistens sind es cis Männer, wie schon erwähnt) sind mit einer Literatur aufgewachsen, die mehrheitlich von Menschen geschrieben wurde, die ihnen gleichen: weiß, cis, heterosexuell … siehe die Auflistung oben. Sie sind damit aufgewachsen, selbst wieder und wieder in der Literatur und anderen Medien repräsentiert worden zu sein. Das hat sie geprägt, sie haben dadurch sicherlich auch einiges an Selbstbestätigung gefunden und dieses wunderbare einzigartige Gefühl, wenn man sich in sympathischen, coolen, fiktiven Figuren widergespiegelt findet. Und entsprechend erwarten viele von ihnen auch, immer wieder solche Repräsentationen in der Literatur und anderen Medien zu finden. Weil sie es so gewohnt sind, und weil es bequem ist.

Dieses von mir erwähnte wunderbare Gefühl ist eines, das viele Frauen und nichtbinäre Menschen aus ihrer Kindheit kaum oder gar nicht kennen. Ein einzelnes Beispiel: Ich kann die Euphorie kaum beschreiben, die ich verspürte, als ich zum ersten Mal ever einen Film mit einer Superheldin in der Hauptrolle sah. Das war 2017 und ich war 39.
Damals wusste ich noch nicht, dass ich agender bin, aber ich bin afab (assigned female at birth) und habe mich dementsprechend mit dem „Frausein“ einigermaßen identifiziert.

Kommen wir wieder zurück zu den Menschen mit den Privilegien. Die meisten von ihnen konnten es sich im Laufe ihres Lebens so richtig gemütlich damit einrichten – sie mussten sich nie persönlich mit Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus und anderen menschenverachtenden -ismen auseinandersetzen. Viele von ihnen umgeben sich auch gern vor allem mit Menschen, die ähnlich sind wie sie selbst, also auch ähnlich privilegierte Erfahrungen gemacht haben.

Und dann kam das Internet und ab ca. 2007 verschiedene Social Media. Man kann über beides viel Negatives sagen, aber zugleich bieten diese virtuellen Räume marginalisierten und intersektionalen Menschen den Platz, öffentlich oder halb öffentlich von ihren Erfahrungen zu erzählen, von ihren Wünschen und Bedürfnissen, und ja, auch von Wut und Enttäuschung angesichts von Diskriminierungserfahrungen.

Und das zu lesen, ist unbequem für all die Privilegierten da draußen. Denn während sie es sich in ihrer privilegierten Bubble gemütlich eingerichtet haben, werden nun andere Stimmen laut, die von ganz anderen Erfahrungen erzählen – wie ich schon erwähnte, Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus und andere menschenverachtende -ismen. Darüber hinaus auch von einem Mangel an Diversität und Repräsentation in der Literatur und anderen Medien, aber auch in der Berufswelt, in Communities aller Art und noch anderen Umgebungen.

Es dürfte für die meisten privilegierten Menschen ein unangenehmes Gefühl sein, von Perspektiven weniger privilegierter Menschen zu erfahren. Viele Privilegierte gehen dann schnell in eine Art Abwehrhaltung oder leugnen sogar das, was sie von Betroffenen hören oder reden es klein. Sie sagen vielleicht, »Du stellst dich zu sehr an.« Oder »Du willst nur Aufmerksamkeit.« Oder sie sagen von sich, »Natürlich bin ich gegen Rassismus«, oder gar »Ich wurde/werde auch diskriminiert« – bei Letzterem ist es aber keine systemische Diskriminierung, was ihnen nicht bewusst ist. Zugleich hören sie Menschen, die von rassistischen Erfahrungen betroffen sind, gar nicht erst zu, sondern belehren diese stattdessen, was denn Rassismus sei und was nicht.

Man könnte dies zusammenfassend privilegierte Zerbrechlichkeit nennen (in Anlehnung an Begriffe wie White Fragility, also englisch: Privileged Fragility) – dies beschreibt das Phänomen, dass manche privilegierte Menschen sich schnell angegriffen fühlen, wenn man sie auf menschenverachtende, destruktive -ismen hinweist, oder dass sie diese und damit verbundene Probleme leugnen, weil sie sie nicht wahrhaben wollen.

Oft kommt es in entsprechenden Gesprächen und in Social-Media-Kommentarspalten zu Derailing (Vom Thema ablenken) oder zu Whataboutism (»Ja, aber was ist mit …, das ist doch auch ganz schlimm!«). Denn es ist für viele privilegierte Menschen offenbar zu schmerzhaft oder unangenehm, sich einzugestehen, wie privilegiert sie selbst sind, während andere Menschen in einigen oder sogar mehreren Lebensbereichen immer wieder Diskriminierungen erleben.

Ich vermute, entsprechend ist es zumindest manchen dieser privilegierten Menschen auch sehr unangenehm, über marginalisierte Figuren in der Literatur zu lesen oder sie in anderen Medien zu finden. Denn die sind ja erstens so anders als sie selbst, zweitens schlagen sich diese Figuren womöglich mit unangenehmen -ismen herum und drittens finden die privilegierten Leute sich darin nicht repräsentiert. (Welcome to my world.)

Ich möchte diesen Beitrag schließen mit einem Zitat des Historikers Patrice Poutus:
„Leute, die privilegiert sind, empfinden Gleichberechtigung als eine Art Unterdrückung“

Weiterführendes:
„Die meisten Weißen sehen nur expliziten Rassismus“
Warum reagieren Weiße so abwehrend, wenn es um Rassismus geht? Weil sie es nicht gewohnt sind, sich mit ihrem Weißsein zu befassen, sagt die Soziologin Robin DiAngelo.

https://www.zeit.de/campus/2018-08/rassismus-dekonstruktion-weisssein-privileg-robin-diangelo

Podcast-Episode: „Weiße Zerbrechlichkeit und weiße Tränen“
von den Journalisten Marcel Aburakia und Malcolm Ohanwe
https://kanackischewelle.podigee.io/21-weisse-zerbrechlichkeit-weisse-traenen

Blogbeitrag von mir: Die Welt ist gemein zu marginalisierten Menschen

https://uebermedien.de/57222/eigentlich-ist-es-ganz-leicht-nicht-ueber-menschen-sprechen-sondern-mit-ihnen

Tipp zum Anschauen: Youtube-Reihe „Uncomfortable Conversations With A Black Man“ mit Emmanuel Acho