Wie das Patriarchat Frauen und FLINTA* Personen kontrolliert

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Im Rahmen meiner Aktion #DiversityDienstag mache ich mir heute mal Gedanken über das Patriarchat. Ich verwende in diesem Blogbeitrag sowohl die Begriffe Frauen wie FLINTA*.

Es gibt zahlreiche Beispiele, wie das Patriarchat nicht-cis-männliche Menschen kontrolliert, hier geht es um einige Aspekte, die manchen vielleicht gar nicht so bewusst sind.

Kürzlich sah ich auf Instagram ein interessantes kurzes Reel von Andela Alexa, im Moment Magazin: „Kontrolle durch Dünnheitsideale“
https://www.instagram.com/p/DRtcL5HCJKB/
Andela sagte darin unter anderem, das Patriarchat liebe müde Frauen. Frauen, die beständig hungern – um abzunehmen, um einem Schönheitsideal zu entsprechen. Auf diese Weise übt das Patriarchat Kontrolle aus, denn wer ständig hungrig und/oder müde sei, habe keine Kraft sich zu solidarisieren, keine Energie für Aktivismus.

Das hat mich nachdenklich gemacht und ich schließe hier einige Gedanken an.

Das Patriarchat hat schon immer Mittel und Wege gefunden, Frauen (oder afab Personen bzw. FLINTA* Personen) zu kontrollieren.

Ich habe mich durch meine schriftstellerische Tätigkeit und aus Interesse viel mit dem 19. Jahrhundert beschäftigt. Und damals wurden Frauen massivst kontrolliert. Sie mussten die Etikette ihrer Klasse beherrschen. In einigen höheren Klassen der Gesellschaft mussten sie sich mehrmals täglich umziehen, je nach Anlass, und das war zeitaufwändig. Sie mussten sich buchstäblich in enge Korsetts quetschen und trugen ausladende Reifröcke oder später Tournüren-Gestelle, die teilweise bei Bewegungen sehr hinderlich waren. Sie mussten im Damensattel reiten.

Heutzutage gibt es High Heels. Diese sexualisieren gewissermaßen den Gang einer Frau, da Bewegungen damit die Kurven des Körpers stärker betonen. Allerdings sind High Heels eine wacklige Angelegenheit, Jogging wäre damit kaum möglich. Wegrennen bei Gefahr wohl eher auch nicht. Woran erinnert mich das nur? Ach ja, an die Reifröcke und andere Gestelle aus dem 19. Jahrhundert, die auch die Bewegungsfähigkeit einschränkten.

Frauen wurden gezwungen, unbezahlte Care-Arbeit zu machen, nach dem Motto der drei K – Kinder, Küche, Kirche. Später, als Ehen eher auf Liebesbeziehungen als auf gesellschaftlichen Arrangements basierten, wurde den Frauen diese Care-Arbeit vom Patriarchat als romantische Erfüllung verkauft. Und, da erzähle ich euch nichts Neues, es gibt rechtskonservative und rechtsextreme Menschen, die Frauen wieder vor allem dort, bei diesen drei K, sehen wollen.

Um das Schönheitsideal „schlank sein“ hat sich eine ganze Industrie gebildet, inklusive der Wellness- und Fitnessbranche. Beim Abnehmen geht es nicht immer um gesundheitliche Aspekte, denn leichtes Übergewicht ist meistens gesundheitlich unbedenklich. Viele Frauen, die abnehmen wollen, sind vor allem um ihr Aussehen besorgt. Tagtäglich sind FLINTA* also mit ihrem Aussehen beschäftigt, kaufen Produkte, quälen sich durch Fitnessprogramme etc. Und von Schönheitsoperationen fange ich jetzt gar nicht erst an.

Ein weiteres Schönheitsideal, das Andela Alexa ebenfalls anspricht, ist eine Verkindlichung der Frau. Ein Beispiel dafür: Abgesehen vom Kopfhaar und den Augenbrauen soll der Körper nach diesem Ideal haarlos sein, wie bei einem Kind. Was auch wieder viel Arbeit macht, durch Rasieren, Zupfen, Epilieren, Wachs … Auch dahinter vermute ich den Gedanken, dass ein kindlicher Mensch (bzw. ein Mensch, der so aussieht), leichter zu kontrollieren sei als eine erwachsene Frau. Entsprechend werden Frauen gern „klein“ gemacht.

