Liebe und Romantik – „Frauensache“?

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Anlässlich der Leipziger Buchmesse melden sich wieder Stimmen zu Wort, die die beliebten Genres Young Adult und New Adult Romance kategorisch als „Schund“ oder „minderwertige Literatur“ abwerten. Wir leben generell in einer Gesellschaft, in der Liebe und Romantik größtenteils als „Frauensache“ gilt. Gern wird alles, was damit zu tun hat, von Männern abgewertet: als Gefühlsduselei, als verweichlicht, als „nicht männlich“.

Das ist leider kein Wunder, denn vielen Männern wurde bereits in der Kindheit vermittelt, dass sie auf gar keinen Fall Gefühle oder Verhaltensweisen zeigen dürfen, die als „ typisch feminin“ gelten. Nichts wird von vielen Männern als schlimmer erachtet, als in irgendeiner Form feminin zu wirken. Man könnte sie ja für schwul halten (oder queer), und wo kämen wir denn dahin? Ja, das war sarkastisch.

Entsprechend wird auch in der Kunst alles in dieser Richtung häufig abgewertet, weil es als „nicht männlich“ wahrgenommen wird. Nicht nur YA und NA Romance, auch Erotikliteratur, häufig von Frauen für Frauen geschrieben, wird kategorisch von weißen, männlichen cis hetero Feuilletonjournalisten zum literarischem Müll erklärt (ich nenne jetzt mal keine Namen. If you know, you know.) Diese Literaturkritiker schreiben auch gern, Romantasy sei total seicht und nur etwas für die „Booktok Girlies“, die dann wiederum auch für ihre Vorlieben abgewertet werden. Dahinter steckt nicht selten eine Menge Misogynie, anstelle einer differenzierten Betrachtung des Genres.

Die Autorin Rebecca Humpert schrieb kürzlich in einer Story auf Instagram: „Man könnte ja vielleicht auch erwähnen, dass viele NA-Bücher female pleasure empowern und entabuisieren, anstatt Spice nur zu verteufeln“, und das sehe ich auch so – aber im deutschen Feuilleton ist diese Message vieler Bücher offenbar noch nicht angekommen.

Männliche Künstler, die sich mit Romantik und Liebe befassen, „dürfen“ das. Ihnen wird zugestanden, kreativ und künstlerisch mit Emotionen aller Art umzugehen. Sie werden dafür von anderen Männern (und Menschen anderer Gender) gefeiert – also z.B. Popstars, die über die große Liebe singen oder Schauspieler, die in einem Liebesfilm den romantic Lead oder den Love Interest spielen. Mehrere Liebesromane von Nicholas Sparks wurden zu Bestsellern.

Aber bei uns Normalsterblichen gilt oft noch immer: Romantik und Liebe sind Frauensache. Oder auch Sache der Queers. Überzeugt mich gern vom Gegenteil. Kennt ihr cis hetero Männer, die mit Begeisterung Liebesromane lesen? Oder sich mit Genuss eine Rom Com oder eine Weihnachtsromanze ansehen, und nicht nur, um ihrer Freundin zu gefallen?

Da alles politisch ist, ist auch das Private politisch. Auch Liebe ist politisch. An dieser Stelle möchte ich nicht das Fass aufmachen, dass Romantik und romantische Beziehungen in unserer Gesellschaft und Kultur stark überhöht werden, als das ultimativ erstrebenswerte Ziel, und dass dabei andere Lebensentwürfe, z.B. von aromantischen Menschen und Menschen auf dem a_sexuellen Spektrum, oft nicht mitgedacht werden. Dazu ließe sich ein eigener Blogbeitrag schreiben.

Mir geht es heute um etwas anderes. Auf der einen Seite gelten Liebe und Romantik als maximal erstrebenswert, auf der anderen Seite werden sie aber ständig abgewertet, weil im Patriarchat praktisch alles abgewertet und kleingeredet wird, was Frauen und Queers zugeordnet wird.

