Was ist bitte „normal“?

Abbildung: bs-matsunaga

Kürzlich fragte ein Mann auf Twitter, warum er denn das Label „cisgender“ haben müsse. Er wolle kein „Cis-Mann” sein. Daraufhin entspann sich eine längere Diskussion.

U.a. schrieb der Autor F.B. Knauder:
Aber du bist es halt. Und warum sollte es ein Wort für trans geben aber nicht für cis? Du brauchst das, weil sonst heißt cis quasi „normal“ und das ist viel schlimmer. In other words: Wir brauchen Schubladen, damit wir nicht Sachen als normal bezeichnen.”

Ich schrieb dazu:

Gilt übrigens in ähnlicher Weise auch für Hautfarben. Manche Leute wollen nichts davon wissen, dass sie weiß sind. Weil das für sie „normal” ist. Weil das für sie der Standard ist. Weil sie Menschen mit anderer Hautfarbe immer als „anders” betrachten.

Den Ausdruck cisgender gibt es übrigens seit 1991, um auszudrücken, dass das als „normal“ unterstellte Zusammenfallen von Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität keine Selbstverständlichkeit ist. Kann man hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Cisgender

Was ist bitte normal?
Ihr ahnt es vielleicht schon. Das ist eine rhetorische Frage. Es gibt kein „normal“. Alles, wirklich alles ist relativ. Ja, es gibt Menschen, die sind heterosexuell, cisgender, allosexuell, dyasexuell, neurotypisch, ohne Behinderungen und weiß*. Diese Menschen bilden in Europa die Mehrheit. Sie genießen allein aufgrund dieser Eigenschaften Privilegien, die marginalisierte Menschen** nicht haben. Aber bedeutet das, dass sie normal sind? Die Norm? Der Standard?

Das zu behaupten, würde im Gegenzug bedeuten, dass alle anderen nicht normal sind. Dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Weil sie nicht zu dieser „Norm” gehören. Und ich glaube, niemand, der sich als Menschenfreund sieht, möchte andere Menschen so eingrenzen und damit ausgrenzen, denn eine solche Zuschreibung ist verletzend und herabwürdigend.

Und deshalb brauchen wir Schubladen. Sogar ziemlich viele. Um bei allem, was wir gemeinsam haben als Menschen, auch auf die Unterschiede zwischen uns aufmerksam machen zu können.

Es ist doch auch so, dass wir in vielen anderen Bereichen ebenfalls unterschiedlich sind. Wir alle haben unterschiedliche Interessen und Vorlieben und benennen diese auch. Niemand verlangt von uns, dass wir das nicht tun. Der eine mag dieses, die andere jenes, sier verträgt dieses nicht, xier freut sich jedes Mal über das und so weiter. Mit anderen Worten: Wir sind alle Menschen. Und wir sind alle unterschiedlich.

Hinzu kommt: Viele Menschen denken sehr binär. Schwarz. Weiß. Ja. Nein. Frau. Mann. Sie denken gern in absoluten Gegensätzen. So sind die meisten von uns aufgewachsen und geprägt worden. Was viele dabei nicht sehen: Es gibt auch vieles, das sich auf einem Spektrum bewegt. Die Kinsey Skala ist dafür ein Beispiel. Alfred Charles Kinsey war ein Sexualforscher, der in seinen Studien herausfand, dass sich die Sexualität vieler Menschen auf einem Spektrum bewegt, das z.B. irgendwo zwischen absoluter Heterosexualität und absoluter Homosexualität liegt. Asexualität und Grau-Asexualität zum Beispiel sind oft ebenfalls in einem Spektrum angesiedelt.

Ähnliches gilt auch für nonbinäre Menschen,z.B. Menschen, die gender-fluid oder genderqueer sind. Ihr Gender sprengt die üblichen binären Vorstellungen. Ihr Gender ist also ebenfalls auf einem Spektrum angesiedelt, und nicht an einem von zwei Polen. Menschen, denen das nicht aus eigener Lebenserfahrung vertraut ist, mag das exzentrisch, ungewöhnlich oder sogar bedrohlich erscheinen, weil dadurch ihr eigenes binäres Verständnis von Gender infrage gestellt wird. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es die Lebenswelt und Realität nonbinärer Menschen ist.

Betrachten wir es auch einmal so: Die Menschheit hat in ihrer jahrtausendelangen Existenz für alles mögliche Schubladen, Namen, Zuordnungen etc. gefunden, z.B. in den vielen Wissenschaften. Und zwar nicht nur grobe Überkategorien, sondern auch viele, viele mehr. Es gibt auch in der Literatur unzählige Gattungen, die Genres und Subgenres.

Warum sollten wir dann ausgerechnet bei uns selbst, in all unserer Vielfalt (und der immer größeren Freiheit, die wir als Individuen haben, im Vergleich zu früheren Epochen) auf Schubladen und Labels verzichten, die unsere menschliche Vielfalt genauer und präziser abbilden?

* allosexuell: Das Gegenteil von asexuell
dyasexuell: Das Gegenteil von intersexuell
cisgender: Das Gegenteil von transgender
neurotypisch: Das Gegenteil von neurodivers

** über marginalisierte Menschen habe ich u.a. diesen Beitrag geschrieben:
http://amalia-zeichnerin.net/die-welt-ist-gemein-zu-marginalisierten-menschen/

Nicht nur bei Amazon

Organisatorische Neuigkeiten zu meinen Veröffentlichungen

Bisher gab es alle meine bisherigen Veröffentlichungen ausschließlich bei Amazon. Das ist aus vielen Gründen ungünstig, denn
– Amazon steht als Konzern in der Kritik, aus vielen Gründen
– manche Leute boykottieren Amazon deshalb komplett
– zurzeit priorisiert Amazon andere Waren, wodurch die Auslieferung von (Print-)Büchern stark verzögert wird (siehe verlinkten Beitrag unten)
– meine Bücher kann man bisher nicht über den stationären Buchhandel bestellen
– Meine E-Books gibt es bisher nicht im Format epub, z.B. für Tolino

Ich möchte so nicht weitermachen. Nach einem Tipp der Autorin Tanja Rast gehe ich nun folgendermaßen vor:

Neuveröffentlichungen
Diese gibt es drei Monate lang als E-Book bei Kindle Unlimited, danach nehme ich sie bei diesem Leihservice heraus und biete sie parallel bei Amazon und für Tolino an (also auch bei Weltbild, Thalia, Hugendubel, buecher.de u.a.)
Die Printversionen wird es bei Epubli geben (die u.a. auch Amazon, sowie Weltbild, Apple Books, Hugendubel u.a. beliefern). Sie werden auch regulär über stationäre Buchhandlungen bestellbar sein.

Auch die bereits veröffentlichten Bücher nehme ich nach und nach bei Kindle Unlimited heraus und biete sie parallel bei Amazon (Format mobi) und für Tolino (Format epub) an.
Das gilt aktuell für meinen Steampunk-Abenteuer Roman „Der Stern des Seth“, die anderen folgen nach und nach.

Noch etwas zu den Taschenbuchausgaben …
Meine bereits veröffentlichten Bücher wird es weiterhin größtenteils als Prints bei Amazon geben – denn es würde mich sehr viel Zeit kosten, sie alle umzuformatieren. Taschenbücher können aber auch weiterhin bei mir bestellt werden. Ich signiere sie auf Wunsch gern und übernehme die Versandkosten.
Einzelne Titel werde ich zu Epubli umziehen, das gilt bereits für „Das Herz eines Rebellen“ und „Orangen und Schokolade“.

Hier eine Übersicht, welche meiner Bücher wann Kindle Unlimited verlassen – wer also gern noch welche über diesen Leihservice lesen möchte, nun wäre noch die Gelegenheit dazu, in einigen Wochen nicht mehr.




Ein offener Brief an Amazon von Tomas Montasser, Autor und Literaturagent (vom 26.03.2020):

Update am 31.03.2020

Die oben im Bild angezeigten Bücher sind nun als E-Book im epub-Format (für Tolino u.a.) vorbestellbar bei:

Weltbild
Hugendubel
Osiander
buecher.de
ebook.de

Thalia

Bitte bei Interesse auf die Webseite der gewünschten Online-Buchhandlung gehen und dort „Amalia Zeichnerin“ ins Suchfeld eingeben.


