Spirituelle Vielfalt: Paganismus – was das ist, was nicht, Vorurteile und noch mehr

Paganer Altar, Foto von Amber Avalona, Unsplash

Lesezeit (ohne verlinkte Literatur): ca. 7 Minuten

Vorweg: In diesem Beitrag verwende ich abwechselnd die Begriff pagan, heidnisch, Heidentum und Paganismus. Im deutschsprachigen Raum werden diese zwei Begriffe häufig für die betreffenden spirituellen Pfade verwendet und es handelt sich um neutrale, nicht wertende Bezeichnungen. Bitte achtet aber auf die Selbstbezeichnungen von Personen und verwendet diese.

Der Begriff pagan leitet sich ab vom lateinischen „paganus“, was so viel bedeutet wie „Landbewohner“, „Dörfler“ (Fußnote 1). „Heidnisch“ schildert aus christlicher Sicht den Zustand, nicht zu einer der monotheistischen Religionen (Islam, Christentum, Judentum) zu gehören. Entsprechend wurde „Heide“ oder „heidnisch“ in früheren Jahrhunderten und Jahrzehnten oft abwertend oder als Schimpfwort verwendet. Daher stammen auch Phrasen wie „eine Heidenangst haben“. Bitte verwendet diese Begriffe nicht abwertend. Die heidnische Community hat den Begriff mittlerweile reclaimed, er hat also für sie eine neutrale oder positive Bedeutung.

Strukturen
Paganismus umschreibt eine Vielzahl an spirituellen Traditionen und Strömungen, die keine übergeordneten Oberhäupter haben (damit meine ich so etwas wie den Papst in der römisch-katholischen Kirche). Stattdessen gibt es zum einen allein praktizierende Heid*innen, zum anderen Gruppen oder auch Vereine, wie beispielsweise die in mehreren Ländern aktive Pagan Federation. Entsprechend individuell wird auch der Glauben gelebt oder innerhalb einer Gruppe gemeinschaftlich organisiert, teilweise auch von dafür berufenen Priester*innen, die beispielsweise Rituale leiten und Initiationen durchführen.

Glaubensinhalte
Paganismus beschäftigt sich häufig mit der Natur, Tieren, Pflanzen und Ereignissen im Jahreslauf, wie die Fruchtbarkeit im Frühling, Ernten im Herbst, das Ruhen im Winter – oft ist dies auch mit landwirtschaftlichen Themen verbunden. Heid*innen verehren außerdem oft einen oder mehrere Gottheiten aus den antiken Pantheons – keltisch, römisch, griechisch, slawisch, altägyptisch oder noch aus anderen Kulturen. Entsprechend gibt es polytheistische, pantheistische oder seltener auch monotheistische Heid*innen. Einige befassen sich weniger mit Gottheiten, sondern mehr mit den Elementen, Naturgeistern oder noch anderen spirituellen Entitäten.

Einige pagane Leute sind gleichzeitig auch moderne Hexen oder praktizieren Magie unter einem anderen Namen. Aber nicht alle Heid*innen machen das, und es sind auch nicht alle magisch Praktizierenden pagan.

Spirituelle Praktiken im Paganismus können z.B. die folgenden sein: spezielle Feste zu Ehren einer Gottheit, die Jahreskreisfeste, Rituale, Gesänge/Chants, Tanz, Versenkungsübungen (Trance), Gebete, regelmäßige Opfergaben für Gottheiten, Ahn*innen oder andere spirituelle Entitäten.

Ahn*innenverehrung spielt für viele heidnische Leute eine wichtige Rolle, aber nicht für alle.

Viele Überlieferungen über pagane Praktiken aus der Antike oder noch davor sind mittlerweile verlorengegangen, aber einiges hat sich erhalten und bietet Stoff dafür, den betreffenden Glauben auszugestalten. Dabei gibt es verschiedene Herangehensweisen: im Rekonstruktionismus wird versucht, den Glauben möglichst exakt so zu leben wie vor vielen Jahrhunderten (mit einigen notwendigen modernen Anpassungen). Andere Heid*innen gestalten ihren Glauben eher modern, sodass er sich auf bestmögliche Weise in ihren Alltag integrieren lässt. Aus Sicht mancher ist es auch nicht notwendig, einen gesamten Pantheon zu verehren, stattdessen kann man sich auf eine oder einige Gottheiten konzentrieren.