Dem gegenüber steht der im rechten Backlash der letzten Jahre wieder sehr verbreitete Mythos vom starken Mann, der über Kontrolle, Macht und Dominanz verfügt (die Mens Right Bewegung, Andrew Tate und die Incels lassen grüßen). Und ihr ahnt es schon, bei solchen angeblich „starken“ Männern ist keinerlei Platz für echte Liebe und Romantik. Denn diese Männer müssten sich ja dann mit „zarten“ Gefühlen oder zumindest kleinen Gefühlspflänzchen beschäftigen, diese hegen und pflegen, sie müssten auch emotional erreichbar sein für ihre Partner*innen.

Und das machen diese Männer natürlich nicht, denn das wäre nach ihrer Einschätzung „nicht männlich“. Stattdessen müssen ihre Partner*innen häufig die gesamte emotionale Arbeit in der Beziehung leisten (englisch: emotional labour), mitunter auch, um häusliche Gewalt zu verhindern.

Im christlichen Glauben gibt es die Nächstenliebe, die weder romantisch noch sexuell ist. Aber auch dafür ist bei diesen angeblich starken und dominanten Männern kein Platz (und ich rede hier von christlichen Nationalisten und Fundamentalisten, wie es sie so viele in den USA, aber nicht nur dort, gibt). Denn die einzige Liebe zu ihren Nächsten bezieht sich bei diesen Männern auf einen kleinen Kreis vertrauter Leute, z.B. der eigenen Familie und maximal noch der eigenen Kirchengemeinde. Ihre „Nächstenliebe“ erstreckt sich weder auf ihre andersgläubigen, immigrantischen Nachbar*innen, noch auf Queers oder andere marginalisierte Menschen.

Überall dort, wo sich Menschen solidarisch und menschlich verhalten (wie z.B. im friedlichen Kampf und Protest gegen die Behörde ICE in Minnesota und weiteren Orten in USA zu sehen), wo sie ihre Nachbar*innen unterstützen, zeigen sie eine Form der bedingungslosen Nächstenliebe. Das mag christlich motiviert oder auch nicht, und man muss das auch nicht unbedingt mit diesem Begriff bezeichnen, wenn man das nicht möchte, aber darauf läuft es hinaus.

Und das ist wichtig. Ich zucke immer zusammen, wenn Politiker*innen von Liebe sprechen (und ich meine hier nicht die „Liebe zum Vaterland“), weil ich es schlichtweg nicht gewohnt bin, dass dieser Begriff in politischen Zusammenhängen genannt wird. Aber bedingungslose Nächstenliebe, Solidarität und Menschlichkeit sind genau das, was wir in diesen Zeiten mehr denn je brauchen.

Was viele Männer dagegen von klein auf gelernt haben: Wut ist in Ordnung. Wut sei eine „männliche“ Emotion. Das lernen viele Männer auch in wettbewerbsorientierten Sportarten, oder im Beruf, wenn dort eine aggressive Ellenbogenmentalität herrscht. Aber Wut kann konstruktiv oder destruktiv sein. Und bei zu vielen Männer schlägt die Wut (oder manchmal auch unterdrückte Angst oder eine innere Unsicherheit, oder eine Kombination aus all dem) irgendwann um in Hass. Hass auf Frauen. Hass auf die Regierung. Hass auf die eigene Familie. Hass auf alle, die anders sind als sie selbst. Und zu häufig fallen sie dabei auf destruktive Narrative herein, von rechten oder rechtsextremen Parteien, die genau all das befeuern. Und dieser Hass bereitet den Boden für all die menschenfeindlichen -ismen, die es gibt, wie Rassismus und Sexismus, Ableismus, Misogynie und Queerfeindlichkeit.

Vielleicht sollten wir den Begriff Liebe einfach etwas mehr normalisieren. Speziell im Hinblick darauf, dass es eben nicht nur romantische Liebe gibt, sondern auch eine unromantische, unsexuelle Liebe zu seinen Mitmenschen. Und ich wäre sehr dafür, dass nicht nur Frauen, Queers und FLINTA* diesen Begriff normalisieren, sondern auch Männer.