Langes Haar, das bei vielen Frauen immer noch als Nonplusultra gilt, ist auch so ein Thema für sich. Langes Haar täglich zu stylen, das kann sehr zeitaufwändig sein.

Und wer nicht ohne Make-up das Haus verlässt, weil Schönheitsideale einreden, ohne Make-up sehe man hässlich aus, der schminkt sich dann natürlich täglich, und auch das kostet Zeit.

Apropos Schönheitsideale: Es gibt einen wachsenden Trend, dass selbst Frauen, die so um die 30 oder noch jünger sind, Schönheitsoperationen machen lassen. Das gilt natürlich vor allem für Celebritys, aber dieser Trend hat für einige andere Frauen, die nicht im Rampenlicht stehen, eine (zweifelhafte) Vorbildfunktion. Früher war das eher etwas, das einige ältere Frauen machen ließen, aber neuerdings sind solche Prozeduren der neue Schönheitsstandard. Dazu hat z.B. Bryony Claire ein Video gemacht:
https://www.youtube.com/watch?v=U1e0DFYpegQ

Auch die konstante Beschäftigung mit den ständig wechselnden Moden (oder auch Fast Fashion) kann sehr viel Zeit, Energie und Geld kosten. Stattdessen könnten FLINTA* einen eher zeitlosen Look für sich claimen, so dass sie weniger abhängig von diesen ständigen Wechseln sind.

Ich denke, es lohnt sich, einmal genauer zu schauen, was es so alles an gesellschaftlichen Erwartungen an FLINTA*s gibt und wie sie das eigene Leben beeinflussen – vor allem jene, die entweder sehr zeitaufwändig sind, also viel Aufmerksamkeit und Energie binden. Und auch jene, die für Hindernisse im Alltag sorgen, z.B. weil sie Bewegungen einschränken (wie die High Heels).

Wenn ihr wirklich Freude habt an Looks, Styles, Outfits etc, wenn ihr das als kreativen Selbstausdruck erlebt, vielleicht auch als persönliches Empowerment, oder wenn das beruflich für euch eine wichtige Rolle spielt – go for it.

Aber wenn ihr all das eher als lästige Pflicht erlebt, mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass die Gesellschaft dies von euch erwartet … dann stellt euch doch mal vor, ihr steigt einfach aus, aus diesem patriarchalen Programm der Kontrolle, getarnt als Schönheitsideal, Wellness, Fitness, Romantik, Mode und und und. Wieviel Zeit und Energie hättet ihr dann für andere Aktivitäten?

#DiversityDienstag: Support für marginalisierte Autor_innen… die nicht preisverdächtige Literatur schreiben

Lesezeit: 1 Minute
In Social Media wird recht oft dazu aufgerufen, queere oder anderweitig margi­nalisierte Autorys zu unterstützen, z.B. indem man ihre Bücher kauft oder darauf hinweist. Aber die Bücher, die dann empfoh­len werden, sind praktisch immer dieselben von so ungefähr 5 bis 10 Autorys, zumindest habe ich das öfter so beobachtet.

Oftmals geht es um Bücher, die als besonders herausragend und lesenswert erachtet werden und/oder die für Preise nomi­niert wurden oder mit welchen ausgezeichnet wurden. Teilwei­se sind das auch englischsprachige Bücher oder Bücher aus großen Verlagen. Das ist natürlich einerseits sehr schön.

Andererseits entsteht für mich der Eindruck, als ob die Bücher marginalisierter Autor*innnen nur dann beachtenswert sind, wenn sie überdurchschnittlich gut sind.

Die eher durch­schnittlich schreibenden Autorys, zu denen ich ebenfalls zähle, kommen bei solchen Empfehlungen nicht oder kaum vor. Gleiches gilt oft auch für Kleinverlage und marginalisierte Selfpublisherinnen. Deshalb: Wenn ihr Autorys unterstützen wollt, auch solche, die vielleicht nicht preisverdächtig schreiben: Traut euch auch an Bücher aus Kleinverlagen und an welche von Selfpublisherinnen.