Pagane Leute haben übrigens keinen Missionierungsauftrag; sie versuchen nicht, andere zu ihrem Glauben zu bekehren. Dass ich hier in diesem Beitrag darüber schreibe, dient das in erster Linie der Information und Aufklärung.

Für viele, nicht für alle paganen Leute spielt Animismus eine wichtige Rolle – der Glaube, dass alles beseelt ist – nicht nur Menschen, sondern auch alles in der Natur, z.B. Pflanzen, Tiere, Steine … Entsprechend wird die Natur von Animist*innen sehr in Ehren gehalten und sie begreifen sich nicht als hierarchisch darüber stehend, sondern als ein Teil dieser weltweiten Gemeinschaft an beseelten Lebenwesen aller Art.

Räumlichkeiten
Im Gegensatz zu den großen Weltreligionen haben pagane Leute oft keine Tempel oder Kirchen zur Verfügung, da es sich, wie bereits gesagt, nicht um eine stark organsierte Religionsgemeinschaft handelt. In einigen Ländern gibt es allerdings Gruppen, die eigene Räumlichkeit für Feste, Rituale und die Verehrung der Gottheiten gebaut oder gemietet haben. Viele heidnische Leute ziehen es vor, Rituale outdoors abzuhalten, allein oder in einer Gruppe, z.B. am Meer, im Wald oder noch an anderen Orten.

Da es aber, wie gesagt, eher selten eigene Räumlichkeiten für diese Zwecke gibt, stellen viele heidnische Leute in ihrem Heim oder Garten einen oder mehrere Altare auf, typischerweise mit kleinen oder größeren Statuen ihre Gottheiten und noch anderen Gegenstände (z.B. Kerzen, passende Orakel- oder Tarotkarten, Steine, Muscheln, Zeichen/Symbole der Elemente oder Gottheiten, Schalen für Opfergaben oder noch anderes). Einige dekorieren ihre Altare immer passend um, z.B. zur Jahreszeit, einem Fest oder einem anderen Anlass.

Veranstaltungen
In einigen Ländern, z.B. UK und USA, gibt es mehrere pagane Cons und Konferenzen, teilweise auch große Jahreskreisfeste, z.B. vom Fire Festival Edinburgh oder Versammlungen bei Stonehenge und noch andere. Auch in Deutschland gibt es einige Veranstaltungen von Vereinen oder Vereinigungen, allerdings weniger und auch tendenziell kleiner als in den oben genannten Ländern.

Geschlossene Traditionen und kulturelle Aneignung
Manche spirituelle Strömungen sind für Außenstehende aus anderen Kulturen geschlossen, z.B. das haitianische Vodou oder spirituelle Praktiken der amerikanischen Native Americans. Teilweise wurden und werden einige dieser Praktiken von Außenstehenden, (z.B. weißen Leuten aus Europa) übernommen, aber das ist eine Form der kulturellen Aneignung.
Ein Beispiel ist Smudging mit Weißem Salbei. Es spricht nichts gegen Rituale mit Räucherungen, aber Weißer Salbei wird so sehr nachgefragt, auch aus der Wellness- und New-Age-Community, dass hier eine starke Ausbeutung der entsprechenden Ressourcen stattfindet. Stattdessen empfiehlt es sich, heimische Pflanzen zum Räuchern zu verwenden, z.B. Gartensalbei, Rosmarin, Beifuß, Lavendel …

Wenn ihr unsicher seid, ob eine Tradition geschlossen ist oder nicht, bzw. ob die Gefahr kultureller Aneignung besteht, recherchiert bitte, fragt Leute, die sich damit gut auskennen, oder schaut nach Sachbüchern zum Thema, zumindest im englischsprachigen Raum gibt es viel entsprechende Literatur.