Und das geht aus meiner Sicht nur, wenn wir Jungen und amab (assigned male at birth) Personen so erziehen, dass sie alle ihre Gefühle fühlen und ausdrücken können, ohne sich fürchten zu müssen, dass sie dann abgewertet oder ausgelacht werden. Und was die erwachsenen Männer betrifft: Fangt bitte an, in euch hineinzuhorchen, wenn ihr das noch nicht getan habt. In euch ist ein ganzer Schatz an vielseitigen Emotionen, und ihr dürft sie alle fühlen. Ihr dürft sie auch benennen und euch mit euren Partner*innen oder Freund*innen darüber austauschen. Und wenn ihr schon mal darüber nachgedacht habt, eine Therapie zu machen, auch das ist ein Weg, sich seinen Emotionen zu nähern und diese zu reflektieren.

Übrigens: Wusstet ihr, wie hoch die Suizidrate bei Männern im Vergleich zu Frauen ist? Sehr viel höher (Fußnote 1). Und einer der traurigen Gründe dafür ist, dass viele der betroffenen Männer ihre Gefühle wegsperren, unterdrücken, in sich hineinfressen oder ähnliches, sich niemandem anvertrauen, bis sie keinen anderen Ausweg mehr sehen.

Definitiv ein weiterer Grund, sich mit seinen Emotionen zu befassen.

Fußnote
(1) siehe z.B. diese Statistik:
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html


Weiteres:
Ein Reel von Interstellar Isabellar auf Instagram analysiert die Serie „Heated Rivalry“ und zeigt auf, wie politisch Liebe ist – und wie hier die zwei Protagonisten (über einen Zeitraum von mehreren Jahren!) lernen, mit ihrer Liebe umzugehen und füreinander da zu sein, aller Widrigkeiten zum Trotz. https://www.instagram.com/reel/DU8bBTtDfgf/

Ein empfehlenswertes Sachbuch:
„Boys don’t cry – Identität, Gefühl und Männlichkeit“ von Jack Urwin, auf Deutsch erschienen in der Edition Nautilus

Wie das Patriarchat Frauen und FLINTA* Personen kontrolliert

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Im Rahmen meiner Aktion #DiversityDienstag mache ich mir heute mal Gedanken über das Patriarchat. Ich verwende in diesem Blogbeitrag sowohl die Begriffe Frauen wie FLINTA*.

Es gibt zahlreiche Beispiele, wie das Patriarchat nicht-cis-männliche Menschen kontrolliert, hier geht es um einige Aspekte, die manchen vielleicht gar nicht so bewusst sind.

Kürzlich sah ich auf Instagram ein interessantes kurzes Reel von Andela Alexa, im Moment Magazin: „Kontrolle durch Dünnheitsideale“
https://www.instagram.com/p/DRtcL5HCJKB/
Andela sagte darin unter anderem, das Patriarchat liebe müde Frauen. Frauen, die beständig hungern – um abzunehmen, um einem Schönheitsideal zu entsprechen. Auf diese Weise übt das Patriarchat Kontrolle aus, denn wer ständig hungrig und/oder müde sei, habe keine Kraft sich zu solidarisieren, keine Energie für Aktivismus.

Das hat mich nachdenklich gemacht und ich schließe hier einige Gedanken an.

Das Patriarchat hat schon immer Mittel und Wege gefunden, Frauen (oder afab Personen bzw. FLINTA* Personen) zu kontrollieren.

Ich habe mich durch meine schriftstellerische Tätigkeit und aus Interesse viel mit dem 19. Jahrhundert beschäftigt. Und damals wurden Frauen massivst kontrolliert. Sie mussten die Etikette ihrer Klasse beherrschen. In einigen höheren Klassen der Gesellschaft mussten sie sich mehrmals täglich umziehen, je nach Anlass, und das war zeitaufwändig. Sie mussten sich buchstäblich in enge Korsetts quetschen und trugen ausladende Reifröcke oder später Tournüren-Gestelle, die teilweise bei Bewegungen sehr hinderlich waren. Sie mussten im Damensattel reiten.