Das alles erinnert mich übrigens schmerzhaft an etwas, das so einigen marginalisierten Autor*innen bekannt vorkommen dürfte: marginalisierten Leuten, z.B. mit Behinderungen, wird oft schon von Kindheit an vermittelt, dass sie immer mehr als 100 % geben müssten, dass sie besonders viel leisten müssten, um von der Mehrheitsgesellschaft anerkannt zu werden.

Aber nicht jeder marginalisierte Autorin ist ein literarisches Genie, um es mal überspitzt zu formulieren, oder schreibt preisverdächtig. Und das hängt natürlich auch teilweise mit der eigenen Lebenssituation, aber auch dem Buchmarkt und den Produktionsbedingungen zusammen, bei der marginalisierte Autorinnen oft strukturell benachteiligt werden.

Der Buchmarkt, BookTok-Hypes und KI-generierte Bücher oder: Wo bleiben wir Autor*innen?

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Die Anregung zu diesem Blogbeitrag kam durch einen Beitrag, den Judith Vogt auf BlueSky geschrieben hat. Danke dafür und auch für den Austausch.

Seit ich vor zehn Jahren mit Buchveröffentlichungen begonnen habe, hat sich der Buchmarkt im Bereich der Unterhaltungsliteratur, wozu ich auch die Phantastik zähle, sehr verändert. (Generell finde ich die Unterscheidung in E- und U-Literatur fragwürdig, aber das ist ein anderes Thema, dieses Fass mache ich nun hier nicht auf.)

Dieser Bereich des Buchmarkt lässt sich mittlerweile sehr stark von Booktok- und anderen buchigen Social Media-Trends beeinflussen, die sich schnell verändern. Vor wenigen Jahren war Dark Academia populär, heute ist z.B. Romantasy und Dark Romance sehr gefragt, morgen vielleicht etwas ganz anderes. Aber es ist schwer vorherzusagen, welcher neue Trend als nächstes ganz an der Spitze steht, weil die Social-Media-Landschaft so pluralistisch und zersplittert ist.

In einem Beitrag auf Instagram zu meiner Aktion #DiversityDienstag habe ich geschrieben (1): In immer kürzeren Abständen werden neue Bücher auf den Markt geworfen, die dann möglichst schnell konsumiert werden. Nach dem kapitalistischen Motto: mehr, weiter, schneller, Gewinnmaximierung.

Viele Buchbloggende und andere Leser*innen beklagen schon seit längerem, dass die Qualität vieler dieser schnell auf den Markt geworfenen Bücher zu wünschen übrig lässt, selbst aus großen Verlagen. Ich sehe das vor allem im englischsprachigen Raum, aber nicht nur. Oftmals würden z.B. nur bestimmte Tropes checklistenmäßig, aber eher lieblos abgearbeitet. Tropes, die in manchen Verlagsausschreibungen mittlerweile vorgegeben werden.

Dass die Qualität leidet, ist wohl kein Wunder, wenn Autor*innen und andere, die an einer Buchveröffentlichung beteiligt sind, auch Lektor*innen, dazu angehalten werden, in erster Linie schnell zu arbeiten.

Die Flut der KI-generierten Bücher
Mehrere Selfpublishing-Autor*innen berichten, dass ihre Buchverkäufe auf Amazon stark zurückgegangen sind. Dafür mag es viele Gründe geben, und einer davon ist sicherlich die Flut an komplett KI-generierten Büchern auf Amazon, die echten Autor*innen die Sichtbarkeit nehmen. (2)

Und wo bleiben wir Autor*innen?
Autor*innen (und damit meine ich alle, die Bücher ohne KI schreiben), die jetzt im Bereich der Unterhaltungsliteratur durchstarten oder schon länger dabei sind, haben also im wesentlichen zwei Probleme: Wenn sie Selfpublishing machen möchten, müssen sie dabei gegen eine Flut KI-generierter Bücher anschreiben. Wenn sie in Verlagen veröffentlichen wollen, müssen sie damit rechnen, dass viele ihrer kreativen Ideen dort abgelehnt werden, weil sie nicht zu den aktuell gehypten Trends oder Tropes passen.

