Toxische Beziehungen, die romantisiert werden … und was das mit dem Patriarchat zu tun hat.

Foto: Devon Janse van Rensburg, Unsplash

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Ich habe schon mal einen Blogbeitrag über die Romantisierung von toxischen Beziehungen geschrieben (1), aber ich habe noch einige weitere Gedanken zu diesem Thema.

Ich schreibe hier zur Vereinfachung von (hetero, cis) Männern und (hetero, cis) Frauen. Ich gehe davon aus, dass es in manchen Geschichten auch queere toxische Beziehungen gibt, die romantisiert werden, das ist aber nicht der Schwerpunkt dieses Beitrag.

Die Romantisierung von toxischen (heterosexuellen) Beziehungen spielt dem Patriarchat direkt in die Hände, aus folgenden Gründen:

In althergebrachten patriarchalen Strukturen streben Männer nach Einflussnahme und Macht. Sie haben kein Interesse daran, eine gleichberechtigte Beziehung mit einer Frau einzugehen, stattdessen wollen sie die Frau zunächst erobern und dann kontrollieren. Konsens ist sexy? Nicht mit patriarchal geprägten Männern, die pfeifen auf Konsens. Oder aber, wenn die Frau einmal eingewilligt hat, wird ein späteres Nein nicht mehr akzeptiert. (2)

Der patriarchal geprägte Mann ist außerdem der Ansicht, dass seine Partnerin sein Besitz ist. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass es so viele Femizide gibt. Wer eine Person als persönlichen Besitz betrachtet, wird auch denken, dass er mit ihr machen kann, was immer er will – im Extremfall auch Mord.

Ein weiterer Punkt: Patriarchal geprägte Männer haben üblicherweise das Rollenbild des „starken Mannes“, der seine Partnerin beschützen will. Das mag nobel klingen, aber vielleicht braucht oder will seine Frau oder Freundin gar nicht seinen Schutz, sondern kann sich im Zweifelsfall selbst verteidigen, bzw. will auf eigenen Füßen stehen?

Patriarchal geprägten Männern wird schon als Kind vermittelt, dass sie keine „weichen“, „weiblichen“ Gefühle haben dürfen, nicht darüber sprechen dürfen, bzw. solche Gefühle verdrängen sollten. Was dagegen erlaubt ist: Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft, Ärger, Wut und Aggression. Entsprechend können solche Männer kaum oder gar nicht über viele ihrer Gefühle reden, auch nicht mit ihren Frauen.

Sie sind emotional nicht verfügbar, aber genau das ist für eine romantische Beziehung sehr wichtig (wie auch für die meisten anderen Beziehungen, z.B. Freundschaften und Eltern-Kind-Beziehungen).

Vielen Männern wird außerdem beigebracht, dass sie ihre Probleme alle allein lösen müssen, weil sie doch „starke, unabhängige Männer“ seien. Entsprechend fressen viele Männer auch ihre psychischen Probleme in sich hinein, anstatt sich professionelle Hilfe zu suchen – denn letzteres würde ja bedeuten, sie seien verweichlicht. Schauen wir mal in die Fiktion: Wenn ein traumatisierter oder psychisch kranker Protagonist eine Beziehung eingeht, ohne an seinen psychischen Problemen je gearbeitet zu haben … das kann nicht gutgehen. Klar, eine traumatische Kindheit oder eine psychische Erkrankung mag erklären, warum der Protagonist sich gegenüber der Protagonistin (oder gegenüber anderen Figuren) wie ein Arschloch verhält. Aber das sollte nicht als Entschuldigung für fürchterliches Verhalten dienen.

Die Incels lassen grüßen: Manche Männer glauben nicht nur, dass ihnen quasi die Welt gehört, sondern auch, dass sie einen Anspruch auf eine romantische Beziehung und/oder Sex haben. Dass zu einer Beziehung aber auch Beziehungsarbeit gehört, ist ihnen entweder nicht bewusst, oder sie verdrängen es. Und dann sind sie verwundert oder regen sich darüber auf, wenn keine Frau eine Beziehung mit ihnen eingehen (oder in selbiger bleiben) will. Außerdem geben solche Männer häufig Frauen die Schuld daran, dass sie (die Männer) allein bleiben, anstatt vor der eigenen Tür zu kehren.

Einige oder mehrere dieser Motive finden sich oft in Büchern, die toxische Beziehungen romantisieren. Anstatt aufzuzeigen, wie toxisch solche Verhaltensweisen, Ansichten und Anspruchshaltungen sind, wird das alles mit rosaroter Brille von den Protagonistinnen verklärt oder abgetan mit einem „So sind Männer nun mal“. Oft wird auch alles damit erklärt, wie sehr der Mann die Frau liebt (selbst, wenn das obsessive, also ungesunde Züge annimmt).