Heutzutage gibt es High Heels. Diese sexualisieren gewissermaßen den Gang einer Frau, da Bewegungen damit die Kurven des Körpers stärker betonen. Allerdings sind High Heels eine wacklige Angelegenheit, Jogging wäre damit kaum möglich. Wegrennen bei Gefahr wohl eher auch nicht. Woran erinnert mich das nur? Ach ja, an die Reifröcke und andere Gestelle aus dem 19. Jahrhundert, die auch die Bewegungsfähigkeit einschränkten.

Frauen wurden gezwungen, unbezahlte Care-Arbeit zu machen, nach dem Motto der drei K – Kinder, Küche, Kirche. Später, als Ehen eher auf Liebesbeziehungen als auf gesellschaftlichen Arrangements basierten, wurde den Frauen diese Care-Arbeit vom Patriarchat als romantische Erfüllung verkauft. Und, da erzähle ich euch nichts Neues, es gibt rechtskonservative und rechtsextreme Menschen, die Frauen wieder vor allem dort, bei diesen drei K, sehen wollen.

Um das Schönheitsideal „schlank sein“ hat sich eine ganze Industrie gebildet, inklusive der Wellness- und Fitnessbranche. Beim Abnehmen geht es nicht immer um gesundheitliche Aspekte, denn leichtes Übergewicht ist meistens gesundheitlich unbedenklich. Viele Frauen, die abnehmen wollen, sind vor allem um ihr Aussehen besorgt. Tagtäglich sind FLINTA* also mit ihrem Aussehen beschäftigt, kaufen Produkte, quälen sich durch Fitnessprogramme etc. Und von Schönheitsoperationen fange ich jetzt gar nicht erst an.

Ein weiteres Schönheitsideal, das Andela Alexa ebenfalls anspricht, ist eine Verkindlichung der Frau. Ein Beispiel dafür: Abgesehen vom Kopfhaar und den Augenbrauen soll der Körper nach diesem Ideal haarlos sein, wie bei einem Kind. Was auch wieder viel Arbeit macht, durch Rasieren, Zupfen, Epilieren, Wachs … Auch dahinter vermute ich den Gedanken, dass ein kindlicher Mensch (bzw. ein Mensch, der so aussieht), leichter zu kontrollieren sei als eine erwachsene Frau. Entsprechend werden Frauen gern „klein“ gemacht.

Langes Haar, das bei vielen Frauen immer noch als Nonplusultra gilt, ist auch so ein Thema für sich. Langes Haar täglich zu stylen, das kann sehr zeitaufwändig sein.

Und wer nicht ohne Make-up das Haus verlässt, weil Schönheitsideale einreden, ohne Make-up sehe man hässlich aus, der schminkt sich dann natürlich täglich, und auch das kostet Zeit.

Apropos Schönheitsideale: Es gibt einen wachsenden Trend, dass selbst Frauen, die so um die 30 oder noch jünger sind, Schönheitsoperationen machen lassen. Das gilt natürlich vor allem für Celebritys, aber dieser Trend hat für einige andere Frauen, die nicht im Rampenlicht stehen, eine (zweifelhafte) Vorbildfunktion. Früher war das eher etwas, das einige ältere Frauen machen ließen, aber neuerdings sind solche Prozeduren der neue Schönheitsstandard. Dazu hat z.B. Bryony Claire ein Video gemacht:
https://www.youtube.com/watch?v=U1e0DFYpegQ

Auch die konstante Beschäftigung mit den ständig wechselnden Moden (oder auch Fast Fashion) kann sehr viel Zeit, Energie und Geld kosten. Stattdessen könnten FLINTA* einen eher zeitlosen Look für sich claimen, so dass sie weniger abhängig von diesen ständigen Wechseln sind.