Ich zitiere noch etwas aus dem schon erwähnten Instagrambeitrag:

Autor*innen sehen sich nun zunehmend dem Druck ausgesetzt, möglichst viele Bücher pro Jahr zu schreiben, damit sie mithalten können mit dieser, ich nenne es mal Fast-Books-Produktion. Gleichzeitig können aber die meisten Autor*innen nicht vom Schreiben leben, müssen sich zwischen Brotjob und Familie oder anderen Verpflichtungen irgendwie arrangieren, damit sie weiterhin Bücher schreiben können. Ich lese hier immer wieder von Autor*innen, die psychisch oder physisch erkrankt sind (z.B. Burnout), weil sie diesem Druck auf Dauer nicht gewachsen sind.

Besonders schwer haben es marginalisierte Autor*innen, weil sie häufig noch weitere Belastungen haben (z.B. Diskriminierungserfahrungen wie täglichen Alltagsrassismus).

Hinzu kommt natürlich noch das Phänomen, dass Autor*innen diejenigen sind, die bei einer Buchveröffentlichung von allen beteiligten Personen am wenigsten verdienen, da nicht ihre Arbeitszeit bezahlt wird, sondern eine Form der Lizenz für ihr Werk.

Und was marginalisierte Autor*innen betrifft, gehe ich davon aus, dass in Zukunft weniger solche Leute veröffentlichen werden – wenn sich die Produktionsbedingungen auf dem Buchmarkt nicht strukturell wirklich verbessern. Und das zeichnet sich zurzeit leider nicht ab, soweit ich es sehen kann.

Und wie ist eigentlich das Verhältnis der vielen veröffentlichten Bücher zu tatsächlich gelesenen? In der Buchbubble sehe ich manchmal unglaubliche Zahlen, wie viele Bücher manche Buchblogger*innen jährlich lesen, teilweise über 150 Bücher.

Also habe ich eine Umfrage auf Tumblr gemacht, an der sich immerhin 373 Leute beteiligt haben. Klar, es ist keine repräsentative Umfrage, aber sie ergibt dennoch eine Tendenz. Die Mehrheit, rund ein Viertel der Beteiligten lesen jährlich nur 11 bis 25 Bücher, gefolgt von rund 21%, die bis zu 52 Bücher lesen.

All of that being said – ich denke, die Menschen, die dafür brennen, Geschichten zu erzählen, Geschichten zu schreiben, werden das auch weiterhin tun, aber vielleicht manche von ihnen auf anderen Wegen.

Geschichten zu erzählen und zu hören ist ein menschliches Grundbedürfnis, weil wir auf diese Weise unsere Welt und unsere menschliche Existenz in einem geschützten Rahmen erforschen können. Und das wird eine KI niemals verstehen, denn diese Systeme wissen nicht aus eigener Erfahrung, was es heißt, ein Mensch zu sein. Stattdessen produzieren (oder halluzinieren, wie manche es nennen) sie gewissermaßen nur aneinandergereihte Buchstaben, die nach Wahrscheinlichkeiten berechnet werden.

Was dieses menschliche Grundbedürfnis betrifft, komme ich immer wieder gern auf ein Zitat von Alan Rickman zurück:
„It’s a human need to be told stories. The more we’re governed by idiots and have no control over our destinies, the more we need to tell stories to each other about who we are, why we are, where we come from, and what might be possible.“

Übersetzung: „Es ist ein menschliches Bedürfnis, Geschichten erzählt zu bekommen. Je mehr wir von Idioten regiert werden und keine Kontrolle über unser Schicksal haben, desto mehr müssen wir uns Geschichten darüber erzählen, wer wir sind, warum wir sind, woher wir kommen, und was möglich sein könnte.“