Autorensonntag: (Online-)Marketing und Goodie-Wahn

Abbildung: Geralt, Pixabay

Online-Marketing

Als ich vor 5 Jahren mit dem Veröffentlichen begonnen habe, bin ich bei Facebook Mitglied geworden. Erst 2019 bin ich auch bei Twitter richtig aktiv geworden und auch bei Instagram eingestiegen.
Anfangs habe ich auf Facebook sehr viel Werbung in Büchergruppen gemacht – es gibt gefühlt 1001 Büchergruppe bei Facebook. Ich habe auch selbst einige Büchergruppen gegründet und bin dort Admin. (1) Bei manchen Gruppen ist allerdings mein Eindruck, dass sie einfach als Werbeplattform genutzt werden und ansonsten passiert dort nicht viel.

Mittlerweile weiß ich aus Erfahrung: Menschen in Social Media sind übersättigt mit Werbebeiträgen und das gilt auch für die vielen, vielen Buchveröffentlichungen, die es jährlich gibt. Deshalb herrscht in vielen Gruppen auch ein Werbeverbot, oder Werbung ist nur an bestimmten Wochentagen erlaubt.

Wenn ich Autor*innen Rat geben sollte, würde ich folgendes vorschlagen:
Macht Werbung, aber in Maßen. Erzählt am besten Geschichten rund um eure Bücher und deren Entstehungsgeschichte, das kommt in der Regel besser an als ein plattes „Kauf! Mein! Buch! Es ist sehr gut” oder ähnliches.
Vermeidet auch multiple Werbebeiträge in ein und derselben Gruppe.
Arbeitet mit Buchblogger*innen zusammen, wenn es möglich ist.
Schaut auch unbedingt abseits von den social media, was es noch online für buchige Foren gibt, denn es gibt Menschen, die social media nicht oder nur kaum nutzen und die lieber entsprechende Foren besuchen.
Wenn ihr das Gefühl habt, damit überfordert zu sein, mehrere Social Media Kanäle zu bedienen, beschränkt euch auf ein oder zwei.
Richtet eventuell einen Newsletter ein, damit erreicht ihr dann eure Leserschaft per E-Mail.
Es gibt Newsletter-Anbieter mit kostenlosen Möglichkeiten, z.B. Mailchimp.

Weitere Tipps zum Thema Online-Marketing gibt es in meinem gratis Ratgeber für Selfpublisher, der auf der Seite gratis Texte als PDF zu finden ist.

Übrigens: Gewinnspiele und Verlosungen bringen meistens eine kurzfristige Aufmerksamkeit, z.B. für Neuveröffentlichungen. Aber bitte auch hier nicht den Werbeeffekt überschätzen. Der ist mitunter um einiges geringer, als man es sich erhofft. Menschen, die bei Buch-Gewinnspielen mitmachen, kaufen nur selten das entsprechende Buch, wenn sie es nicht gewinnen.

Goodie-Wahn

Manche Autor*innen überbieten sich gegenseitig damit, Goodies zu ihren Büchern selbst anzufertigen, oder zu kaufen – und diese dann kostenlos auf buchigen Veranstaltungen abzugeben (oder dort günstig zu verkaufen).

Es gibt kaum eine*n Autor*in, die keine Goodies anbietet. Weil es irgendwie alle machen. Weil der Eindruck entsteht, dass das erwartet wird. Aber ist das wirklich so? Es geht doch letztendlich in erster Linie um die Bücher.

Ich selbst bin eine Bastelniete, denn handwerkliches Geschick und Feinmotorik sind bei mir nicht gut ausgeprägt. Ja, ich habe auch schon gelegentlich Goodies gebastelt. Auf buchigen Veranstaltungen losgeworden bin ich sie kaum. Ich habe auch mal Buttons drucken lassen sowie kleine Schmuckanhänger bestellt und die kostenlos verteilt. Manche Besucher von Events fanden die ganz toll, wollten aber mit mir nicht über meine Bücher reden. Also überlege ich mir entsprechend zweimal, ob ich solche Goodies überhaupt verteilen möchte.

Ich kenne ein, zwei Autor*innen, die extra ein Gewerbe angemeldet haben, um neben ihren Büchern auch passendes Merchandising verkaufen zu können und die dafür extra Onlineshops aufmachen. So etwas würde ich allein schon von der Logistik her nicht wuppen können.

2020 bin ich gar nicht mit einem Autorenstand auf Veranstaltungen, aus gesundheitlichen Gründen. Wie es 2021 wird, kann ich noch nicht einschätzen. Eines weiß ich aber mit Sicherheit: Goodies werde ich auch weiterhin nur sehr eingeschränkt verteilen.

Die Autorin Sandra Florean hat übrigens einen interessanten Blogbeitrag zum Thema Goodie-Wahn veröffentlicht:
https://sandraflorean-autorin.blogspot.com/2019/10/der-goodie-wahn-muss-das-sein.html

(1) Folgende (Bücher-)Gruppen habe ich bei Facebook gegründet:

Steampunkbibliothek

Urban Fantasy Literatur

Phantastik mit Diversität, Inklusion, Repräsentation

Horror Bücher und Filme – deutschsprachige Gruppe

Literatur und Lesungen in Hamburg & Umgebung

historische queere Literatur + historische queere Phantastik Literatur

„Für eine gute Story?“ – Über Konsens im LARP

CN: Vergewaltigung

Ich spiele seit 14 Jahren LARP, als NSC und SC, überwiegend im Fantasy-Abenteuer-LARP. Gelegentlich habe ich auch Orgas mit Requisiten unterstützt. In den vergangenen Jahren habe ich vielfach Beiträge rund um LARP gelesen.

Kürzlich schrieb eine Bekannte von mir folgendes:
„ (Das erinnert mich daran) wie der LARP-Charakter (meiner Verwandten) einmal vergewaltigt werden sollte. Der Typ begründete es mit: „Für eine bessere Story.“ Und die Spielgruppe, Frauen inkludiert, hat sich auf seine Seite gestellt, sie solle sich nicht so haben.”

Ein solches Verhalten ist nicht in Ordnung. Egal, in welchem Setting. Leute, die so was ernsthaft in Erwägung ziehen („Vergewaltigungen spielen für eine bessere Story“) und kein Nein akzeptieren, haben in diesem Hobby meiner Meinung nach nichts verloren.

Der Betreffende hat offenbar nicht verstanden oder keine Ahnung, dass Rape-Play (im BDSM) auf Konsens basiert und dass das auch fürs LARP gilt. Dass sich dann die ganze Spieler*innengruppe mit drangehängt hat, anstatt das Nein der Spielerin zu akzeptieren, das ist unverzeihlich.

Liebe Larper*innen: Wenn euch in einer Spielsituation eine Person out-time deutlich macht, dass sie etwas nicht spielen möchte, dann akzeptiert das bitte. Und fangt nicht an, darüber zu diskutieren. Akzeptiert es bitte auch, wenn sich Leute aus einer Spielsituation herausziehen. Wenn ihr die Person nicht gut kennt, wisst ihr nicht, was sie mit einer gespielten Situation verbindet. Ihr wisst auch nicht, was sie in ihrem realen Leben für Erfahrungen gemacht hat, z.B. mit sexueller Belästigung, Gewaltandrohungen, Mobbing oder anderen höchst problematischen Verhaltensweisen. Ihr wisst auch nicht, wie psychisch stabil/gesund die Person ist.

Um bei dem Beispiel mit der Vergewaltigung zu bleiben: In der Realität ist so etwas ein traumatisierendes Erlebnis. Das entsprechend auch schwer zu spielen ist für eine Person, die fiktiv vergewaltigt wird. Ja, es gibt Menschen, die Vergewaltigungsfantasien haben und andere, die Rape-Play in einem BDSM-Kontext mögen. Es gibt Menschen, die belastende oder traumatisierende Situationen im LARP spielen können und wollen. Darauf komme ich noch weiter unten. Aber das gilt nicht für alle und kann auf gar keinen Fall als gegeben vorausgesetzt werden.