Ich denke, es lohnt sich, einmal genauer zu schauen, was es so alles an gesellschaftlichen Erwartungen an FLINTA*s gibt und wie sie das eigene Leben beeinflussen – vor allem jene, die entweder sehr zeitaufwändig sind, also viel Aufmerksamkeit und Energie binden. Und auch jene, die für Hindernisse im Alltag sorgen, z.B. weil sie Bewegungen einschränken (wie die High Heels).

Wenn ihr wirklich Freude habt an Looks, Styles, Outfits etc, wenn ihr das als kreativen Selbstausdruck erlebt, vielleicht auch als persönliches Empowerment, oder wenn das beruflich für euch eine wichtige Rolle spielt – go for it.

Aber wenn ihr all das eher als lästige Pflicht erlebt, mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass die Gesellschaft dies von euch erwartet … dann stellt euch doch mal vor, ihr steigt einfach aus, aus diesem patriarchalen Programm der Kontrolle, getarnt als Schönheitsideal, Wellness, Fitness, Romantik, Mode und und und. Wieviel Zeit und Energie hättet ihr dann für andere Aktivitäten?

Weiteres
In diesem Sinne auch interessant zu lesen: „Auf der Suche nach dem Glow“ von Linda Rachel Sabiers: https://editionf.com/kopf-koerper/auf-der-suche-nach-dem-glow/

In diesem Zusammenhang fand ich auch dieses Video von Marie Joan interessant:
„DIE NEUE SKINNY ERA – von Bodypositivity zu Knochen ?!“
https://www.youtube.com/watch?v=_CuwoshXf40

Warum wird die LGBTIAQ*-Community von Verfechtern des Patriarchats so sehr als Bedrohung gesehen?

Die Disability Progressive Pride Flagge

Ein Beitrag für die Aktion #DiversityDienstag
Lesezeit: ca. 8 Minuten

Inhaltswarnung: Queerfeindlichkeit, auch Transfeindlichkeit, normative Vorstellungen, Gewalt gegenüber queeren Menschen in der Vergangenheit und heute.

Die kurze Antwort auf meine Ausgangsfrage lautet: Weil die LGBTIAQ*-Community mit traditionellen Rollenbildern/Genderrollen bricht.

Nun etwas ausführlicher:

Heteronormativität
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Heterosexualität als das „Normale“ betrachtet wird, der „Standard“. Alles, was davon abweicht, wird von Verfechtern des Patriarchats häufig mit Misstrauen betrachtet, sanktioniert, lächerlich gemacht, diskriminiert oder Schlimmeres.
Auf dem Papier haben wir alle die gleichen Rechte, aber die sexuelle Orientierung und die Gender-Identität sind immer noch nicht entsprechend im Grundgesetz verankert. Ich zitiere aus einem aktuellen Artikel: „Die Grünen und der Bundesrat wollen Artikel 3 des Grundgesetzes um das Merkmal der „sexuellen Identität“ ergänzt wissen. Eine Mehrheit dafür ist aber nicht in Sicht.“ (1)

Breaking the binary
Nichtbinäre Menschen sprengen nicht nur die althergebrachten Vorstellungen über Männer und Frauen, sondern auch das binäre System von „Mann“ und „Frau“. Einfach völlig unvorstellbar für viele cis Menschen, leider.

Smash the Cistem
Trans Menschen brechen ebenfalls aus diesem System aus, zum Beispiel, aber nicht nur, mit geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Sie fügen sich also, wie auch nichtbinäre Leute, nicht in die Geschlechterrolle, die das Patriarchat ihnen vorschreibt.
Ich wage mal die Vermutung zu äußern, dass viele TERFs (2) unbewusst oder bewusst sehr frustriert sind mit dem Ausleben ihrer starren Geschlechterrollen und was das für sie bedeutet – sie projizieren dann ihre Frustration auf andere und so suchen sie sich Sündenböcke, an denen sie sich abarbeiten können, insbesondere trans Frauen und trans Männer.