Was mich betrifft, ich ziehe mich aus mehreren Gründen aus dem Schreiben mit Gewinnabsicht ca. 2027 zurück und werde dann „nur“ noch hobbymäßig schreiben, z.B. Fanfictions (die schreibe ich auch jetzt schon immer mal zwischendurch). Ich würde eigentlich liebend gern weiter als Autor*in mit Veröffentlichungen tätig sein. Ich hatte mal gehofft, das bis ins hohe Alter tun zu können. Aber der hohe Aufwand rund um eine Veröffentlichung lohnt sich für mich schlichtweg nicht mehr, wenn ich mir meine Buchverkäufe ansehe. Außerdem finde ich das hobbymäßige Schreiben, z.B. von Fanfictions, im Vergleich zu den Buchveröffentlichungen wunderbar entspannt.

Fußnoten
(1) Instagram-Beitrag: „Farbschnitte und was das mit Kapitalismus und Produktionsbedingungen zu tun hat“ https://www.instagram.com/p/DPyred4jq_V/
(2) siehe z.B. „Wie KI-Bücher Amazon KDP überfluten und den Buchmarkt verändern“ von Patrick Meier https://buchmarkt.de/patrick-meier-amazon-ki/

Goodbye, meine Selfpublishing Kindle E-Books

Ich werde im Januar 2026 alle meine Selfpublishing E-Books bei Amazon deaktivieren. Das heißt, dass neue Käufe nicht mehr möglich sind. Sie werden weiterhin via Tolino Media (d. h., in allen online Buchhandlungen außer Amazon) erhältlich sein.

Es tut mir leid für diejenigen von euch, die Kindle nutzen. Auf der anderen Seite fällt mir diese Entscheidung nicht schwer, da ich seit Monaten beobachte, dass meine E-Book Verkäufe auf Amazon stark eingebrochen sind. Davon berichten auch andere Autor*innen. Ein möglicher Grund ist die zunehmende Flut an KI-generierten Büchern auf Amazon.

Wenn ihr zurzeit überlegt, ein Kindle E-Book von mir kaufen zu wollen, jetzt wäre noch Gelegenheit dazu. Es tut mir leid, dass diese Ankündigung so kurzfristig kommt, aber ich hatte die entsprechenden Informationen nicht früher.

Der Grund für meine Entscheidung? Dafür zeige ich euch hier ein längeres Zitat:

Golden Czermak schrieb auf Facebook (übersetzt aus dem Englischen):
„Was haltet ihr davon, dass Amazon einen Chatbot in Büchern implementiert, mit dem man „das Buch, das man gerade liest, weiterverfolgen kann – aber nur bis zu der Stelle, die man bereits gelesen hat, ohne Spoiler. Für unsere unendlich neugierigen Leser bietet Ask this Book die Möglichkeit, während des Lesens eine beliebige Textstelle zu markieren und spoilerfreie Antworten auf Fragen zu erhalten, beispielsweise zum Motiv einer Figur oder zur Bedeutung einer Szene.“ Außerdem wird angedeutet, dass der Bot den Lesern die Gedanken der Autor*innen vermittelt …
Das scheint harmlos zu sein, bis man sich bewusst wird, dass das gesamte Buch von Amazons KI analysiert werden muss, damit dies funktioniert (und daher wahrscheinlich für weitere Trainingszwecke verwendet wird).
Auf Nachfrage war Amazon nicht bereit, näher darauf einzugehen, wies jedoch darauf hin, dass „Ask This Book“ für Rechteinhaber*innen nicht optional ist: „Um ein einheitliches Leseerlebnis zu gewährleisten, ist die Funktion immer aktiviert, und Autoren oder Verlage haben keine Möglichkeit, Titel davon auszunehmen.“
Diese Funktion ist derzeit in der Kindle-iOS-App verfügbar und wird 2026 auf alle Geräte und Apps ausgeweitet.“

Ein englischsprachiger Artikel mit weiteren Infos zu diesem Thema:

Biphobie und Bi-Erasure in der deutschsprachigen queeren Buchbubble

Lesezeit: ca. 8 Minuten.