Generell gilt für alles, was in der Realität traumatisierend wirken kann (z.B. Folter, Vergewaltigung, sexuelle Belästigung) – fragt die betreffende Person out-time, ob sie einverstanden ist, eine solche Szene zu spielen. Man kann immer kurz ins Out-Time wechseln, es dauert ja nur wenige Sekunden, eine entsprechende Frage zu stellen.
Und hinzu kommt noch etwas anderes: Das Spiel ist meistens mit einer solchen Szene nicht beendet. Aber die wenigsten Personen können vermutlich eine sexuell traumatisierte Person glaubwürdig verkörpern. Und wenn sie das nicht tun, wirkt es auf tatsächlich Betroffene möglicherweise sehr unangenehm, zu sehen, wie leichtfertig die Figur IT mit der Vergewaltigung umgeht.

Und akzeptiert ein Nein ohne Wenn und Aber. Nein heißt Nein. Das gilt auch im LARP, auch für fiktive Spielsituationen.

Manche von euch werden nun sicherlich einwerfen, Krieg und Kämpfe können doch auch traumatisierend sein in der Realität, und werden im LARP trotzdem nicht weiter abgesprochen. Allerdings gelten im LARP klare Regeln für Kämpfe. (Und ja, auch da kann leider einiges schiefgehen, wenn z.B. Schwerthiebe voll durchgezogen werden oder Treffer an Stellen landen, die eigentlich verboten sind.)

Wer sich in LARP-Kämpfe begibt, weiß in der Regel, worauf er*sie sich einlässt. Auf vielen LARPs ist es die Regel, das Menschen, die bereit sind für in-fights, also stärker ausgespielte Kämpfe oder auch Szenen mit Prügeleien, eine entsprechende Markierung sichtbar tragen, z.B. ein farbiges Band. Auch kann man auf vielen LARPs, wenn man z.B. aus gesundheitlichen Gründen, Behinderung, Schwangerschaft u.a. nicht in Kämpfe verwickelt werden will, um eine entsprechende Kenntlichmachung bitten.

Konsens ist der Schlüssel zu einem positiven Spielerlebnis. Das gilt für alle Settings.

Es gibt bewusst harte, z.B. im Horror-Bereich, wo im Vorfeld vieles abgeklärt wird, wo die SL zum Beispiel Safety Words und anderen Safety Tools anbietet. Es wird also bereits vorher deutlich gemacht, was auf einen zukommen kann, ohne dass die eigentliche Handlung gespoilert wird. Auch Fragen in punkto Konsens werden dort im Vorfeld besprochen. Es gibt nicht selten auch spezielle OT-Räume, in die man sich zurückziehen kann. Oder auch intensive Gespräche nach dem Out-time, die erlauben, das Erlebte zu reflektieren und zu verarbeiten.

Eine solche Heransgehensweise ist aus meiner Sicht vorbildhaft. Denn auch in anderen Settings können Ideen zu Spielszenarien auftauchen, die eine starke Belastung darstellen können.

Im LARP gibt es für physische Gefahren Sicherheitsvorkehrungen. Zum Beispiel: Kämpfen nur ohne Alkoholeinfluss. Nächtliche Kämpfen nur in ausgeleuchteten Bereichen. Den sofortigen und nicht diskutierten Spielstopp in einer Out-Time Gefahrensituation. Safety Tools wie Safewords können auch psychischen Gefahren vorbeugen.

Auf manchen Cons gibt es z.B. auch bestimmte im Vorfeld vereinbarte Sätze, die anderen Spieler*innen verdeutlichen, „ich ziehe mich aus dieser Spielsituation zurück”, „diese Spielsituation überfordert mich” oder ähnliches.

Denkt bitte daran: LARP ist ein Hobby und es soll nicht nur euch, sondern auch anderen Freude machen.

Ihr spielt nicht für euch allein, sondern mit und für die anderen. Dinge, die in-time geschehen, sind zwar fiktiv. Aber Fiktion im LARP kann schnell ins Out-Time, ins wahre Leben übergreifen (das wird auch „bleed” genannt) Weil die Gefühle, die man spielt, von einem selbst nun mal empfunden werden. Und nicht jede Person kann immer klar und in jeder Situation die Gefühle des gespielten Charakters vom eigenen Ich trennen. Manchen Leute sprechen dann von einem „IT/OT-Problem”, vielleicht habt ihr das schon mal gehört. Bitte denkt bei belastenden Spielsituationen daran. Die Spieler*innen sind immer wichtiger als das Spiel.

Ich habe immer mal wieder von (Film-)Schauspieler*innen gehört, die anstrengende Rollen spielten, die an die Substanz gingen und wie sehr das manche mitnahm. Das gilt übrigens nicht nur für Method Actors oder für Schauspieler*innen, die für Rollen stark zu- oder abnehmen oder sich anderweitig optisch stark verändern. Die Schauspielerin Jessica Chastain brauchte, nachdem sie eine mörderische, psychisch kranke Frau in einem Horrorfilm spielte, eine Auszeit von Schauspiel. Heath Ledger berichtete in Interviews davon, wie sehr ihn die Rolle des Jokers in „The Dark Knight” belastete. Das sind nur zwei Beispiele.

Profi-Schauspieler*innen haben den Vorteil, dass ihre Rolle durch Text und Regieanweisungen ziemlich stark vorgegeben ist und dass sie diese in einem geschützten Rahmen (Theaterbühne, Filmset) darstellen. Sie können die Rolle in Pausen und abends ablegen. Ein bisschen ähnlich ist es mit NSCs im LARP.
Für Scs sieht es dagegen oft anders aus: Man ist viele Stunden lang, bis in die Nacht hinein oder sogar die Nacht hindurch, oft ohne Pause, in der Rolle. Beziehungsweise, dass sich Pausen oftmals auf einen kurzen Gang zum WC beschränken (und dass dieser Weg zum WC mitunter aus Spielgründen nicht möglich ist oder in-time gefährlich). Je nach Setting kann es auch sein, dass man zu wenig trinkt oder nicht zum Essen kommt, weil gerade wieder mal eine Welle Gegner hereinrollt.

Entsprechend ist LARP auch Stress – in der Regel ist es ein positiver („Eu-Stress”), aber wenn man dazu genötigt wird, ohne Konsens etwas sehr Belastendes zu spielen, dann wird aus diesem positiven Stress ganz schnell ein negativer, destruktiver. An dieser Stelle wiederhole ich noch einmal: LARP ist ein Hobby, das von sozialer Interaktion lebt. Eine Freizeitbeschäftigung. Und: Die Spieler*innen sind immer wichtiger als eine „gute Story”.

Und davon mal abgesehen hier noch etwas anderes: Um noch mal auf das Thema Vergewaltigung zurückzukommen, das angeblich im Spiel für eine bessere Story gesorgt hätte. Auch Grimdark-Mittelalter-Fantasy-Geschichten werden durch Vergewaltigungen nicht automatisch besser. Unter Autor*innen der Phantastik gilt das Schreiben von häufigen Vergewaltigungen übrigens oft als „faules Schreiben” – man braucht eine dramatische Szene? Ist schnell geschrieben, so eine Vergewaltigung. Man braucht ein düsteres Geheimnis, ein Trauma in der Biografie einer Protagonistin? Rückblende: Sie wurde vergewaltigt.

Dieser englischsprachige Artikel zeigt, was man anstelle von Vergewaltigungen als Plot Device alles nutzen kann. Vielleicht ist das eine oder andere ja auch eine Inspiration fürs LARP:

Bücher, die ein neues Zuhause suchen

Aus gesundheitlichen Gründen bin ich das gesamte Jahr 2020 über nicht mit einem Autorenstand auf Veranstaltungen. Ich habe noch einzelne Printbücher auf Lager, die ich gern verkaufen möchte.
Ich übernehme die Versandkosten und signiere die Bücher auf Wunsch gern. Der Buchsendung lege ich eine Rechnung bei, ihr könnt die Bücher nach dem Erhalt per Banküberweisung bezahlen. Paypal ist leider nicht möglich.

Ich lebe übrigens, ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen, auf Existenzminimum-Niveau und auch von daher freue ich mich über jeden Buchverkauf.

Hier die vorhandenen Taschenbücher (update, einige Bücher sind nicht mehr vorrätig):

„An seiner Seite” (9,- €) – Fortsetzung zu „Die Rolle seines Lebens“
siehe: http://amalia-zeichnerin.net/contemporary-gay-romance/

„Berlingtons Geisterjäger: Die Türme von London” (10,- €)
siehe: http://amalia-zeichnerin.net/berlingtons-geisterjaeger/

Bei Interesse einfach eine E-Mail an amaliazeichnerin(at)gmx.de senden.
Bitte für Versand und die Rechnung die Postadresse in der E-Mail angeben und mir schreiben, ob und wenn ja, wie ich das Buch signieren soll.

