Über Einsamkeit und Freundschaften

Kürzlich sah ich ein interessantes Video der Soziologin Jen:
„Ich habe keine Freunde“ – Warum wir uns einsamer fühlen, als jemals zuvor“

Darin beschreibt u.a. eine Frau, dass viele „Third Spaces“ der Begegnung für (junge) Erwachsene abgeschafft wurden – das sind Räume, die nicht die eigenen Wohnräume und auch nicht der Arbeitsplatz sind. Stattdessen gibt es nun das Internet (und Social Media) als virtuelle „Begegnungsstätten“, die allerdings auch negative Seiten haben.

Jen zeigt in ihrem Video auf, dass sich die Lebensrealitäten vieler Menschen in den letzten Jahrzehnten sehr verändert haben. Institutionen wie Kirchen spielen für die meisten kaum noch eine Rolle, aber damit fällt auch die entsprechende Gemeinschaft weg. Großfamilien, die zusammen wohnen, gibt es auch seltener, Angebote für Jugendliche oder junge Erwachsene (z.B. Jugendzentren) sind rar gesät und generationsübergreifende Begegnungen finden ebenfalls weniger statt.

Menschen sind soziale Tiere und abgesehen von dem Wunsch nach Rückzugsmöglichkeiten (wie den eigenen vier Wänden), suchen viele Leute nach Communities, nach Gleichgesinnten, mit denen sie etwas erleben können – abseits von Schule, Ausbildung, Studium oder Arbeit. Bei manchen Menschen kommt auch noch eine Sinnsuche hinzu, die spirituell oder auch nicht spirituell sein kann.

Und ich fürchte, das nutzen rechtsextreme Gruppierungen sowie Sekten/destruktive Kulte aus – sie geben sich als sinnstiftend aus, sie machen (für Einsteiger*innen) niedrigschwellige gemeinschaftliche Angebote und locken damit letztendlich auch einsame Menschen in ihre Fänge.

Ein weiteres Problem in Zeiten von Chatbots und KI: Immer mehr Leute suchen gar nicht mehr gezielt nach Freundschaften, weil eine vermeintliche Alternative nur ein paar Klicks entfernt ist: Die Beschäftigung und Kommunikation mit Chatbots. Was teilweise so weit geht, dass diese Bots als Ersatz für Freund*innen, oder gar Therapeut*innen oder romantische Partner*innen eingesetzt werden. Das Problem hierbei: Diese Bots sind so „gestrickt“, dass sie ihren Menschen immerzu bestätigen, also quasi zu allem „Ja“ und „Amen“ sagen. Aber eine tiefgreifende soziale Begegnung ist so gar nicht möglich. Denn zu zwischenmenschlichen Beziehungen gehört es nun mal auch, dass man z.B. mit Konflikten und Meinungsverschiedenheiten umgehen kann.

Was könnte helfen?

Ich denke, es ist vorteilhaft, wenn man ein – gemeinschaftlich ausgerichtetes – Hobby betreibt oder Teil einer Subkultur ist. Oder wenn man einen Teamsport macht. Oder Teil eines Buchclubs ist oder ehrenamtlich tätig ist. (Und es gibt sicherlich noch andere Möglichkeiten.) Und ich meine damit vor allem Begegnungen, die direkt vor Ort, von Angesicht zu Angesicht stattfinden. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch online Kontakte sind gut. Aber eine Mischung aus online und offline Begegnungen halte ich für besonders gut. Vielleicht entwickeln sich bei diesen Begegnungen im Hobby, Sport, Subkultur o.ä. erst mal keine engen Freundschaften, aber zumindest hat man auf diese Weise regelmäßig soziale Kontakte, mit denen man gemeinsam etwas erlebt.

Ich habe das selbst erlebt – mit meinen Hobbys Pen & Paper Rollenspiel und LARP, außerdem mit den Subkulturen Steampunk und Goth, sowie mit einem Buchclub. Darüber hinaus habe ich viele Bekannte in der Buchbubble gefunden, worüber ich mich sehr freue.

Und mit Glück kann sich aus solchen sozialen Kontakten vielleicht doch die eine oder andere Freundschaft entwickeln. Das mag nun anekdotisch sein, aber zumindest nach meiner Erfahrung kann es sehr hilfreich sein, gemeinsame Interessen zu haben, sodass es eine gute Basis für eine Freundschaft gibt, auf die sich immer mal wieder zurückgreifen lässt.