Ich schreibe diesen Beitrag aus Sicht einer agender Person, die afab (assigned female at birth) ist, außerdem panromantisch und grauasexuell. Ich bin damit auf dem bi Spektrum und habe mich auch mit Diskursen um Bisexualität/Biromantik beschäftigt.

(Meine Unterscheidung in Romantik und Sexualität kommt durch das Split Attraction Model (SAM, das wird z.B. hier auf Deutsch erklärt: https://lgbt.fandom.com/de/wiki/Split_Attraction_Model)

Zunächst einmal:

Was ist Biphobie, oder Bifeindlichkeit?
Das ist eine Diskriminierung und Abwertung von bi Menschen, die oft leider auch innerhalb der queeren Community stattfindet. Aber auch außerhalb davon; für viele hetero Menschen sind bi Menschen nicht „straight“ genug, für manche queere Menschen sind sie „nicht queer genug“.

Was ist Bi Erasure?
Das Unsichtbarmachen von Bisexualität und Biromantik, z.B. weil Figuren in Romanen oder Filmen sich quasi „entscheiden”, ob sie schwul oder hetero sind, während die Möglichkeit von Bisexualität noch nicht mal erwähnt wird. Teilweise wird auch ganz real immer noch angezweifelt von manchen, ob Bisexualität überhaupt existiert, oder ob es nur eine Phase sei.

Beides ist sehr schädlich für Betroffene, da ihre sexuelle und/oder romantische Orientierung ständig abgewertet, geleugnet, kleingeredet oder ins Lächerliche gezogen wird.

Nicht queer genug?
In einer queeren Büchergruppe auf Facebook kam jüngst eine Diskussion zu einem Buch auf, in dem der bisexuelle Protagonist eine Beziehung mit einer Frau eingeht. Einige Personen waren der Ansicht, eine solche Beziehung sei „nicht queer genug“, daher würde das Buch nicht in die queere Büchergruppe passen.

Hier zum Mitschreiben:
Ein bisexueller Mensch wird nicht heterosexuell, nur weil er eine Beziehung mit einer Person eines anderes Geschlechts eingeht und mit dieser Sex hat. Bisexualität ist eine valide sexuelle Orientierung und nicht einfach nur eine Phase. Merkt euch das bitte, wenn es euch noch nicht klar war.

Klar, wenn Leser*innen nun sagen, wie es in der Gruppe der Fall war, sie wollen ausschließlich MM Romance oder FF Romance (oder MMM, FFF) lesen, werden sie sich nicht auf eine MF Romance einlassen – auch nicht, wenn eine der Figuren oder beide queer sind. Das mag viele Gründe haben und es ist zwar aus meiner Sicht schade, aber natürlich eine individuelle Entscheidung und das ist okay.

Aber zu sagen, bi oder pan Menschen oder fiktive Figuren, die eine Beziehung mit einem anderen Geschlecht eingehen, seien „nicht queer genug“ – das ist wie ein Schlag in den Magen für bi oder pan Menschen, die sich ständig mit solchen abwertenden Bemerkungen und Vorurteilen herumschlagen müssen. Das wurde auch in der genannten Diskussion von verschiedenen Leuten angesprochen.

Die betroffene Autorin, Svea Lundberg, hat nun in einem Instagram-Reel ein hörenswertes Statement zu dieser Angelegenheit gemacht. Hört es euch an, falls ihr Instagram nutzt: https://www.instagram.com/p/DSKLCwdDCDl/

Kommen wir zu einem anderen Thema.
Es ist seit Jahren ein Phänomen in der queeren Buchbubble, dass nicht nur schwule Personen, sondern auch viele queere und heterosexuelle Frauen MM Romance schreiben, für schwule Leute, aber auch für andere Frauen. Und da habe ich immer wieder beobachtet, dass manche Leserinnen Frauenfiguren in solchen Romanen häufig ablehnen. Weil diese natürlich von den männlichen Figuren ablenken. Oder auch, weil sie von den Autorinnen von vornherein negativ dargestellt werden, z.B. als Frau, die dem männlichen Protagonisten schöne Augen macht, was dieser aber einfach nur nervig findet, weil er nun mal schwul ist. Die weibliche Figur, die ihm Avancen macht, steht ihm also gewissermaßen als ärgerliches Hindernis im Weg. Andere „nervige“ Frauenfiguren treten oft ebenfalls auf, z.B. die queerfeindliche Mutter, die überfürsorgliche Schwester oder andere weibliche Verwandte, die beste Freundin, die zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt ist, die neugierige, tratschende Nachbarin, die eiskalte Vorgesetzte, oder Ähnliches.