Gatekeeping
Wie in allen Communitys gibt es auch im Paganismus Gatekeeper, die gern die Deutungshoheit an sich reißen, wie man diese Religion leben sollte, bzw. was aus ihrer Sicht No-Gos sind. Wenn es diesen Gatekeepern nicht gerade darum geht, geschlossene Traditionen zu schützen (was ein wichtiges und richtiges Anliegen ist), würde ich dazu raten, sie zu meiden, wenn es möglich ist.
Auch in paganen Gruppen haben Gatekeeper nicht das letzte Wort, bzw. sollten es nicht haben. Stattdessen sollten aus meiner Sicht Anliegen aller Art auf Augenhöhe mit allen diskutiert werden können.

Vorurteile

Was ist mit New-Age-Esoterik?
Die meisten Heid*innen, die ich kenne, sind bodenständig, sie vertrauen auf evidenzbasierte Medizin, schätzen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und anderer Wissenschaften. Entsprechend lehnen sie New-Age-Esoterik ganz oder größtenteils ab, denn darin werden beispielsweise esoterische Heilversprechen gemacht, mit zweifelhaften oder sehr schädlichen „Heil“-Methoden. Und, ihr könnt es euch schon denken, solche Heilversprechen sind brandgefährlich. (Es gibt Berichte über Menschen mit potentiell tödlichen Erkrankungen wie Krebs, die sich auf solche Heilversprechen eingelassen haben, evidenzbasierte Behandlungsmethoden ablehnten und daraufhin gestorben sind.) Es gibt sicherlich auch pagane Leute, die sich mit New-Age-Esoterik befassen, aber es ist ein Vorurteil, dass alle Heid*innen das befürworten.

Paganismus ist kein Satanismus
Paganismus und Satanismus sind keine Synonyme, da es, wie ich oben beschrieben haben, zahlreiche verschiedene pagane Strömungen und Traditionen gibt. Der moderne Satanismus ist eine eigene Philosophie mit ethischen Grundsätzen und nicht so, wie er in der Satanic Panic der 1990er reißerisch dargestellt wurde (kriminelle, mörderische Aktivitäten wie Tieropfer, Vergewaltigungen, düstere Messen …) (Siehe auch Fußnote 2)

Paganismus ist nicht gleichzusetzen mit Wicca
Mehr über Wicca habe ich in einem anderen Blogbeitrag geschrieben, der sich in erster Linie mit Hexen befasst. (3) Man kann zwar sagen, dass Wicca eine pagane Religion ist, aber nicht jede heidnische Person befasst sich mit Wicca. Also bitte auch hier, diese Begriffe nicht synonym verwenden.

Literatur
Im deutschsprachigen Raum gibt es meines Wissens nach kaum oder keine Bücher, die eine allgemeine Einführung in den Paganismus bieten. Im englischsprachigen Raum gibt es mehrere, ich kann z.B. dieses sehr empfehlen: „The Path of Paganism: An Experience-based Guide to Modern Pagan Practice“ von John Beckett.

© Llewellyn Publications

Der Verlag Moon Books hat außerdem zahlreiche englischsprachige Bücher im Programm, die sich entweder mit einzelnen paganen Gottheiten, anderen spirituellen Entitäten, ganzen Pantheons oder noch weiteren Aspekten aus Paganismus und Hexenkunst befassen.(4)

Fußnoten
(1) https://www.etymonline.com/word/pagan

(2) Moderner Satanismus: Es gibt verschiedene satanische Organisationen, die ethische Grundsätze vertreten. Siehe z.B. die Grundsätze (Tenets) der Organisation Satanic Temple:
https://thesatanictemple.com/blogs/the-satanic-temple-tenets/there-are-seven-fundamental-tenets

(3) siehe: https://amalia-zeichnerin.net/moderne-hexen-was-sie-sind-und-was-nicht-vorurteile-und-noch-mehr/

(4) siehe: https://www.collectiveinkbooks.com/moon-books/our-books/jhp-search-results/?txt=Pagan+Portals