In diesem Sinne, ich wünsche euch, dass ihr Freundschaft findet.

Auch interessant:
„Was ist mit Gen-Z-Freundschaften passiert?“ von Katharina Kin

Mental Health Aufklärung: Was sind Psychosen?

Foto: Luke Jones, Unsplash

Mental Health Aufklärung: Was sind Psychosen?

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Vorweg: Ich schreibe diesen Beitrag auch für Autor*innen, die über dieses Phänomen schreiben wollen oder sich erst einmal grundsätzlich informieren möchten. Ich biete auch Sensitivity Readings zu diesem Thema an.

Die kurze Antwort auf die oben genannte Frage: Psychosen sind ein starker Realitätsverlust, bei dem Denken, Fühlen und Wahrnehmungen sehr beeinträchtig werden. Häufig werden sie von Halluzinationen begleitet.

Nun ausführlicher:

Wodurch werden sie ausgelöst?

Psychosen können innerhalb von psychischen Erkrankungen auftreten, z.B. bei Schizophrenie und bipolarer Störung. Sie können auch die Folge eines traumatischen Erlebnisses sein. Psychosen können außerdem durch psychoaktive Drogen ausgelöst oder verstärkt werden. (Das ist übrigens ein Grund, warum ich persönlich nie Drogen konsumiert habe.)

Wie lange dauern Psychosen?
Das ist extrem unterschiedlich, oftmals dauern sie mehrere Stunden oder Tage. Unbehandelt können sie unter ungünstigen Bedinungen wochenlang andauern oder länger und sich immer weiter verstärken. Oder auch, unter günstigen Umständen, wieder abklingen.

Welche Symptome gibt es?
Da gibt es eine große Bandbreite. Psychosen können mit Wahnvorstellungen und Paranoia einhergehen. Wahnvorstellungen können z.B. sein, dass man sich für eine andere Person hält oder an einer anderen wahnhaften Idee festhält, die nicht der Realität entspricht. Es kann auch zu Wahrnehmungen kommen, bei denen sich das eigene Selbst quasi auflöst und man sich grenzenlos fühlt, oder auch ganz stark verbunden mit allem, ohne die sonst übliche Distanz zu anderen Personen, Objekten, Tieren, Pflanzen und so weiter.
Manche Personen mit Psychosen erleben auch eine Art Zersplitterung des eigenen Selbst,
was sehr beängstigend sein kann.

Ein weiteres häufiges Symptom sind Halluzinationen visueller oder auditiver Art. Bekannt ist aus dem Bereich der Schizophrenie das „Hören von Stimmen“.

Aus meiner Sicht hilft eine Analogie aus dem Bereich des Drogenkonsums weiter, um Psychosen zu verstehen: Je nach Droge und Situation können „Trips“ als sehr beängstigend oder erschütternd erlebt werden, oder aber eher als etwas Angenehmes. Auch Psychosen können von den Betroffenen sehr unterschiedlich wahrgenommen werden, je nach den Themen und Symbolen, die darin auftreten.

Manche Psychologen und Psychiater raten dazu, sich diese Themen oder Symbole nach dem Abklingen der Psychose genauer anzuschauen und zu interpretieren. Zum Beispiel in diesem Sinne: „Was möchte diese Wahnvorstellung dir über dein Leben sagen?“ Ein religiöser Mensch wird unter Umständen im Rahmen einer Psychose mit religiösen Inhalten konfrontiert, bei einem atheistischen Menschen sind es wohl eher andere Inhalte.

Übrigens: Sicherlich habt ihr schon mal historische Geschichten über katholische Heilige und andere bekannte Menschen gehört, die der Überlieferung nach göttliche Visionen hatten. Beispiele hierfür sind die katholische Heilige Teresa von Ávila (1) und die Benediktinerin Hildegard von Bingen.

Ich wage zu behaupten, dass einige Menschen wie Theresa und Hildegard in der heutigen Zeit und in den westlichen Gesellschaften eher in einer Psychiatrie landeten, wenn sie ihrem Umfeld von göttlichen Visionen erzählen würden.

Der Übergang von spirituellen Visionen und Erlebnissen zu einer Psychose mit starkem Leidensdruck kann jedenfalls fließend sein. Aber das ist ein Thema für sich und würde diesen Blogbeitrag sprengen. Unter „Weiteres“ habe ich unteneinen interessanten Blogbeitrag von Ellen Olivia Hawthorn aka That HelPolWitch zu diesem Thema verlinkt, in dem they auch von eigenen Psychoseerfahrungen berichtet.