Und in diesem Zusammenhang müssen wir über internalisierte Misogynie sprechen.
Das bezeichnet den Umstand, dass manche Frauen die in unserer Gesellschaft stark verbreitete Misogynie so sehr unbewusst verinnerlicht haben, dass sie nicht solidarisch mit anderen Frauen sind, sondern andere Frauen eher ablehnen, z.B. als potenzielle Rivalinnen betrachten. Noch mal zur Betonung, die internalisierte Misogynie ist den Betroffenen dabei häufig gar nicht bewusst.

Entsprechend werden solche Frauen leider auch weibliche Figuren in der Fiktion eher in einem negativen Licht sehen oder von vornherein ausschließen, Geschichten zu lesen, in denen Frauenfiguren eine wichtige Rolle spielen. Ganz insbesondere MF Romances, denn hier würde die Protagonistin wohl auch eher unbewusst als unerwünschte „Rivalin“ betrachtet werden (obwohl es sich ja um eine fiktive Figur handelt).

Zurück zum Thema Bisexualität und Vorurteilen über bi Menschen.
Hier sind noch mehr und alle davon sind einfach nur falsch. (Das wird nun etwas länger.)

Den folgenden Text habe ich übersetzt aus einem englischsprachigen Artikel von 2011, von Angela Dallara bei GLAAD: „Celebrate Bisexuality! GLAAD Dispels Common Myths and Stereotypes“, der allerdings nicht mehr online ist. Ich hatte mir den gesamten Text abgespeichert. Entsprechend handelt es sich um ein längeres Zitat.

„Vorurteil: „Alle Frauen sind bisexuell.“ oder „Es gibt keine bisexuellen Männer.“

Richtig ist: Eine pauschale Verallgemeinerung über die sexuelle Orientierung eines ganzen Geschlechts ist unverantwortlich, da sie die individuellen Erfahrungen und die Selbstidentität jeder Person in dieser Kategorie außer Acht lässt. Beispielsweise fühlen sich manche Frauen ausschließlich zu Männern hingezogen, manche fühlen sich romantisch, aber nicht sexuell zu anderen Frauen hingezogen, und manche fühlen sich gleichermaßen zu Frauen und Männern hingezogen. Ebenso fühlen sich manche Männer ausschließlich zu Frauen hingezogen, manche fühlen sich romantisch, aber nicht sexuell zu anderen Männern hingezogen, und manche fühlen sich gleichermaßen zu beiden Geschlechtern hingezogen. Die Behauptung, dass die sexuelle Orientierung einer Person nicht existiert, macht diese Person unsichtbar. Die romantischen Neigungen und Identitäten jedes Menschen sind einzigartig und wertvoll und verdienen Respekt.
(Denkt daran, dass diese beiden Stereotypen Hand in Hand gehen, um starre und schädliche Geschlechternormen durchzusetzen. Sie ähneln Vorstellungen wie „alle Frauen sind fürsorglich” und „alle Männer sind maskulin”, die nur dazu dienen, Menschen zu schaden, die nicht in diese Kategorien passen oder diese Eigenschaften nicht haben.)

Vorurteil: „Man ist nicht bisexuell, wenn man nicht mindestens eine Beziehung mit einem Mann und einer Frau hatte.“

Richtig ist: Viele Menschen wissen schon vor ihrer ersten Beziehung, dass sie bisexuell sind, genauso wie viele Menschen schon in jungen Jahren wissen, dass sie schwul oder heterosexuell sind. Es ist nicht notwendig, romantische Erfahrungen mit beiden Geschlechtern oder einem der beiden Geschlechter zu haben, bevor man sich als bisexuell identifiziert. Außerdem ändert sich die sexuelle Orientierung einer bisexuellen Person nicht, wenn sie heiratet.