Feminine Männer, maskuline Frauen?
Der Ausdruck von Queerness ist vielfältig und viele Queers sind gender-nonconforming,
das heißt, sie präsentieren sich ihrer Umwelt nicht so, wie es traditionelle Genderrollen vorschreiben. Beispiele: Frauen und FLINTA* (3)-Personen mit kurzen Haaren und „maskulin“ erscheinender Kleidung, Männer, die langes Haar und Nagellack oder auch Make-up tragen, Röcke anziehen … Aber auch manche cis heterosexuelle Menschen sind auf diese oder andere Weise gender-nonconforming.

Von Verfechtern des Patriarchats (ich lasse das mal so gegendert) wird aber all das schon als eine Bedrohung betrachtet. Entsprechend geraten z.B. auch Drag Queens und Drag Kings unter Beschuss.

Und ich spreche hier nicht nur vom Äußeren, sondern auch vom Verhalten.
Männern, die weinen und sich nicht dafür schämen, sondern einen guten Zugang zu ihren Gefühlen haben? Frauen, die eine Kampfsportart machen oder aggressiv auftreten? Das gilt im Patriarchat als unmännlich bzw. unweiblich. Stattdessen versuchen uns Influencer*innen zu verkaufen, was ein „richtiger Mann“ sei oder wie Frauen zu sein hätten. In esoterisch-spirituellen Kreisen wird das dann auch als „devine feminine“ und „devine masculine“ angepriesen, aber mit einer tiefgründigen spirituellen Entwicklung haben die entsprechende Ratschläge wenig zu tun, sondern eher mit völlig überholten Rollenbildern wie aus den 1950ern.

Küche, Kinder, Kirche?
Während es den wachsenden, toxischen Trend der „Trad Wives“ (vor allem, aber nicht nur, in USA) gibt, entziehen sich Queers auch hier den klassischen Rollenbildern. Einige gründen Regenbogenfamilien und das wird, ihr könnt es euch schon denken, auch als Bedrohung gesehen, denn wo kommen wir denn dahin, wenn zwei Frauen oder zwei Männer oder nichtbinäre Personen gemeinsam ein Kind aufziehen, oder ein trans Mann ein Kind gebärt? (Ja, das war Sarkasmus.)
Andere Queers wollen gar keine Kinder haben – und, Überraschung, es gibt auch cis heterosexuelle Menschen, die keine Kinder haben möchten oder generell lieber Single sein wollen. In authoritären Regimes und im Kapitalismus ist das unerhört, und ich werde nun polemisch – Regimes und der Kapitalismus brauchen schließlich ständigen Nachschub an Leuten, die sie ausbeuten können: z.B. als Soldat in Kriegen oder als billige Arbeitskraft und natürlich auch Menschen – häufig, nicht immer, cis Frauen –, die unbezahlte Care-Arbeit machen.
In der Popkultur wird die heteronormative, mononormative Kernfamilie – Mutter, Vater, Kind(er) –als das einzig Wahre propagiert. Immer wieder geht es in Filmen und Serien darum, dass die Familie das Wichtigste sei, dass sich Paare nach Konflikten wieder zusammenraufen, weil sie ihre Familie zusammenhalten „müssen“. Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien oder andere alternative Familienformen werden so gut wie nie gezeigt.

Internalisierte Queerfeindlichkeit
Einige queere Menschen, insbesondere cis Männer, haben eine so starke internalisierte Queerfeindlichkeit, dass sie gewalttätig oder aggressiv gegenüber anderen Queers werden. Das ist ein psychologisches Phänomen, zu dem sich ein eigener Blogbeitrag schreiben ließe. Als im Jahr 2016 im Club Pulse in Orlando, Florida 49 Menschen ermordet wurden, kam die Frage auf, ob der Täter möglicherweise seine internalisierte Queerfeindlichkeit durch dieses Verbrechen ausagierte. (4)