Verleidete Nostalgie

Foto: Marc Pascual, Pixabay

Manchmal bin ich frustriert, dass Popkulturelles, was ich als Kind oder Jugendliche mochte, sich nun für mich als -istisch herausstellt. Rassistisch. Sexistisch. Queerfeindlich. Ableistisch, oder noch anders menschenverachtend oder zumindest verletzend.

Das Kinderlied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass”? Rassistisch. Gründe dafür kann man hier nachlesen:

Ganz zu schweigen von all den vielen schon älteren Büchern, in denen vollkommen unreflektiert das N-Wort genannt wird. Ich erinnere auch daran, dass ein langjährig etablierter Fantasyautor kürzlich auf einer Veranstaltung davon sprach, er werde das N-Wort auch weiterhin verwenden.

Gefühlt eine Million romantischer Kömodien der letzten Jahrzehnte – frauenfeindlich, sexistisch, veraltete oder konservative Vorstellungen von Gender, heteronormativ. Oft sind auch toxische Tropes enthalten, wie Stalking (gern romantisch verklärt als „das Erobern einer Frau”) oder Gaslighting.

Dass die einzige queere Figur in einem Film auf dramatische Weise stirbt, war lange Zeit so Standard, dass ich es früher nicht mal hinterfragt habe.
https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/BuryYourGays

Ich könnte nun noch viele Beispiele nennen. Man schaue sich z.B. mal an, was Latinx und Bl_PoC in Hollywood häufig früher (und auch noch heute) für stereotype Nebenrollen angeboten bekommen (haben). Zum Beispiel: Raumpflegerin, Nanny, Kleinkriminelle, Gang-Mitglied, Service-Kraft, Drogensüchtige oder auch der funny Sidekick der weißen Protagonist:innen.

Ich bin frustriert. Filme/Serien, die älter als 10 – 20 Jahre sind, sind oft voll solcher problematischen Tropes. Bücher oft ebenso. Ich habe keine Lust mehr darauf, mir das anzusehen oder es zu lesen. Die Nostalgie, die ich dabei empfinden könnte, wird angesichts all solcher Tropes ganz schnell schal.

Aber eigentlich ist diese Frustration ein gutes Zeichen.

Denn ich bin nicht allein damit und es zeigt mir, wie sehr sich die Gesellschaft und der Zeitgeist verwandelt hat. Dass es immer mehr Menschen gibt, die solche -ismen, solche Tropes hinterfragen. Die das nicht mehr hinnehmen wollen. Die sich inklusiveres Entertainment wünschen, authentischer Repräsentation. Das kommt allmählich auch in den Köpfen der Kunstschaffenden an, bei Autor*innen, in der Filmindustrie und noch anderen Kunstgattungen.

Klar, es gibt noch immer die, die dann als erstes die Freiheit der Kunst mit Händen und Füßen verteidigen wollen. Das sind z.B. Leute, die verlangen, man müsse „die Kunst vor den Moralaposteln” retten. Nein, das muss man nicht. Und die Etablierten, die Privilegierten, die am Alten festhalten, weil es für sie bequemer ist, die werden nicht ewig kreativ sein. Machen wir es anders.

Muss man die Kunstschaffenden von ihrer Kunst trennen?

„Der Kuss der Muse“ von Félix Nicolas Frillié (1821-1863)
(public domain Abbildung)

Disclaimer: Im folgenden Text spreche ich von Kunst und Künstler:innen. Damit ist in diesem Fall nicht nur die bildende Kunst gemeint, sondern alle Kunstgattungen: Schriftstellerei, Musik, Schauspiel, Tanz, Bildhauerei, Film und andere.

Die Forderung nach der absoluten Freiheit der Kunst, das habe ich in den letzten Monaten, auch im Zusammenhang mit der viel diskutierten Meinungsfreiheit, immer wieder gehört.
Das Phantastik Autoren Netzwerk e.V. (PAN) hat kürzlich sein Programm für das diesjährige Branchentreffen veröffentlicht. Einer der Programmpunkte stieß teilweise auf Befremden, sowie mehrfach auf offenen Protest und wurde heftig diskutiert, hier auf Facebook und Twitter – der Vortrag „Rettet die Kunst vor den Moralaposteln!“ von dem Künstler Peter Kees. (Ein entsprechender Artikel von Kees ist auch online zu finden.)
Der Programmpunkt wurde nach längerer Diskussion, bei der sich sowohl Vereinsmitglieder als auch Externe zu Wort meldeten, schließlich abgesagt und durch einen anderen ersetzt.

Wie steht es um die Kunst heutzutage und vor allem die Trennung von Kunst und Kunstschaffenden?

Die #metoo-Bewegung hat vieles ins Rollen gebracht, nicht nur in Hollywood. Kevin Spacey, der sexuellen Missbrauchs angeklagt wurde, wurde aus einem Film herausgeschnitten, der noch nicht fertig gedreht war. Mehr und mehr Menschen (vor allem, aber nicht nur, Frauen) aus dem Showbusiness meldeten sich zu Wort, bericheten von Missbrauch, sexueller Belästigung, Vergewaltigungen. Auch bislang mehr oder wieder unangetastet gebliebene Filmgrößen wie Woody Allen und Roman Polanski gerieten dadurch stark (bzw. noch stärker als bisher) in Kritik. Der Prozess gegen den Film-Mogul Harvey Weinstein läuft noch. (1) Die Autorin J K Rowling erntete einen Shitstorm, als sie transfeindliche Äußerungen von TERFs mehrfach unterstützte. (2) Die Vergabe des Literaturnobelpreises an den Österreicher Peter Handke geriet zum Politikum, da dieser auch in seinem Werk umstrittene politischen Haltungen äußerte. (3)

Aber wer sagt eigentlich, dass man die Kunstschaffenden von der Kunst trennen muss? Ich gehe davon aus, dass diese These besonders gern in den Kultur- und Geisteswissenschaften gesehen wird. Dass sie von Kunstkritikern genutzt wird, um sich allein auf das Werk einer Person zu konzentrieren, ganz unabhängig von deren Leben. Das erleichtert sicherlich auch die Analyse eines Werks, denn für eine solche gibt es in den entsprechenden Wissenschaften klare Vorgaben.

Allerdings wird bei solchen Analysen von Kunstkritikern oft sehr klar unterschieden, ob es sich bei der kunstschaffenden Person um einen Mann oder eine Frau (oder nonbinäre Person) handelt. Ist es ein Mann, so sprechen Kritiker gern davon, welche künstlerischen Vorbilder dieser offenbar hatte (oder auch nicht), bei wem er seine Kunst gelernt hat und ähnliches. Auf das Privatleben der Person wird eher selten eingegangen und das ist ja auch nicht notwendig, wenn man die Kunst ganz klar von ihrem Schöpfer trennt.

Ist die Kunstschaffende allerdings eine Frau oder nonbinäre Person, gehen Kritiker oft stark auf deren Biografie ein, im Sinne von „in ihrer Kunst spiegelt sich ihre Biografie in diesen/jenen Punkten wieder…” Auch auf Lebensgefährt*innen oder andere Beziehungen der kunstschaffenden Frau oder nonbinären Person (oder andere wichtige Personen in ihrem Leben) wird oft wesentlich stärker eingegangen als bei männlichen Kunstschaffenden. Das als solches zeigt deutlich die noch immer nicht vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter, auch im Kulturbereich.

Natürlich erleichtert es die Analyse und die Kritik an einem Werk, wenn man sich dieses ganz unabhängig von der Person dahinter anschaut. Man könnte sogar sagen, es ist deutlich bequemer, das zu tun.

Aber wir leben nicht mehr im 20. Jahrhundert, in dem die Aufgabe der Kunstkritik größtenteils allein beim Feuilleton großer Zeitschriften lag, bei entsprechend gebildeten Journalist:innen und Kulturwissenschaftler:innen.

Wir müssen die Kunstschaffenden nicht von ihrer Kunst trennen – weder die noch Lebenden, noch die Toten.

Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Kunstschaffende direkt öffentlich zu Wort melden, in den social media. Dort wird anhand von Äußerungen oder auch einfach Likes meist recht schnell klar wird, was für Lebenshaltungen und Weltanschauungen die Kunstschaffenden vertreten – in Bezug auf Kultur, Politik und noch anderes. Viele Künstler:innen sind heutzutage öffentlich wie nie zuvor. Das hat alles seine Vor- und Nachteile, das steht außer Frage.
Und so wie sich Kunstschaffende öffentlich zu Wort melden, können das auch die Kunstkonsument:innen tun. Und das sind nicht nur Kulturexpert:innen und Kulturwissenschaftler:innen sondern auch Laien, – z.B. Buchblogger:innen und andere Menschen, die Rezensionen schreiben. Heutzutage kann jede Person ihre persönliche Meinung zu einem Kunstwerk öffentlich teilen. Entsprechend müssen Kunstschaffende heutzutage auch mit deutlich mehr kritischen Rückmeldungen rechnen, als wenn ihre Werke nur (wenn überhaupt) wie vor Jahrzehnten, in entsprechend spezialisierten Publikationen rezensiert werden würden.

Ich bin keine Kulturwissenschaftlerin, aber ich schreibe und illustriere. Meine persönliche Erfahrung damit zeigt mir: Ich kann meine Kunst nicht von meiner Person trennen. Meine persönliche Lebenserfahrung, auch Haltungen und Überzeugungen, Wahrnehmungen und Empfindungen, all das fließt in mein Werk mit ein.

Kunst entsteht nicht in einem luftleeren Raum. Es ist nicht so, dass ich mich – wie es der ziemlich deutsche Genie-Gedanke gern heraufbeschwört – hinsetze und mir eine Muse (siehe Abbildung oben) die absolut und vollkommen unabhängig von meiner Person ist, Dinge einflüstert, die ich dann zu Papier bringe.

Ein Teil des kreativen Schaffensprozesses ist immer bewusst. Dieser Teil hat mit dem erlernten künstlerischen Handwerk zu tun. Dies ist auch der Teil, der in einer Kunstanalyse oder in Rezensionen nach klaren Kriterien recht objektiv bewertet kann. Bei Autor:innen geht es an dieser Stelle darum, wie sie die Sprache verwenden, ob und wie sie zum Beispiel Metaphern, Vergleiche, Elipsen und/oder die vielen anderen Stilmittel einsetzen, die es gibt. Bei einem Musiker kann ganz klar die Technik bewertet werden, mit der er sein Instrument spielt.

Aber es gibt auch einen unbewussten Anteil im kreativen Prozess, der unter anderen auf das Kollektive Unbewusste zurückgreift. Das alles gilt sowohl für die schriftstellerische Tätigkeit, als auch für Musik, Kunstmalerei, Schauspiel, die Bildhauerei und möglicherweise auch für den Tanz. Und bei diesem Anteil speist sich vieles nicht nur aus dem Kollektiven Unbewussten, sondern auch aus der persönlichen Lebenserfahrung der kunstschaffenden Person, und die muss nicht immer positiv sein. Auch seelische Verletzungen, Frustrationen, Kummer, Agressionen oder destruktive Züge können in einem künstlerischen Prozess verarbeitet werden.

Ich wiederhole es noch einmal: Ich kann meine Kunst nicht von meiner Person trennen. Das, was ich in meine Kunst lege, dafür gibt es z. B. den Begriff „Herzblut”. Ich leide mit meinen Protagonist:innen, versetze mich in sie hinein, folge ihnen bis hin zu Gedankengängen und Empfindungen, die mir persönlich fremd sind, und dennoch vertraut, weil vieles davon im Kollektiven Unbewussten verankert ist. Oder auch durch persönliche Beobachtungen oder weil ich durch andere Geschichten oder durch Austausch und Interaktion mit real existierenden Menschen die Beweggründe, Motivationen und ähnliches bei diesen fiktiven Figuren nachvollziehen kann.

Wenn mir also durch meine persönliche Erfahrung bewusst ist, dass ich meine Kunst nicht von mir selbst trennen kann, wage ich zu fragen: Warum sollte ich das bei anderen Kunstschaffenden tun?

Zumal wenn sie noch leben und im Licht der Öffentlichkeit stehen, sich vielleicht auch öffentlich in social media austauschen und dort präsentieren? Wie ich schon weiter oben schrieb, wer sich öffentlich zeigt, der muss immer auch mit Kritik rechnen. Natürlich ist das unkomfortabel und natürlich kann man sich darüber aufregen, aber es ändert nichts daran. Wenn jemand kontroverse, provozierende Meinungen oder Geisteshaltungen vertritt, muss diese Person mit Gegenwind rechnen, vielleicht auch mit Shitstorms.

Mir ist durchaus bewusst, dass die „Cancel”-Kultur problematisch sein kann – wenn z.B. Äußerungen von Prominenten aus dem Zusammenhang gerissen werden oder wenn es unbewiesene Anschuldigungen gibt, die sich später als falsch herausstellen. Im Zweifel für den Angeklagten.
Wenn es allerdings zu Anschuldigungen kommt, die sich als wahr erweisen – auch Kunstschaffende stehen nicht über dem Gesetz. Auch nicht, wenn sie renommierte Genies auf ihrem Gebiet sind.

Wer hat etwas davon, die Kunstschaffenden von der Kunst zu trennen? Diese These wird vor allem dann genannt, wenn es um Künstler:innen geht, die Kontroversen auslösen, aus welchem Grund auch immer. Es dient dazu, deren Kunst (und auch ihre damit erworbenen Privilegien) zu verteidigen, gegen die Kritik an der jeweiligen Person.

Tod dem Autor?

Der französische Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker Roland Barthes (1915 – 1980) vertrat die Auffassung, „Tod dem Autor”. Man solle quasi beim Lesen literarischer Werke Absicht und Biografie des Autors ausblenden. Der Autor sei dahingehend „tot“ und was er mit seinem Werk ausdrücken wolle, sei unwichtig. Das ist eine aus meiner Sicht ziemlich radikale Forderung. Ich frage mich, ob dieser Philosoph dieselbe These auch in einer so medialen Welt wie der unseren formuliert hätte, aber das ist reine Spekulation.

Ich bin an Menschen interessiert.

Ja, ich bin sogar so sehr an Menschen interessiert, dass es mir nicht gelingt, die Kunst vom Kunstschaffenden zu trennen. Und das liegt auch gar nicht in meinem Interesse. Aus meiner Sicht ist die Kunst ist für die Menschen da, nicht die Menschen für die Kunst. Ich bin keine Kulturwissenschaftlerin, die nach rein rationalen, objektiven Bewertungskriterien Kunstwerke analysiert. Apropos Objektivität: Die ist bei der Betrachtung von Kunst ohnehin nie vollständig gegeben, ein Teil davon ist immer subjektiv. Weil Kunstkritiker auch nur Menschen sind und ihre persönlichen Lebenserfahrungen haben. Es sind keine Maschinen, die ausschließlich rational-logisch handeln (und denken).

Wenn ich persönlich erfahre, dass Künstler:innen sich sehr destruktiv, menschenverachtend oder gar kriminell verhalten (haben), vermindert sich bei mir das Interesse an ihrer Kunst signifikant. Ich bin übrigens auch nicht interessiert an rein provozierender oder menschenverachtender Kunst.

Und wer in seiner Kunst nach Minderheiten, nach marginalisierten Menschen, tritt, kann bei mir nichts gewinnen, sondern nur alles verlieren.

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(1) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-02/harvey-weinstein-prozess-zeugin-gericht

https://www.sueddeutsche.de/panorama/weinstein-verteidigung-zeugen-1.4788493

(2) https://www.vox.com/culture/2019/12/19/21029852/jk-rowling-terf-transphobia-history-timeline

(3)
https://www.spiegel.de/kultur/literatur/peter-handke-ueber-den-literaturnobelpreis-milosevic-und-jugoslawien-a-1297415.html

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2019-10/sasa-stanisic-deutscher-buchpreis-rede-kritik-peter-handke

Weiterführende Texte:

Über inklusive Phantastikwelten

Abbildung: Ольга Бережна, Boaphotostudio

Heute möchte ich gern wieder mal über ein Thema schreiben, das mir persönlich am Herzen liegt: Diversität und Inklusion in der Literatur, in der Phantastik.