Vorurteil: „Man ist nicht bisexuell, wenn man sich nicht zu gleichen Teilen zu Frauen und Männern hingezogen fühlt.“

Richtig ist: Manche bisexuelle Menschen fühlen sich überwiegend zu Männern hingezogen und gelegentlich zu Frauen. Manche bisexuelle Menschen fühlen sich überwiegend zu Frauen hingezogen und gelegentlich zu Männern. Manche bevorzugen es, genderqueere oder nichtbinäre Personen zu daten. Das Spektrum bisexueller Menschen umfasst alle möglichen individuellen Vorlieben. Das Einzige, was bisexuelle Menschen gemeinsam haben, ist, dass sie sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen.

Vorurteil: „Bisexuelle müssen in einer Dreiecksbeziehung mit einem Mann und einer Frau sein, anders können sie nicht glücklich werden.“ oder auch „Bisexuelle sind promiskuitiv, polyam und/oder unmoralisch.“

Richtig ist: Viele Bisexuelle leben in liebevollen, festen, monogamen Beziehungen mit einer Person. Viele bisexuelle Menschen heiraten schließlich. Bisexuelle Menschen neigen nicht eher dazu, mehrere Beziehungen gleichzeitig zu führen als heterosexuelle oder homosexuelle Menschen. Bisexuelle Menschen sind nicht unmoralisch, betrügerisch oder weniger sicher als Menschen anderer Orientierungen. Bisexuell zu sein hat damit zu tun, zu wem sich eine Person hingezogen fühlt, aber nichts damit, welche Art von Beziehungen sie bevorzugt.

Vorurteil: „Bisexuelle sind transfeindlich.“ oder „Das Wort Bisexualität ist transfeindlich“

Richtig ist: Bisexuelle Menschen diskriminieren trans Menschen nicht häufiger als heterosexuelle oder homosexuelle Menschen dies tun. Viele bisexuelle Menschen sind starke Verbündete von trans Personen, da sie Gemeinsamkeiten zwischen der Fluidität der sexuellen Orientierung und der Fluidität des Geschlechts sehen. Viele bisexuelle Menschen sind trans und viele gehen mit trans Personen aus. Das Wort „bisexuell“ bezieht sich einfach auf Menschen, die nicht monosexuell sind: Sie fühlen sich nicht ausschließlich zum anderen Geschlecht hingezogen und sie fühlen sich nicht ausschließlich zum eigenen Geschlecht hingezogen.

Vorurteil: „Bisexuelle werden nicht so diskriminiert wie schwule Männer oder lesbische Frauen, da sie ein heterosexuelles Privileg haben, als halb-heterosexuell.“

Richtig ist: Bisexuelle haben Schwierigkeiten sichtbar zu sein, sowohl in der heterosexuellen als auch in der homosexuellen Community. Bisexuelle sind oft sowohl der Diskriminierung ausgesetzt, der schwule Männer und Lesben ausgesetzt sind, als auch der Diskriminierung, die auf Biphobie beruht. Bisexuelle versuchen nicht mehr als schwule Männer oder Lesben, ihre Identität unter dem Deckmantel der Heterosexualität zu verbergen.“

(Ende des übersetzten Zitats)

Abschließend möchte ich gern sagen:
Bitte fallt nicht auf diese Vorurteile herein. Und sprecht bitte weder Menschen noch fiktiven Figuren ihre Queerness ab. Und falls ihr Frauen seid, die gern MM Romance lesen – überlegt doch mal bitte, wie ihr Frauenfiguren in diesen Romances gegenübersteht – und wie ihr mit anderen, ganz realen Frauen umgeht. Gleiches gilt ähnlich auch für Autorinnen: Überlegt doch bitte mal, wie stellt ihr die Frauenfiguren in euren MM Romances dar?
Und darüber hinaus wünsche ich mir mehr Offenheit und Neugier. Auch hinsichtlich Bi Romances mit Paaren, die nicht gleichgeschlechtlich sind.