Amatonormativität
In einer Welt, in der Romantik als das höchste der Gefühle verkauft wird und als absolut erstrebenswert gilt, stellen aromantische Menschen den Status Quo in Frage. Und dass Romantik keineswegs nur eine private, sondern auch eine gesellschaftliche Angelegenheit ist, zeigt unter anderem dieses Video von Ace Dad Advice: „WTF is Romance anyway?“ (5)

Allosexualität bzw. Allonormativität
In einer Welt, in der angeblich alle Menschen ein starkes Interesse an Sex haben, bzw. eine starke Libido (solche Menschen werden auch als allosexuell bezeichnet) … ihr könnt es euch schon denken, Leute auf dem asexuellen Spektrum stellen auch hier den Status Quo in Frage.
Und dass etwas so Privates wie Sex auch eine gesellschaftliche und politische Dimension hat, zeigt sich unter anderem an Fragen wie: Wer darf Sex mit wem haben? Ich erinnere daran, dass queere Sexualität, insbesondere cis-männliche Homosexualität, in vielen Ländern lange Zeit als Straftat galt oder bis heute gilt. Oder entsprechende Strafen wurden wieder eingeführt. Weitere Fragen könnten sein: Wie darf Sexualität dargestellt werden? Wie sind die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen – falls sie überhaupt dieser Tätigkeit nachgehen dürfen? Zu diesem Thema gibt es ganze Bücher.

Mononormativität
Für Verfechter des Patriarchats wird alles als Bedrohung betrachtet, dass das Konzept „Eine (Liebes-)Beziehung oder Ehe besteht aus zwei Personen“ in Frage stellt. Alles andere – offene Beziehungen, Polyamorie, Beziehungsanarchie ist im Patriarchat undenkbar und wird dahingehend sanktioniert, dass Menschen z.B. nur eine Person heiraten können.

Toxische Maskulinität
Im Patriarchat wird an toxischer Maskulinität festgehalten. Dabei schadet diese allen, nicht nur Frauen und FLINTA*s, sondern auch den Männern selbst. Einen guten Beitrag über dieses Thema gibt es z.B. von Rising Gaze auf Instagram. (6)

Und leider wird toxische Maskulinität immer noch in der Popkultur massiv beworben sozusagen: In der Dark Romance und in anderen Genres werden toxische Beziehungen (oft mit Stalking, Entführung und ähnliches) oft ohne differenzierte Betrachtung romantisiert (7). Im weiten Feld von Thrillern, Actionfilmen und entsprechenden Games wird praktisch immer Gewalt, bis hin zu Mord, als das oftmals einzige Lösungsmittel für Konflikte dargestellt.

Auch werden Männer in der Popkultur häufig als hypermaskulin dargestellt. Schauspieler, die sich wochenlang quälen müssen, damit sie Muskeln aufbauen bzw. einen Sixpack bekommen, können vermutlich ein Lied davon singen. Dass dieses hypermaskuline Aussehen in den meisten Fällen ein unrealistisches Bild zeichnet, muss ich hoffentlich nicht erklären. Männer hingehen, die irgendwie „feminin“ wirken, sei es im Verhalten, innerliche Befindlichkeit oder Aussehen, werden als unmännlich betrachtet und ihnen wird häufig mit queerfeindlichen Slurs begegnet.

Das Sonderregister
In den letzten paar Jahren gab es weltweit einen massiven rechten Backlash gegenüber queerem und queerfeministischem Aktivismus, da erzähle ich euch nichts Neues. Patriarchale Strukturen sind gewalttätig, sie drehen sich sehr stark um Macht und Kontrolle. Eine Form dieser Kontrolle war das von der Bundesregierung ursprünglich geplante Sonderregister. Ich zitiere aus einer Campact-Petition, die sich gegen das Sonderregister wandte und über eine Viertelmillion Unterschriften erzielte:

Hallo, ich bin Penelope Alva Frank, Transfrau, queerfeministische Aktivistin und Gründerin der queerfeministischen Bewegung Queermany.