Der Weltenbau, das ist ein zentraler Bestandteil jeglicher Phantastik. Gerade die Phantastik hat in all ihren vielen Subgenres (Fantasy, Science-Fiction, Steampunk, Horror, Dystopien, Hopepunk und viele mehr) die wortwörtlich phantastische Möglichkeit, Gesellschaft(en), politische Systeme, ja ganze Welten oder Universen anders zu denken.

Manche Phantastikautor*innen orientieren sich sehr nah an realen historischen Vorbildern und übernehmen dann auch gleich als das Negative, was es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat und häufig noch immer gibt, z.B. Frauenfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit, Rassismus, Unterdrückung von Minderheiten. Manche Phantastikautor*innen tun dies reflektiert, mit entsprechender immanenter Gesellschaftskritik, indem sie zum Beispiel aufzeigen, was Unterdrückung und menschenverachtende Verhaltensmuster so alles anrichten kann.

Andere Autor*innen machen dies nicht, sie zeigen all solche negativen, destruktiven gesellschaftlichen Verhältnsse, ohne daran immanent Kritik zu üben, und verkaufen das dann als historisch inspirierten Realismus („Das war halt so im Mittelalter!” wird dann gern gesagt – ja, auch wenn es sich um Fantasy handelt). Zu diesem Thema hat Aurelia vom Blog „Geekgeflüster“ einen interessanten Essay geschrieben, den ich unten bei den weiterführenden Texten verlinkt habe.

Aber es gibt auch ganz andere Phantastik. Phantastik, die vollkommen ohne Queerfeindlichkeit, Rassismus, Fremdenhass, Sexismus, Ableismus oder andere schädliche, menschenverachtende -ismen auskommt.
Ich habe in den letzten Jahren Fantasyromane gelesen, in denen Männer ganz selbstverständlich andere Männer heiraten konnten (1). Ich habe einen dystopischen Steampunk Roman gelesen, in dem die lesbische Protagonistin ganz einfach lesbisch sein kann, ohne dass dies zu dramatischen Verwicklungen führte oder als Plotdevice eingesetzt wurde (2). Zurzeit lese ich einen mit Preisen ausgezeichneten, fünfzig Jahre alten Science-Fiction Roman, in dem Gender und Sexualität vollkommen anders gedacht werden und auch ganz andere Auswirkungen auf Politik, Kultur und Gesellschaft haben (3).
Es gibt Fantasy und Science-Fiction, in denen um Polyamorie kein Drama gemacht wird, sondern sie einfach als eine alternative Beziehungsform etabliert ist (4).
Ich habe einen Hopepunk-Roman und einen Science-Fiction-Zweiteiler gelesen, in dem Neopronomen und nonbinäre Personen ganz selbstverständlich in die Handlung einbezogen wurden (5). Und das sind nur einige Beispiele für inklusive Phantastik.

Es gibt Fantasy und Science-Fiction, in denen Menschen, oder auch humanoide Aliens und Fantasykreaturen, mit verschiedenen Hautfarben und Herkünften, oder auch als Anhänger verschiedener Glaubensgemeinschaften, ganz selbstverständlich und ohne Drama zusammen an Aufgaben, Rätseln, Fällen oder anderen Problemen arbeiten, ohne Rassismen oder Diskussionen um ihre verschiedenen Religionen.

Es gibt Phantastik, die inklusiv ist, die Protagonist*innen und/oder Nebenfiguren mit Behinderungen, Neurodiversität, psychischen Erkrankungen (von Betroffenen oft als Neurodivergenzen bezeichnet) oder chronischen Erkrankungen als Handlungsträger*innen hat und zwar ohne, dass sich diese Leute ständig mit Ableismus konfrontiert sehen, wie es viele Betroffene ganz real im Alltag erleben.

Menschen, die von all solchen Dingen nicht im Geringsten betroffen sind, können sich vielleicht gar nicht vorstellen, was es für Betroffene, für Menschen aus marginalisierten Gruppen bedeutet, wenn sie sich selbst in der Literatur, in der Phantastik, oder auch in Filmen, Serien, Spielen etc. repräsentiert finden – und zwar auf eine Weise, die nicht in erster Linie das real immer wieder erlebte (Alltags-)Leid mit all den Diskriminierungen und -ismen widerspiegelt, sondern als Held*in einer Geschichte – oder wenigstens als starke Nebenfigur.

Dafür gibt es im englischsprachigen Raum den Hashtag #RepresentationMatters

Phantastik bietet wie kein anderer Bereich der Literatur die Möglichkeit, Welten zu erschaffen. Wenn du selbst als Autor*in solche Welten erschaffen willst – bitte geh in dich und frage dich, was für eine Welt soll es sein? Was soll sie widerspiegeln? Können die Kulturen, die Gesellschaften dort ganz anders sein als in unserer realen Welt? Was würde sich dadurch verändern? Phantasie kann eine Menge Macht haben, denn du kannst mit ihr ganze Welten kreieren. Nutze sie weise.

Weiterführende Texte:

Das Märchen von der unpolitischen Fiktion
https://geekgefluester.de/das-maerchen-von-der-unpolitischen-fiktion

Fantastisch Politisch
https://eleabrandt.de/2019/05/06/fantastisch-politisch/

Weltenbau 101: Fantastische Genderrollen?
https://alpakawolken.de/weltenbau-101-fantastische-genderrollen/

„Historische Korrektheit“ von Fantasy-Welten ist Quatsch
https://geekgefluester.de/historische-korrektheit-fantasy

(1) Die „Inselreich“-Reihe von Jona Dreyer
(2) „Berlin: Rostiges Herz“ von Sarah Stoffers
(3) „Die linke Hand der Dunkelheit“ (auch veröffentlich als „Winterplanet“) von Ursula K. Le Guin
(4) z.B. in „An Accident Of Stars“ von Foz Meadows
(5) „Wasteland“ von Judith Vogt und Christian Vogt sowie die „Sternenbrand“-Dilogie von Annette Juretzki

Alles ist politisch

Heute ein politischer Beitrag von mir. In Deutschland gibt es seit wenigen Jahren eine Partei, die sich bürgerlich-konservativ gibt und die eigentlich am rechtsäußeren Rand des politischen Spektrums angesiedelt ist. In dieser Partei gibt es Menschen, die die Demokratie abschaffen wollen. Diese Partei mischt mittlerweile in der Politik mit. (1) Wenn andere Parteien sie nicht daran hindern.

Zeitgleich gibt es in der Kultur die Debatte um Meinungsfreiheit – und die Freiheit der Kunst.

Der Konzeptkünstler Peter Kees schreibt in „Meinungsfreiheit – Rettet die Kunst vor den Moralaposteln”(2):

Kunst ist per se nicht demokratisch. Sie muss frei sein und bleiben dürfen, wie in unserer Verfassung verankert. Dabei darf sie durchaus auch undemokratisch und moralisch nicht integer sein.”

Eine Kunst, die undemokratisch sein darf? Schauen wir uns einmal den Begriff Demokratie genauer an.

Die Demokratie, (vom altgriechischen δημοκρατία ‚Herrschaft des Staatsvolkes‘) steht für politische Ordnungen oder politische Systeme, in denen Macht und Regierung vom Volk ausgehen. Und damit ist das gesamte Volk gemeint. Nicht nur eine privilegierte Mehrheit. Sondern auch Minderheiten und marginalisierte Menschen (auch wenn letztere häufig genug noch strukturell diskriminiert werden, aber das ist ein eigenes Thema für sich, auf das ich in diesem Beitrag nicht weiter eingehen werde). Die Demokratie steht letztendlich auch für eine Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben.

Ein Gegenstück zur Demokratie sind Diktaturen, totalitäre Systeme, wie z.B. der Faschismus. Diesen Systemen ist bei aller Unterschiedlichkeit immer gemeinsam, dass sie bestimmte Menschengruppen für „höherwertig” erachten und andere Gruppen als minderwertig betrachten. Es sind Systeme, die systematisch Menschenverachtung betreiben, eine Menschenverachtung, die bereits zu Millionen Todesopfern geführt hat.

Eine Kunst, die sich nicht um Demokratie schert, nicht um eine Teilhabe aller am gesellschaftlichen Diskurs, ist fatal in einer Zeit, in der seit langem Unsagbares wieder sagbar gemacht wird, in der sich Diskurse erschreckend verschieben. In einer Zeit, in der sich neue undemokratische Gruppierungen bilden.