Bei diesem Thema finde ich ein Zitat von Joseph Campbell passend: „The psychotic drowns in the same waters in which the mystic swims with delight.” (Übersetzt: „Der psychotische Mensch ertrinkt in denselben Gewässern, in denen ein Mystiker mit Freude schwimmt.“)

Sind psychotische Menschen gefährlich?

Fangen wir mit einem Extremthema an: Man kennt es aus blutrünstigen Thrillern, Horrorfilmen und Krimis: Ein psychotischer Mörder macht eine Stadt unsicher, oder Ähnliches.

Es ist richtig, dass psychotische Menschen unter negativen Umständen eine Gefahr für sich selbst oder andere Personen darstellen können. Aber das ist längst nicht bei allen der Fall. Viele psychotische Menschen haben vor allem Probleme, ihren Alltag zu meistern und benötigen Unterstützung: aus ihrem Umfeld, therapeutisch, mit Medikamenten.

Wer mitten in einer schweren Psychose steckt, kann außerdem oft kaum noch klar denken und auch nichts Langfristiges planen. Entsprechend ist das Stereotyp aus Thriller/Horror/Krimi falsch, dass ein psychotischer Mörder (meistens als „wahnsinnig“ bezeichnet) seine Morde kaltblütig und durchdacht plant. Ein wirklich psychotischer Mensch wäre dazu kaum in der Lage.

Ich selbst hatte mehrfach in meinem Leben Psychosen, die letzte zum Glück im Jahr 2008.
Nicht zuletzt dank Therapien und guten Medikamenten (auch Anti-Psychotika) hatte ich seitdem diese Form von Realitätsverlust nicht mehr.

Last but not least: Verwendet bitte im Alltag den Begriff „psychotisch“ nicht umgangssprachlich für etwas oder eine Person, die ihr „verrückt“ findet. Ihr habt das sicherlich schon mal gehört, Phrasen wie: „Der ist ja voll der Psycho!“ oder „Das ist so psychotisch!“ (Oder auch „Das ist so schizophren!“)
Damit würdet ihr nämlich zu einer Stigmatisierung beitragen, mit der sich viele Betroffene sowieso schon ständig herumschlagen müssen. Bitte macht das nicht.

Und noch etwas: In einem Video von Marie Joan habe ich mit Schrecken erfahren, dass manche Leute Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Neurodivergenz fetischisieren. (3) Bitte macht das nicht. Und wenn ihr Leute kennt, die das tun, weist sie auf Folgendes hin: Das ist nie ein Kompliment an die betroffene Person, sondern eine Form von ekliger Objektifizierung (in lack of a better word).

Fußnoten:
(1) Teresa von Ávila https://de.wikipedia.org/wiki/Teresa_von_%C3%81vila
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Hildegard_von_Bingen
(3) Marie Joans Video auf YouTube: „crazy, hot, gestört: die LÜGE des „CRAZY GIRLS“ – von Hexen zu Borderline…“

Weiteres
„I am Blessed, I am Damned: On Having Psychosis With Religious Themes When You’re a Witch“ von Ellen Olivia Hawthorn | That HelPolWitch
https://thathelpolwitch.com/psychosis-witchcraft/

Ein empfehlenswertes Sachbuch zum Thema, in dem auch viele Betroffene zu Wort kommen: „Stimmenreich – Mitteilungen über den Wahnsinn“ von Th. Bock, J.E. Deranders und I. Esterer, Psychiatrie Verlag, Bonn, 2001
Zitat daraus: „Versuche der Verständigung von Psychose*-Erfahrenen, Angehörigen und Psychiatrie-MitarbeiterInnen im Hamburger Psychose*-Seminar“

In diesem Zusammenhang auch sehr interessant:
„We’re all mad here? Darstellung von Schizophrenie in den Medien“ von der Autorin und Psychologin Elea Brandt
https://eleabrandt.de/2020/01/30/schizophrenie-in-den-medien/

Ein aus meiner Sicht empfehlenswertes englischsprachiges Buch über „Spiritual Emergencies“, mit vielen Erfahrungsberichten betroffener Leute: „Breaking Open: Finding a Way Through Spiritual Emergency“, herausgegeben von Jules Evans und Tim Read