Ich weiß, wie es ist, jeden Tag Blicke, Sprüche und Angriffe auszuhalten, nur weil ich trans bin. Ich erlebe Queerfeindlichkeit auf der Straße, online und sogar in meinem Aktivismus wie bei, Polizei Gewahrsam 2023 und ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn falsche Polizisten oder Behördenmitarbeiter Zugriff auf mein früheres Geschlecht haben.

Die geplante Verordnung bedeutet: Trans*, inter* und nicht-binäre Menschen sollen dauerhaft markiert bleiben – bei jeder Behörde, bei jeder Abfrage, unabhängig davon, ob wir das wollen. Während bei Heirat oder Adoption der frühere Name oft keine Rolle mehr spielt, soll hier ein Sonderregister etabliert werden, das gezielt Informationen speichert und weiterleiten darf. 

Wir wissen aus der deutschen Geschichte:

  • Jüdinnen und Juden wurden systematisch erfasst, um sie sichtbar zu machen, auszugrenzen und zu verfolgen.
  • Queere Menschen standen jahrzehntelang auf Listen, wurden mit § 175 kriminalisiert, eingesperrt und erpresst.
  • Listen machen Minderheiten verletzlich – damals wie heute.

Mir ist wichtig: Ich setze diese grausamen Verbrechen nicht gleich mit heute. Aber ich weiß, wohin Sonderregister führen können, wenn Gesellschaften kippen und Hass stärker wird. Und gerade jetzt, in Zeiten täglicher queerfeindlicher Hetze, macht mir das Angst: Solche Listen könnten Missbrauch ermöglichen und als Transfrau wäre ich dann noch weniger sicher.“ (8)

Im rechten Backlash und von den Verfechtern des Patriarchats werden gezielt Feindbilder aufgebaut, Sündenböcke gesucht und queeren Menschen, die einfach nur friedlich auf ihre persönliche Weise existieren wollen, werden ihre Menschenrechte abgesprochen.

Und deshalb brauchen wir weiterhin Pride-Demos und müssen weiter für unsere Rechte kämpfen. Danke fürs Lesen. Dieser Beitrag darf gern geteilt werden.

Fußnoten

(1) siehe: https://www.das-parlament.de/inland/recht/sexuelle-identitaet-soll-ins-grundgesetz

(2) TERF ist eine Abkürzung für Trans Exclusionary Radical Feminist, also Feminist*innen, die trans Menschen aus ihrem Feminismus ausschließen. Ein sehr prominentes Beispiel dafür ist die Autorin und anti-trans Aktivistin JK Rowling.

(3) Die Abkürzung FLINTA* steht für Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nichtbinäre, Trans, Agender. Der Genderstern steht für weitere Identitäten, die nicht cis-männlich sind.

(4) siehe zum Beispiel:
„Orlando Shooting Raises Questions About Internalized Homophobia and Violence
von April Dembosky
https://www.kqed.org/stateofhealth/199502/orlando-shooting-raises-questions-about-internalized-homophobia-and-violence

(5) https://www.youtube.com/watch?v=KC8i6buRMJ4

(6) siehe https://www.instagram.com/p/DPru2FFCIXn/ oder meinen Thread auf Mastodon:
https://mastodon.social/@amalia12/115368656708375210

(7) Zu diesem Thema habe ich einen eigenen Blogbeitrag:
https://amalia-zeichnerin.net/ueber-die-fatale-romantisierung-von-toxischen-beziehungen-und-anderen-problematischen-tropes-in-der-fiktion/

(8) siehe: https://weact.campact.de/petitions/kein-sonderregister-fur-trans-personen-nie-wieder-listen-gegen-minderheiten

Weiteres:
„Archaische Männerbilder als Kriegstreiber“ interessantes Interview mit Alexander Yendell, Soziologe. Audiobeitrag ca. 12 min:

https://www.deutschlandfunk.de/archaische-maennerbilder-als-kriegstreiber-alexander-yendell-soziologe-100.html

© Amalia Zeichnerin