Toxische Maskulinität ist alles andere als romantisch, wird aber ebenfalls zu häufig in Bücher als etwas Bewundernswertes dargestellt:

Der Protagonist löst Konflikte ausschließlich mit verbaler oder physischer Gewalt, etwas anderes hat er nie gelernt.
Er kontrolliert seine Partnerin auf Schritt und Tritt und dominiert sie, egal ob ihr das gefällt oder nicht.
Er will eigentlich keine Partnerin, sondern vor allem einen Mutterersatz, der ihn versorgt.
Er behandelt Frauen wie Menschen zweiter Klasse.
Er hört nur auf andere Männer.
Er mansplaint gern.
Er kann es nicht ertragen, wenn eine Frau erfolgreicher oder beliebter ist als er.
Seine eigenen Ansichten und Gefühle zählen immer mehr als die seiner Frau/Freundin.
Fürsorglichkeit betrachtet er als Schwäche oder als etwas typisch „weibliches“ und ist deshalb nicht fürsorglich.
Er kommt mit Kompromissen in der Beziehung nicht zurecht.
Einige Männer wollen außerdem immer im Mittelpunkt stehen und können es nicht ertragen, wenn jemand anderes mal im Rampenlicht steht – schon gar nicht eine Frau.

Es gibt viele Leute, auch gerade Frauen, die sich für die Romantisierung toxischer Beziehungen in Büchern (oder auch Filmen/Serien) aussprechen. Manche sagen, dass sei ja alles nur Fantasie und hätte nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Oder dass es ihren eigenen, dunklen Fantasien entspräche (Grape-Fantasien sind ein Ding). Aber muss man wirklich jede dunkle Fantasie, jede düstere Idee einem großen Mainstream-Publikum zugänglich machen? Zumal solche Bücher keine FSK haben und oft auch von Minderjährigen gelesen werden, obwohl diese Geschichten für sie nicht geeignet sind.

Und muss man dann auch noch dem Patriarchat den Steigbügel halten, indem man alle diese patriarchalen Mechanismen schützt und weiter bedient? Das ist eine rethorische Frage. Bitte, Schluss mit „Männer sind halt so.“ Es ist Zeit, dass sich etwas ändert. Ich persönlich wäre mehr als froh, wenn dieser Trend, gewaltvolle, toxische Beziehungen zu romantisieren, endlich ein Ende findet, denn es gibt ihn schon viel zu lange.

Fußnoten
(1) Der erwähnte Blogbeitrag:
https://amalia-zeichnerin.net/ueber-die-fatale-romantisierung-von-toxischen-beziehungen-und-anderen-problematischen-tropes-in-der-fiktion/

(2) Dazu kann ich diesen Instagrambeitrag von Autorin Susanna Tassi empfehlen:
https://www.instagram.com/p/Dd-6ufwDpve

Der Buchmarkt, BookTok-Hypes und KI-generierte Bücher oder: Wo bleiben wir Autor*innen?

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Die Anregung zu diesem Blogbeitrag kam durch einen Beitrag, den Judith Vogt auf BlueSky geschrieben hat. Danke dafür und auch für den Austausch.

Seit ich vor zehn Jahren mit Buchveröffentlichungen begonnen habe, hat sich der Buchmarkt im Bereich der Unterhaltungsliteratur, wozu ich auch die Phantastik zähle, sehr verändert. (Generell finde ich die Unterscheidung in E- und U-Literatur fragwürdig, aber das ist ein anderes Thema, dieses Fass mache ich nun hier nicht auf.)

Dieser Bereich des Buchmarkt lässt sich mittlerweile sehr stark von Booktok- und anderen buchigen Social Media-Trends beeinflussen, die sich schnell verändern. Vor wenigen Jahren war Dark Academia populär, heute ist z.B. Romantasy und Dark Romance sehr gefragt, morgen vielleicht etwas ganz anderes. Aber es ist schwer vorherzusagen, welcher neue Trend als nächstes ganz an der Spitze steht, weil die Social-Media-Landschaft so pluralistisch und zersplittert ist.

In einem Beitrag auf Instagram zu meiner Aktion #DiversityDienstag habe ich geschrieben (1): In immer kürzeren Abständen werden neue Bücher auf den Markt geworfen, die dann möglichst schnell konsumiert werden. Nach dem kapitalistischen Motto: mehr, weiter, schneller, Gewinnmaximierung.

Viele Buchbloggende und andere Leser*innen beklagen schon seit längerem, dass die Qualität vieler dieser schnell auf den Markt geworfenen Bücher zu wünschen übrig lässt, selbst aus großen Verlagen. Ich sehe das vor allem im englischsprachigen Raum, aber nicht nur. Oftmals würden z.B. nur bestimmte Tropes checklistenmäßig, aber eher lieblos abgearbeitet. Tropes, die in manchen Verlagsausschreibungen mittlerweile vorgegeben werden.

Dass die Qualität leidet, ist wohl kein Wunder, wenn Autor*innen und andere, die an einer Buchveröffentlichung beteiligt sind, auch Lektor*innen, dazu angehalten werden, in erster Linie schnell zu arbeiten.