In einer Zeit, in der Phrasen wie „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen” oder auch „Ich bin nicht gegen (marginalisierte Menschen), aber…” salonfähig gemacht werden.

Eine Zeit, in der sich manche Mörder offen zu Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus bekennen. (3, 4)

Und was fällt unter die Meinungsfreiheit, könnte man fragen?
Rassismus und Antisemitismus sind keine Meinungen, sondern Menschenverachtung.
Queerfeindliches Verhalten ist keine Meinung, sondern Menschenverachtung.
Gleiches gilt auch für Ableismus, Sexismus, Anti-Femininismus und andere -ismen, die sich gegen marginalisierte Menschen richten.

Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Das sollte anhand der deutschen Geschichte eigentlich vollkommen klar sein und keinerlei Optionen für eine Diskussion offen lassen.

Alles ist politisch. Auch die Kunst. Auch die Literatur, ja sogar die Phantastik.

Wer dafür eintritt, dass die Kunst alles darf, dass in der Kunst alles getan und gesagt werden darf, auch unmoralisches, undemokratisches (und das möglicherweise auch ganz unreflektiert, unkritisch), der muss mit Kritik rechnen. Der muss damit rechnen, dass sich Menschen von dieser Kunst abwenden.

Der muss aber auch damit rechnen, dass unmoralische, undemokratische Menschen solche Kunst feiern, weil diese ihnen auf die metaphorische Schulter klopft, weil diese sie bestärkt in ihren unmoralischen, undemokratischen Weltanschauungen.
Es gibt Studien, die zeigen, dass sich auch fiktive Inhalte nachhaltig auf Menschen und deren Handeln, Fühlen, Empfinden und deren Weltanschauungen auswirken können. (5)

In den letzten Monaten beobachte ich die öffentliche Debatte um Meinungsfreiheit und was die Kunst alles darf mit zunehmender Sorge. Außerdem bin ich der Ansicht, dass man nicht allem und jedem eine Bühne bieten sollte, und das gilt sowohl im politischen Bereich als auch in der Kunst.

(1) https://www.spiegel.de/politik/deutschland/thueringen-die-fdp-hat-sich-von-faschisten-ins-amt-waehlen-lassen-a-12efca47-e6ab-4d93-9e4b-e74a6c849f9e

(2) https://www.deutschlandfunkkultur.de/meinungsfreiheit-rettet-die-kunst-vor-den-moral-aposteln.1005.de.html

(3) https://www.spiegel.de/panorama/justiz/walter-luebcke-stephan-ernst-was-wir-ueber-den-taeter-wissen-a-1274385.html

(4) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-10/jeremy-borovitz-halle-anschlag-synagoge-antisemitismus-ueberlebender

(5) Mehr darüber in Eleas Brandt Essay „Fantastisch politisch“:
https://eleabrandt.de/2019/05/06/fantastisch-unpolitisch/

Natscha Strobel: „Warum man nicht mit Rechten reden sollte“
https://mosaik-blog.at/strategien-neue-rechte-mit-rechten-reden/

„Du kommst hier nicht rein!“ – Gatekeeping in Hobbys

Abbildung: Lothar Dieterich, Creative Commons Lizenz

Dieser Beitrag ist im generischen Femininum geschrieben. Männer und nichtbinäre Personen sind selbstverständlich mitgemeint.

Ich möchte heute ein bisschen über Hobbies, schreiben z.B. Cosplay. Larp. Steampunk. Fandoms. Games. Wer als enthusiatischer Newbie neu in eine entsprechende Community einsteigt, die wird früher oder später auf die Gatekeeper stoßen. Der Begriff leitet sich u.a. ab von jener mystisch-mythologischen Torwächterin, die Reisenden Rätsel oder Aufgaben stellt, ehe sie den Weg (vielleicht) freigibt.

Wikipedia schreibt über Gatekeeper im Bereich der Nachrichtenforschung:
„Als Gatekeeper (deutsch: Torwächter, Schleusenwärter oder Türsteher) bezeichnet man in den Sozialwissenschaften metaphorisch einen (meist personellen) Einflussfaktor, der eine wichtige Position bei einem Entscheidungsfindungsprozess einnimmt. ”

Gatekeeper, das sind Leute, die das Hobby schon seit Annodazumal betreiben oder schon seit Urzeiten im Fandom sind und die als selbsternannte Expertinnen genau wissen, wie es geht, was nicht geht, was „man darf”, was nicht und so weiter. Und die auch ungefragt anderen Leuten ihre Meinung aufdrängen, wie sie ihr Hobby zu betreiben haben oder wie sie ihr Fansein ausleben sollten.

Vielen Hobbyistinnen ist eines gemeinsam: Ihre einzige Gemeinsamkeit ist das Hobby. Darüber hinaus können sie als Menschen sehr, sehr unterschiedlich sein und dank Internet auch quer über den Globus verteilt sein. Sie haben unterschiedliche politische Ansichten und Weltanschauungen, verschiedene Glaubenszugehörigkeiten (oder auch keine), sind straight oder queer, cis oder trans, weiß oder Schwarz, People of Color, sind wohlhabend oder eher weniger, haben Kinder oder auch nicht, sind Single oder in Beziehungen und so weiter.
Und so verschieden, wie sie im Alltagsleben sind, so verschieden sind auch die Heransgehensweisen der einzelnen Individuen an ihr Hobby.

Nicht jede, die ein Hobby betreibt, erhebt dies zum Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens.

Nicht jede verbringt Stunden und Tage damit, Kostüme zu nähen, Accessoires und Requisiten zu gestalten, nicht jede spielt jeden Tag ihre Lieblingsgames rauf und runter oder besucht Game-Conventions. Nicht jede verbringt täglich Zeit in Online-Fandom-Foren oder hat die Zeit oder das Talent, um Fanart zu gestalten oder Fanfictions zu schreiben oder zu lesen. Nicht jede reist mehrfach jährlich zu vielen Veranstaltungen (z.B. am Wochenende), die mit dem Hobby zu tun haben.

Gatekeeper erwecken allerdings gern den Eindruck, all das sei aber zwingend notwendig, weil man ja sonst das Hobby nicht ernsthaft betreibe.

Gatekeeper maßen sich auch gern die Deutungshoheit darüber an, was ein gelungenes Outfit ist und was nicht – besonders wichtig bei Cosplay, Larp, Steampunk. In der deutschsprachigen Steampunk Community wird immer wieder darüber diskutiert – ist das Steampunk? Was ist Steampunk? Ist mein gekauftes Kleid, weil ich nicht nähen kann, Steampunk? Sind die aufgeklebten Zahnräder und die Goggles Steampunk, oder muss das alles auch eine Funktion haben, wie manche Geräte von Steampunk-Makern? Wie historisierend muss Steampunk sein? Muss er das überhaupt sein? Und wie ist es eigentlich mit Überschneidungen zu Cyberpunk, Gothic, Science-Fiction und anderen?

Gatekeeper reißen auch hier gern die Deutungshoheit an sich: So, wie sie Steampunk sehen, so ist es und nicht anders. Es gab mal eine social media Gruppe mit dem Namen „Ich mag meinen Steampunk undefiniert” und auch das Gegenstück dazu, „Ich mag meinen Steampunk definiert” existierte, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.

Genau das ist das Lieblingshobby der Gatekeeper: Sie definieren, was das Hobby ausmacht. Sie sind die selbsternannten Expertinnen.

Und vergessen gern darüber eines: Dass es hier nicht um eine exakte Wissenschaft geht. Auch nicht um geschichtliche Fakten oder um ein möglichst authentisches Reenactment. Ein Hobby ist ein Hobby ist ein Hobby. Es soll Spaß machen. Auch wenn dieser Spaß für unterschiedliche Leute nicht exakt gleich aussieht. Weil Menschen nun mal unterschiedlich sind. Auch die Geschmäcker sind verschieden. Was dir im Hobby Spaß macht, das ist vielleicht nichts für mich. Und was mir gefällt, damit kannst du vielleicht nichts anfangen. Trotzdem ist es für uns beide ein Hobby.

Mittels (erfolgreichem) Gatekeeping wird aus eine Gruppe von Hobbyistinnen allerdings schnell ein elitärer Club, der nur andere Mitglieder akzeptiert, wenn sie das Gatekeeping und die damit verbundenen, selbst auferlegten Normen verinnerlicht haben.

Im Cosplay-Bereich sagen einem manchen Gatekeeper, richtiges Cosplay setze immer eine Eins-zu-Eins-Umsetzung von Kostümen voraus und am besten eine besondere hohe persönliche Ähnlichkeit mit dem dargestellten Charakter. Wer in dieses enge Bild nicht hineinpasst, aufgrund von Hautfarbe, Haarfarbe, Körpertyp oder gar Behinderungen und ähnliches, oder wer einfach schlichtweg nicht den Geldbeutel hat, um ein perfektes Cosplay sein Eigen zu nennen, den werden Gatekeeper möglicherweise die Freude an diesem Hobby schnell vermiesen. Neulich las ich außerdem ein Interview, dass sich mit Mobbing im Cosplay beschäftigt, was teilweise auch wieder mit Gatekeeping-Haltungen zu tun hat:
https://www.teilzeithelden.de/2020/01/08/interview-eine-kampagne-gegen-mobbing-im-cosplay/

Im Gaming kenne ich mich persönlich nicht aus, aber ich habe einiges durch meinen Bekanntenkreis gehört. Auch hier gibt es Gatekeeper, die schon seit Annodazumal gamen und zum Beispiel alles, wirklich alles über Spiel XYZ wissen. Anfängerinnen werden da schon mal belächelt, oft auch ob der Wahl ihrer Spiele, sie dürfen sich Mansplaining anhören und können froh sein, wenn sie überhaupt in der Gamingcommunity akzeptiert werden. Zu diesem Thema hat Aurelia in ihrem Blog Geekgeflüster vieles geschrieben:
https://geekgefluester.de/category/alle-themen/gaming

Zum Beispiel hier: https://geekgefluester.de/von-gamer-girls-romance-und-internalisierter-misogynie

Ich kenne einige Leute, die in Fandoms unterwegs sind und die sich aus entsprechenden Social Media Gruppen komplett zurückgezogen haben, weil sie den Umgang der Gruppenmitglieder untereinander als toxisch empfunden haben. Ob das dann auch mit Gatekeeping zu tun hatte, mag sein, aber in dem Bereich fehlen mir die entsprechenden Erfahrungen, deshalb kann ich dazu wenig sagen. Ich habe allerdings einen englischsprachigen Text von Rachael Lefler gefunden, der teilweise nahelegt, dass auch hier Gatekeeping eine Rolle spielt:
https://reelrundown.com/misc/5-Factors-that-Can-Cause-Toxic-Fandom-to-Arise

Ein Zitat daraus (von mir übersetzt):

„Es gibt dieses Gefühl von Überlegenheit. Toxische Fans können sich gegenüber anderen Fans, die weniger intensiv/obsessiv sind und oft als „Casuals” bezeichnet werden, überlegen fühlen. Wehe, wenn du ein Shirt von einer Serie trägst, aber nicht obsessiv über diese Serie nachdenkst. (…) Toxische Fankultur entwickelt sich in einem Bereich, der als Internet Echokammer bekannt ist. Eine Echokammer ist ein Raum (oft in Internet-Foren oder Social Media Gruppen), in dem widersprechende Meinungen nicht geduldet werden. Das bedeutet, die Gruppe hat eine konformistische, herdenartige Mentalität. Alles was sie sagen und tun, füttert ihre Vorlieben und ihre Voreingenommenheit gegenüber Outsidern. Wenn eine Außenseiterin hereinkommt und versehentlich einen Fauxpas in einer solchen Gruppe begeht, wird sie in der Regel unhöflich darüber aufgeklärt oder sogar einfach aus der Gruppe verbannt.
Das heizt den oftmals fast kultischen Fanatismus toxischer Fans an. Es empowert sie und ermutigt sie, denn sie fühlen sich als große Gruppe an Leuten, die mit ihren Ansichten übereinstimmen. Und egal wie klein diese Ansichten innerhalb eines Fandoms sind, wird man darin Nischen finden mit Menschen, die derselben Ansicht sind.”

Im LARP gibt es in Social Media Gruppen und Foren, in denen man seine Outfits (im LARP „Gewandung” genannt) vorstellen kann oder auch Fragen rund um die Gestaltung stellen kann. Und auch da stehen oft die Gatekeeper ganz schnell vor dem virtuellen Tor und erklären auch enthusiatischen Newbies gern ungefragt, was sie alles mit ihrer Gewandung verkehrt machen und wie sie es gefälligst besser machen (mit dem Subtext: Wenn das nicht besser wird, wirst du hier bei uns nicht als ernsthafte LARPerin akzeptiert). Mit anderen Worten: Hier wird, ähnlich wie im Cosplay und Steampunk, nicht selten Costume-Shaming betrieben.

Gatekeepern ist dabei meistens auch egal, ob die betreffende Person vielleicht gar nicht nähen kann, nicht die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten hat, sich ein (hochwertiges, aber teures) Outfit zu leisten oder ähnliche Schwierigkeiten bestehen.

LARP ist übrigens tendenziell ein teures Hobby, denn nicht nur Outfits, Requisiten, Accessoires, sondern in vielen Fällen auch eine Camping-Ausstattung mit Zelt und natürlich die Con-Gebühr sowie die Anreise wollen finanziert werden. In vielen Fällen ist es schwierig, ohne eigenes Auto überhaupt anzureisen, da entsprechende Veranstaltungen meistens auf dem Land bzw. eher an abgelegenen Orten stattfinden. Es gibt zwar auch LARP-Formen, die den Einstieg einfacher machen, auch kann man quasi als Gästin (als Nichtspielerincharakter, abgekürzt NSC) auf Cons fahren, aber grundsätzlich sind die Hürden für Neueinsteigerinnen sind nicht gerade niedrig.

Ich bin Admin in einigen Gruppen bei Facebook, darunter auch Hobbygruppen zu LARP und Steampunk. Immer wieder fragen dort Neueinsteigerinnen nach Tipps für den Anfang. Dahinter steckt natürlich zum einen Neugier, zum anderen aber vielleicht auch die Angst, etwas falsch zu machen, anzuecken, weil man das Hobby nicht „richtig” betreibt.

Aber wer bestimmt das denn bitte schön? In den Social Media bestimmen es die Gatekeeper, die am lautesten sind. Oder zumindest versuchen sie es, indem sie Neulinge mitunter solange in Diskussionen zutexten, bis diese mit dem metaphorischen Rücken zur Wand stehen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Interessierte sich enttäuscht aus einem Hobby zurückgezogen haben, weil sie an solche Gatekeeper geraten sind.

Deshalb möchte ich gern zu folgendem aufrufen:
Auch wenn du ein Hobby schon seit Annodazumal betreibst, überlege dir bitte gut, ob du Neulingen wirklich ungebetene Ratschläge geben möchtest. Erinnere dich bitte einmal daran, wie du selbst in das Hobby oder Fandom eingestiegen bist.

Frag Einsteigerinnen bitte erst mal, ob sie deinen Rat hören möchten, oder nicht. Und wenn nicht, das akzeptiere das bitte. Vielleicht haben sie auch einfach gerade keine Zeit für eine längere Diskussion.

Akzeptiere bitte, dass Menschen Hobbies unterschiedlich betreiben, je nach ihren Möglichkeiten und ja, auch nach Lust und Laune. Das gilt auch für Fandoms.
Du musst dich ja nicht mit jeder Person beschäftigen, die zufällig dasselbe Hobby hat wie du oder die im selben Fandom ist.

Und wenn dir etwas Kritisches gegenüber anderen auf der Zunge liegt, denk bitte daran: Hobbys sind Freizeitbeschäftigungen, die Spaß und Erholung bieten sollen. Für dich und für andere.

Und wenn du trotzdem allem Kritik anbringen möchtest, dann bitte konstruktiv, so dass
die Kritisierte etwas damit anfangen kann. Damit hilfst du der Person sicher mehr, als z.B. mit einem „Dein Outfit ist sch***ße.“

Denk inklusiv: Alle dürfen mitmachen. Nicht nur die mit langjährigen Erfahrungen, sondern auch diejenigen, die gerade erst anfangen. Auch diejenigen, die nur hin und wieder das Hobby betreiben. Auch diejenigen, die aufgrund von Aussehen, Körpertyp, Behinderungen nicht in die gängigen Schönheitsnormen passen. Oder um es ganz allgemein zu sagen: Auch diejenigen, die anders sind als du.