Die Flut der KI-generierten Bücher
Mehrere Selfpublishing-Autor*innen berichten, dass ihre Buchverkäufe auf Amazon stark zurückgegangen sind. Dafür mag es viele Gründe geben, und einer davon ist sicherlich die Flut an komplett KI-generierten Büchern auf Amazon, die echten Autor*innen die Sichtbarkeit nehmen. (2)

Und wo bleiben wir Autor*innen?
Autor*innen (und damit meine ich alle, die Bücher ohne KI schreiben), die jetzt im Bereich der Unterhaltungsliteratur durchstarten oder schon länger dabei sind, haben also im wesentlichen zwei Probleme: Wenn sie Selfpublishing machen möchten, müssen sie dabei gegen eine Flut KI-generierter Bücher anschreiben. Wenn sie in Verlagen veröffentlichen wollen, müssen sie damit rechnen, dass viele ihrer kreativen Ideen dort abgelehnt werden, weil sie nicht zu den aktuell gehypten Trends oder Tropes passen.

Ich zitiere noch etwas aus dem schon erwähnten Instagrambeitrag:

Autor*innen sehen sich nun zunehmend dem Druck ausgesetzt, möglichst viele Bücher pro Jahr zu schreiben, damit sie mithalten können mit dieser, ich nenne es mal Fast-Books-Produktion. Gleichzeitig können aber die meisten Autor*innen nicht vom Schreiben leben, müssen sich zwischen Brotjob und Familie oder anderen Verpflichtungen irgendwie arrangieren, damit sie weiterhin Bücher schreiben können. Ich lese hier immer wieder von Autor*innen, die psychisch oder physisch erkrankt sind (z.B. Burnout), weil sie diesem Druck auf Dauer nicht gewachsen sind.

Besonders schwer haben es marginalisierte Autor*innen, weil sie häufig noch weitere Belastungen haben (z.B. Diskriminierungserfahrungen wie täglichen Alltagsrassismus).

Hinzu kommt natürlich noch das Phänomen, dass Autor*innen diejenigen sind, die bei einer Buchveröffentlichung von allen beteiligten Personen am wenigsten verdienen, da nicht ihre Arbeitszeit bezahlt wird, sondern eine Form der Lizenz für ihr Werk.

Und was marginalisierte Autor*innen betrifft, gehe ich davon aus, dass in Zukunft weniger solche Leute veröffentlichen werden – wenn sich die Produktionsbedingungen auf dem Buchmarkt nicht strukturell wirklich verbessern. Und das zeichnet sich zurzeit leider nicht ab, soweit ich es sehen kann.

Und wie ist eigentlich das Verhältnis der vielen veröffentlichten Bücher zu tatsächlich gelesenen? In der Buchbubble sehe ich manchmal unglaubliche Zahlen, wie viele Bücher manche Buchblogger*innen jährlich lesen, teilweise über 150 Bücher.

Also habe ich eine Umfrage auf Tumblr gemacht, an der sich immerhin 373 Leute beteiligt haben. Klar, es ist keine repräsentative Umfrage, aber sie ergibt dennoch eine Tendenz. Die Mehrheit, rund ein Viertel der Beteiligten lesen jährlich nur 11 bis 25 Bücher, gefolgt von rund 21%, die bis zu 52 Bücher lesen.

All of that being said – ich denke, die Menschen, die dafür brennen, Geschichten zu erzählen, Geschichten zu schreiben, werden das auch weiterhin tun, aber vielleicht manche von ihnen auf anderen Wegen.

Geschichten zu erzählen und zu hören ist ein menschliches Grundbedürfnis, weil wir auf diese Weise unsere Welt und unsere menschliche Existenz in einem geschützten Rahmen erforschen können. Und das wird eine KI niemals verstehen, denn diese Systeme wissen nicht aus eigener Erfahrung, was es heißt, ein Mensch zu sein. Stattdessen produzieren (oder halluzinieren, wie manche es nennen) sie gewissermaßen nur aneinandergereihte Buchstaben, die nach Wahrscheinlichkeiten berechnet werden.

Was dieses menschliche Grundbedürfnis betrifft, komme ich immer wieder gern auf ein Zitat von Alan Rickman zurück:
„It’s a human need to be told stories. The more we’re governed by idiots and have no control over our destinies, the more we need to tell stories to each other about who we are, why we are, where we come from, and what might be possible.“

Übersetzung: „Es ist ein menschliches Bedürfnis, Geschichten erzählt zu bekommen. Je mehr wir von Idioten regiert werden und keine Kontrolle über unser Schicksal haben, desto mehr müssen wir uns Geschichten darüber erzählen, wer wir sind, warum wir sind, woher wir kommen, und was möglich sein könnte.“

Update im August 2026:
Lesenswerter Instagrambeitrag von Justine Pust:
https://www.instagram.com/p/DcDk291Cg7k/

Falls ihr Instagram nicht öffnen wollt:
https://imginn.com/p/DcDk291Cg7k/

Fußnoten
(1) Instagram-Beitrag: „Farbschnitte und was das mit Kapitalismus und Produktionsbedingungen zu tun hat“ https://www.instagram.com/p/DPyred4jq_V/
(2) siehe z.B. „Wie KI-Bücher Amazon KDP überfluten und den Buchmarkt verändern“ von Patrick Meier https://buchmarkt.de/patrick-meier-amazon-ki/